Wer bin ich? Eine Ameise, ein Papagei, eine Schildkröte oder doch eher ein Gorilla? Oder eine Kombination aus mehreren Tieren? Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5 c der Kirchheimer Raunerschule stellen sich an diesem Vormittag ebenjene Frage. Es geht bei der Übung um die Selbsteinschätzung, um das Erkennen und Nutzen der persönlichen Stärken. Die vier Tiere stehen dabei für bestimmte Persönlichkeitstypen und Charaktereigenschaften: Die Ameise ist die unermüdliche, fleißige, zielstrebige und strukturierte Macherin. Sie ist hilfsbereit und liebt Zahlen, Daten und Fakten. Der Papagei ist der Wirbelwind, er steht für Lebensfreude, Kreativität und Kommunikation, er ist ausdrucksstark und spontan. Die Schildkröte ist dagegen die tiefenentspannte Denkerin, sie ist sehr geduldig und verlässlich, aber nicht so entscheidungsfreudig. Der Gorilla steht für Stärke und Klarheit, er ist verantwortungsbewusst und durchsetzungsfähig, respektiert aber auch die Stärken von anderen.
Das mit den Tieren ist echt spannend, da erfährt man Sachen über sich, die man vorher noch nicht wusste.
Cosima, Fünftklässlerin
Auf dem Stundenplan steht für die drei fünften Klassen der Raunerschule ein Resilienztraining mit Meike Scharnagl, ihres Zeichens Kinder-, Jugend- und Elterncoach und Schulpotenzialtrainerin mit eigener Praxis in Wendlingen und Teil des vierköpfigen „Zukunftshelden“-Teams. Scharnagl und ihre drei Kolleginnen sind mit den Trainings für Selbstbehauptung und Resilienz in Kindergärten und Schulen in der Region Stuttgart, Esslingen, Göppingen und Schorndorf im Einsatz. An der Raunerschule ist Meike Scharnagl in diesem Schuljahr in den drei Fünferklassen. Dazu im Februar und April 2026 in den Abschlussklassen im Rahmen der Prüfungsvorbereitung. Auch an der benachbarten Teck-Realschule war sie unter anderem bereits.
Selbstwahrnehmung lernen
„Wer von euch braucht klare Abläufe? Wer vermeidet gerne Konflikte? Wer kann gut improvisieren, wenn etwas schiefläuft? Wer von euch übernimmt gerne Verantwortung und wer arbeitet gerne im Team?“, fragt die Trainerin in die Runde. Auf wen die jeweilige Frage zutrifft, der steht auf, passt sie nur so halb, geht man in die Hocke. „Jeder von uns hat einen Anteil aller Tiere in sich, vom einen mehr, vom anderen weniger“, erklärt Meike Scharnagl. Nachdem alle ein Haupt-Tier für sich gewählt haben, sollen sie überlegen, von welchem oder welchen anderen sie noch gerne etwas mehr hätten. „Manche Eigenschaften und Talente verändern sich über die Jahre“, ergänzt die Trainerin, „ihr seid erst in Klasse fünf, also noch mitten in eurer Entwicklung und Entfaltung.“ Die Selbsteinschätzungsrunde klappt gut, bei der Auswahl der auf sie zutreffenden Eigenschaften sind die Mädels und Jungs sehr klar. „Das ist echt spannend, da erfährt man Sachen über sich, die man vorher noch nicht wusste“, finden Cosima und Felice. Ziel der Übung ist es zudem, dass die Schülerinnen und Schüler auch die Klassenkameraden einzuschätzen lernen und deren Stärken und Schwächen im Umgang miteinander respektieren.
Auf die Bedürfnisse achten
Auf ein Plakat hat Meike Scharnagl ein „Bedürfnishaus“ gezeichnet: Im Fundament stehen Stichworte wie Bewegung, Luft, Wasser, Schlaf und Nahrung – Grundbedürfnisse. Im Haus selbst sind die Freunde und Familien, Ferien, Haustiere oder auch Punkte wie Hobbys und eine Auszeit verortet. Im Dach stehen Erfolg und Wachstum – die nur möglich sind, wenn das Grundgerüst und Fundament dafür vorhanden und intakt ist. Unter dem Haus sind Akkus dargestellt: „Sie müssen voll geladen sein, damit ihr Energie habt und euch gut fühlt“, erklärt Meike Scharnagl.

Doch was tun, wenn die Akkus leer sind, wenn es stressig wird – etwa vor Klassenarbeiten – oder man überfordert ist? „Dann holt euch Hilfe. Man kann dann wachsen, wenn man ein Gefühl von Sicherheit hat. Dann können sich gute Gedanken und Gefühle entwickeln“, so die Trainerin. Durch das Verstehen der eigenen Bedürfnisse sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, mit fordernden Situationen umzugehen, ihr Nervensystem zu regulieren und die „Gefühlsampel“ von Rot und Gelb wieder auf Grün zu schalten. Unterstützend werden dafür verschiedene Atemübungen oder auch das beruhigende Abklopfen des Körpers eingesetzt. In den Unterricht werden diese regelmäßig eingebaut, erklären die beiden Klassenlehrer Sina Schaffran und Timo Steinacher.
Im letzten Schuljahr wurde mit dem Resilienztraining an der Raunerschule gestartet. „Der Ursprung lag in einem Vandalismusproblem. Wir haben überlegt, wie man statt Verboten präventiv vorgehen kann, um dem entgegenzuwirken“, berichtet Sina Schaffran. Das Training und seine Übungen zur Selbstwahrnehmung und -regulierung seien da hilfreich.
Das bedeutet Resilienz
Bezogen auf den Menschen beschreibt Resilienz die Fähigkeit von Personen oder Gemeinschaften, schwierige Lebenssituationen wie Krisen oder Katastrophen ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen.
Bei den Trainings lernen die Kinder und Jugendlichen, Konfliktsituationen gewaltfrei zu lösen, mutiger und selbstsicherer zu werden, auf Beleidigungen und Provokationen entspannt zu reagieren, wann klare Kommunikation eine große Hilfe ist, den Fokus auf die guten Dinge im Leben zu legen, die eigenen Grenzen und die anderer zu erkennen und zu respektieren, innerlich zufriedener und freier zu werden und die eigenen Gefühle wahrzunehmen und darauf zu vertrauen.
Weitere Infos gibt es online unter www.zukunftshelden-bw.de.

