Digitalisierung
Die Mülltonne wird intelligent

Der Landkreis will alle Abfallbehälter mit einem Chip versehen. Ziel ist mehr Gebührengerechtigkeit und eine lückenlose Kontrolle. Die Einführung könnte sich jedoch bis 2029 hinziehen. 

320.000 Müllbehälter sind im Kreis Esslingen in Umlauf. Kommt der Chip in der Tonne, müssen sie getauscht werden.  Foto: Markus Brändli

Wo wurde wie oft geleert, was genau wird abgerechnet und welche Tonnen wurden bei der letzten Leerung möglicherweise vergessen? Mit den aufgeklebten Jahresmarken als einzigem Registrierungsnachweis sind Antworten auf solche Fragen bisher schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Der Esslinger Abfallwirtschaftsbetrieb tut sich mitunter schwer, bei rund 320.000 Müllbehältern, für die er zuständig ist, den Überblick zu behalten.

Irgendwann fallen die Dinger einfach ab.

AWB-Chef Michael Potthast zu den Problemen mit aufgeklebten Müllmarken.

Die Nachteile wiegen schwer: Reklamationen lassen sich kaum stichhaltig prüfen, gleichzeitig werden bis zu fünf Prozent der Tonnen unberechtigterweise geleert, weil sie zu Zeiten draußen stehen, für die gar nicht bezahlt wurde. Bis zu 3500 Tonnen unbezahlter Restmüll muss vom Landkreis jedes Jahr teuer in der Müllverbrennungsanlage in Stuttgart-Münster entsorgt werden. Nicht immer ist Vorsatz im Spiel, wenn falsch geleert wird. Oft sind aufgeklebte Marken schlicht nicht mehr lesbar, weil sie nicht witterungsbeständig sind. „Irgendwann fallen die Dinger einfach ab“, sagt AWB-Geschäftsführer Michael Potthast.

Was also tun? Die Lösung: ein elektronischer Chip, der fest im Deckel verbaut ist und mit seinem Gegenstück im Müllfahrzeug Zwiesprache hält. Datum, Uhrzeit und ID-Nummer des Behälters werden so zentral gesammelt, ausgewertet und können auf diesem Weg exakt einem Grundstück zugeordnet werden. Das alles ist nicht neu. Rund 70 Prozent aller Landkreise in Deutschland nutzen die Technik bereits. Spinnt man die Sache weiter, lässt sich über fest verbaute Kameras in den Fahrzeugen auch unsortierter Tonneninhalt dokumentieren. Wer Müll also auf falschem Weg entsorgt, wird verwarnt und gegebenenfalls zur Kasse gebeten.

Worauf also warten? Das Problem: Öffentlich-rechtliche Entsorger und private Abfuhrunternehmen haben langfristige Verträge über fünf Jahre hinweg und mehr. Meist sind für die jeweiligen Müllarten verschiedene Unternehmen verantwortlich. Wollte der Landkreis ins digitale Tonnenzeitalter starten, müssten sich die nächsten Ausschreibungen erst an Partner richten, die über die Technik verfügen. Dem AWB zufolge wäre ein realistischer Zeitpunkt für die Einführung deshalb frühestens zu Beginn 2029. Im kommenden Jahr wolle man ein entsprechendes Konzept erarbeiten, 2027 finden dann turnusgemäß die ersten Ausschreibungen statt, berichtete AWB-Geschäftsführer Michael Potthast im zuständigen Betriebsausschuss. Das Gremium des Kreistags gab dabei grünes Licht für weitere Vorbereitungen auf den Umstieg. Ein endgültiger Beschluss zur Einführung des Systems soll erst Ende kommenden Jahres fallen.

Bis dahin sollen auch die Nachteile beleuchtet werden. Neben den Kosten ist das vor allem ein wachsendes Risiko, dass Müll auf illegale Weise entsorgt wird, wenn das System keine anderen Schlupflöcher mehr lässt. Bedenken, dass vor allem größere Wohnanlagen zu Problemzonen werden könnten, kommen aus Reihen von CDU und Freien Wählern. Weitgehend Einigkeit herrscht hingegen beim Thema Gebührengerechtigkeit: „Nur für den Müll zu bezahlen, den man auch verursacht hat, ist durchaus sinnvoll“, meint der Kirchheimer FDP-Kreisrat Albert Kahle.