Nimmt der Diakonieladen überhaupt noch Spenden an? „Ja!“, lautet die eindeutige Antwort von Elisa Bertoldi-Kerner, der Leiterin des Kirchheimer Diakonieladens. „Wir sind auf die Spenden dringend angewiesen, anders funktioniert unser System nicht.“ Aber: „Wir können nicht alles annehmen.“ Das sei schon immer so – alles, was über eine haushaltsübliche Menge hinausgeht, sei zu viel. Auch müssten die Stücke in so gutem Zustand sein, dass sie anderen noch eine Freude bereiten.
Verunsicherung bei der Spende
Im Moment wird der Diakonieladen regelrecht mit Kleidung geflutet, sagt Tanja Herbrik, die Geschäftsführerin des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen. Angesichts der Qualität, so Herbrik, bleibt die Freude dennoch aus. „Oft ist die Kleidung in so schlechtem Zustand, dass sie nicht verkauft, sondern teuer entsorgt werden muss.“ Schuld daran sei unter anderem eine neue EU-Richtlinie, die im Januar in Kraft getreten ist und seitdem für Verwirrung sorge. Die Menschen würden denken, dass sie Stoffe, die noch zu Dämmmaterial oder Putzlappen verarbeitet werden können, nun nicht mehr im Restmüll entsorgen dürften, sagt Andreas Caspar von der Öffentlichkeitsarbeit des Kreisdiakonieverbands Esslingen. Aus Angst vor einem Bußgeld, so Caspar, lande jetzt vieles, das normalerweise weggeschmissen würde, auf dem Tresen im Diakonieladen. Er versichert: „Das können wir verstehen, die Menschen wollen einfach alles gut und richtig machen.“
Thomas Ahlmann, Sprecher von Fair Wertung, die als Dachorganisation bundesweit rund 150 gemeinnützige Kleidersammler vertritt, hat sich gegenüber dem Teckboten bereits Mitte Januar zum Thema geäußert: Die für ein solches Vorhaben nötigen Recyclingverfahren gebe es noch gar nicht, und solange die Voraussetzungen dafür nicht geschaffen sind, bleibe die Umsetzung der Richtlinie ein übergeordnetes Ziel. Wer also weiterhin unbrauchbare Kleidung im Restmüll entsorge, müsse mit keiner Strafe rechnen.
Aber nicht nur die EU-Richtlinie trägt nach den Worten von Tanja Herbrik Schuld an der aktuellen Lage, der gesamte Markt werde regelrecht mit Fast Fashion überschwemmt. Es gibt immer mehr Kleidung, die billig hergestellt wird und innerhalb kürzester Zeit nicht mehr gut aussieht. Mit einstigen Qualitätsstandards habe das, so Elisa Bertoldi-Kerner, nichts mehr zu tun. Und auch zum Putzlappen eignet sich die Kleidung nach ihren Worten nicht: „Wegen der verarbeiteten Polyester und dem Polyamid ist die Saugkraft zu gering.“
Reste müssen entsorgt werden
Der Diakonieladen steht, so Elisa Bertoldi-Kerner, vor einem Dilemma, da die Aufbereitung dieser günstigen Kleidung genauso viel Zeit in Anspruch nehme wie die der hochwertigen Kleidung – aber höchstens zwei, drei Euro verlangt werden könnten. Und selbst wenn die Kleidung einen Abnehmer findet, ist die Freude nicht so groß, sei es doch ihr Anspruch, hochwertige Kleidung zu verkaufen. „Wir wollen hier Lieblingsstücken eine zweite Chance geben“, erklärt Tanja Herbrik. Zudem soll auf den Kleiderstangen im Laden neben Freizeitshirts auch ein guter Anzug und ein Kostüm für ein Vorstellungsgespräch zu finden sein.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Diakonieladen keinen Keller hat. Saisonware, die nicht verkauft wird, muss weg. „Auch wenn eine Winterjacke in sehr gutem Zustand ist, müssen wir sie spätestens im März, April entsorgen“, sagt Elisa Bertoldi-Kerner. Die gesamte Kleidung, die übrig bleibt – und das waren im vergangenen Jahr 17 Tonnen –, muss seit Oktober letzten Jahres von den Betreibern des Diakonieladens kostenpflichtig entsorgt werden. Bisher konnte der Diakonieladen die Kleidung noch an einen Weiterverwerter abgeben, nach dessen Aufkündigung des Vertrages sei das aber nicht mehr möglich, erklärt Andreas Caspar.
Elisa Bertoldi-Kerner sieht nur eine Lösung: „Wir müssen bei der Annahme strenger aussortieren.“ Das sorge aber bereits bei einigen Spenderinnen und Spendern für Unmut. „Es kommt immer öfter vor, dass wir angeschrien oder auch beschimpft werden.“ Das sei vor allem für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwer, da von diesen die meisten ohnehin ein Päckchen zu tragen hätten. Das Konzept des Diakonieladens ist es, Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, zu beschäftigen, sagt Tanja Herbrik. „Oft waren sie lange zu Hause und haben schon mit den Strukturen des Arbeitsalltags zu kämpfen.“ Wenn sie dann noch Gewalt während der Arbeit erfahren, würden sie das meist nur langsam verarbeiten.
Nachfragen sind erwünscht
Andreas Caspar kann die Verärgerung nachvollziehen. Er ist der Überzeugung, dass die Menschen etwas Gutes tun wollen: „Sie kommen oft vor der Arbeit vorbei, müssen schnell weiter und dann wird erst mal die Spende durchgeschaut.“ Das sieht auch Elisa Bertoldi-Kerner so und hofft auf einen offenen Dialog: „Wenn sich jemand unsicher ist, was er bringen kann, soll er sich einfach bei uns melden. Wir nehmen uns gerne Zeit und klären auf.“

