Papken Kamaia kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Heute arbeitet er als Immobilienkaufmann bei der Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen und lebt in Kirchheim. Der 36-Jährige hatte in Aleppo sein Jura-Studium abgeschlossen, als der Krieg begann. Aus seiner Sicht ist das Thema Migration eng mit der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes verknüpft: „Ereignisse wie die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, Inflation, Wohnungsnot und der wirtschaftliche Abschwung haben die Stimmung vieler Menschen beeinflusst. Dadurch ist die Atmosphäre aktuell nicht immer positiv.“ Einige Vorfälle, besonders die Straftaten, würden häufig als direkte Folge der Migrationspolitik gesehen. „Ich nehme die Stimmung teils als angespannt wahr“, so der gebürtige Syrer. Er werde gerade im beruflichen Alltag öfter gefragt, woher er komme. „Teils wegen meines Akzents. Das liegt aber nicht an meinen Deutschkenntnissen, den habe ich bei allen Sprachen, die ich spreche.“
Mit Vorurteilen konfrontiert
Von den meisten fühle er sich als Teil der Gesellschaft akzeptiert, sagt Papken Kamaia, der seit einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft hat und Deutschland als seine Heimat betrachtet. „Ich habe privat viele deutsche Freunde, ich fühle mich nicht fremd und gebe selbst von Anfang an mein Bestes, um mich zu integrieren“, so der 36-Jährige, der sich vielseitig engagiert. Besonders für jene, die aktuell in Deutschland ankämen, gebe es aber viele Unsicherheiten, was die Verschärfung der gesetzlichen Regelungen angehe. „Da sinkt die Motivation, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren“, beobachtet Kamaia. „Unter den Migranten ist die Angst angesichts der aktuellen Debatte sehr verbreitet.“
Savannah Neyou stammt aus Kamerun und lebt bereits seit 2007 in Deutschland. Die 43-Jährige arbeitet als Fachkraft in der außerklinischen Intensivpflege. Sie sieht allgemein die Stimmung im Land aktuell häufig von Angst geprägt. „Viele Deutsche sind wütend, weil so viele Migranten ins Land kommen. Doch anstatt die Politik zu kritisieren, lassen manche ihren Frust an uns Ausländern aus. Besonders in Behörden werden wir oft schlecht behandelt, dabei haben wir diese Situation nicht verursacht“, sagt Neyou. Über die vielen negativen, auch rassistischen Erfahrungen, die sie persönlich oder ihre Kinder gemacht haben, könnte sie ein Buch schreiben, sagt die 43-Jährige. „Meine Kinder wurden zum Beispiel gefragt, ob in ihrer ‚Heimat‘ wilde Tiere mit Menschen zusammenleben oder ob sie durch die Wüste nach Deutschland gekommen sind. Meine Kinder sind hier geboren." Solche Erlebnisse gebe es viele. „Die Frage ist: Warum bleiben wir in einem Land, das uns nicht will? Früher war Deutschland für uns ein Ort der Sicherheit und der guten medizinischen Versorgung. Doch selbst diese positiven Seiten verschlechtern sich langsam“, so Savannah Neyou. Trotz allem fühle sie sich integriert: „Ich spreche Deutsch, habe eine Ausbildung gemacht, arbeite und zahle Steuern – genau wie jeder und jede Deutsche.“
Der Wunsch, wählen zu dürfen
„Ich bin 2002 mit acht Jahren mit meinem Vater aus Algerien nach Deutschland gekommen“, erzählt Oussama Saidi (31). Das sei damals für ihn eine komplett neue Welt und schon allein mangels Sprachkenntnissen ein schwerer Start gewesen. Oussama Saidi war zielstrebig, hat die Schule erfolgreich abgeschlossen und ebenso seine Ausbildung. Heute arbeitet der 31-jährige Kirchheimer als Ausbilder für Elektroniker bei der Fohhn Audio AG in Nürtingen. Was die aktuelle Atmosphäre im Land angehe, so gebe es plötzlich viele „Asylexperten“, sagt Oussama Saidi. Ihm gegenüber gebe es immer mal wieder Sprüche wie: „Na, Wirtschaftsflüchtling? Ich habe nie zugelassen, dass mich sowas berührt.“ Überwiegend seien seine Erfahrungen aber positiv und er fühle sich schon lange als Teil der Gesellschaft. „Ich bin hier aufgewachsen, habe aber erst vor zwei Monaten den Antrag auf Einbürgerung gestellt. Ich möchte wählen dürfen. Ich kann mich nicht mal auf kommunaler Ebene beteiligen. Bisher habe ich nicht die Notwendigkeit gesehen, das hat sich angesichts der aktuellen Entwicklungen geändert.“
Zu viel Bürokratie erschwert die Integration
Kirchheimer Experten schildern die komplexe Beratungsarbeit und kritisieren die Pauschalisierung beim Thema Migration.
Marianne Gmelin engagiert sich in Kirchheim schon seit Jahrzehnten in der Flüchtlingshilfe, unter anderem beim AK Asyl. Wie Reinhard Eberst, Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim, sowie Theresa Ringwald und Helena Saidi von Chai, dem „Zentrum für Menschen mit Migrationsvorsprung“ im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde, betrachtet sie die aktuelle Entwicklung und Debatte zur Migration mit Sorge.
„Auch diejenigen, die schon ewig hier leben, fühlen sich oft nicht mehr zugehörig. Bei der anstehenden Wahl ist die Migration das Hauptthema, dabei gäbe es noch ganz andere. Es kann nicht sein, dass man selbst die ausgrenzt, die hier seit Generationen leben. Es wird bei diesem Thema sehr pauschalisiert, das ist furchtbar“, betont Marianne Gmelin und spricht damit einen Punkt an, den auch die anderen in der Runde deutlich hervorheben.
Dazu bestätigen alle aus ihrer umfassend beratenden und unterstützenden Arbeit, dass die Rahmenbedingungen immer schwieriger werden. Für diejenigen, die Antworten auf ihre Fragen suchen, und jene, die sie beantworten sollen. „Es gibt ständig Änderungen im Asyl- und Aufenthaltsrecht. Es fällt daher immer schwerer, den Überblick zu behalten“, schildern Theresa Ringwald und Helena Saidi die Schwierigkeiten ihrer täglichen Arbeit. Zu viel Bürokratie beklagen auch Reinhard Eberst und Marianne Gmelin und verweisen dabei unter anderem auf die Regelungen zu den Sprachkursen. „Das fängt schon damit an, dass es zu wenige gibt, der Bedarf aber hoch ist“, so Gmelin. Im Bundeshaushalt für 2025 würden zudem die finanziellen Mittel für die Integrationskurse deutlich gekürzt. Laut der angepassten Integrationsverordnung entfalle beispielsweise größtenteils die Möglichkeit, einen Kurs bei Bedarf zu wiederholen. Spezielle Kurse für Jugendliche, Frauen und Eltern sollen gestrichen werden. „Wenn man bei der Sprachvermittlung spart, wird die Integration immer schwieriger“, betont Marianne Gmelin. Die Sprache sei ein zentraler Faktor, sowohl für die Integration in die Gesellschaft als auch den Arbeitsmarkt. „Eigentlich ist es insgesamt immer mehr ein Integrations-Verhinderungsgesetz“, sagt Reinhard Eberst. Auch für die Arbeitgeber seien die bürokratischen Hürden nach wie vor hoch, wenn sie ausländische Arbeitskräfte beschäftigen wollen, ergänzt Theresa Ringwald.
Die Unsicherheit nehme bei den Geflüchteten, die in die Chai-Beratungsstelle kommen, zu, weiß Helena Saidi: „Viele wissen nicht, wie es für sie weitergeht.“ Teils seien es „gewollte Hürden“ wie nicht immer niederschwellige Zugänge zu den für sie notwendigen Informationen bei den Behörden, kritisiert Saidi. Das Team von Chai helfe dann, so gut es unter den aktuellen Umständen gehe, weiter.
In der Gesellschaft mache sich immer mehr Unzufriedenheit breit, viele Probleme würden dabei auf die Flüchtlinge geschoben, so Reinhard Eberst: „Ein Beispiel ist der knappe Wohnraum. Hier wäre es dringend, dass endlich mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird.“
Kritisch sieht der Leiter der Diakonischen Bezirksstelle des Kreisdiakonieverbands in Kirchheim zudem die aktuelle Diskussion über eine Abschaffung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte, also jene Menschen, die belegen können, dass ihnen in ihrem Herkunftsland ein ernsthafter Schaden droht. „Für die psychische und psychosoziale Stabilität ist der Familiennachzug wichtig“, betont Reinhard Eberst.
Die aktuelle Migrationsdebatte gehe an der Realität vorbei, sagt Theresa Ringwald: „Man macht sich langsam Sorgen, dass das Menschenrecht auf Asyl in Gefahr ist.“ Jeder, der das Privileg habe, wählen zu dürfen, solle bei der anstehenden Bundestagswahl davon Gebrauch machen und dabei auch an jene denken, die es nicht können, appelliert Ringwald. Reinhard Eberst ergänzt, um Vorurteile abzubauen, seien Begegnungen mit Menschen mit Migrationshintergrund von zentraler Bedeutung. Für den Austausch gebe es etwa bei den angebotenen Treffs die Gelegenheit. Katja Eisenhardt

