Wieder einmal bleibt den Sternsingern allenfalls der Stern, den sie durch die Straßen tragen können. Aber wieder einmal müssen in ihrem segensreichen Tun still zu Werke gehen – ohne ein einziges Lied zu singen. Die Pandemie-Lage verhindert das Singen also erneut. Sternsingen ohne Singen, geht das überhaupt? Nach den Erfahrungen aus dem vergangenen Winter ist diese Frage eindeutig zu bejahen. Wenn man so will, hat der Verzicht aufs Singen sogar einen Vorteil: Die Reichweite vergrößert sich enorm.
In kleinen bis ganz kleinen Gruppen, bei denen nach Möglichkeit alle Mitglieder zum selben Haushalt gehören, ziehen die Kinder nun also wieder durch die Straßen. Sie werfen einen Gruß in die Briefkästen, bei dem sich neben einem Informationsblatt zur Aktion Dreikönigssingen auch der wichtige Segen in Form eines Aufklebers findet. „C + M + B“ steht darauf, umrahmt von der neuen Jahreszahl „2022“. Die Buchstaben C, M und B werden volkstümlich als die Anfangsbuchstaben von Caspar, Melchior und Balthasar verstanden. Tatsächlich aber handelt es sich um die Abkürzung des lateinischen Satzes „Christus mansionem benedicat“ – „Der Herr segne dieses Haus“.
Normalerweise würden die Sternsingen diesen Segensspruch mit Kreide über die Türen schreiben. Aber schon vor der Pandemie haben die praktischen Aufkleber Einzug gehalten, die keine Spuren hinterlassen und deren Schrift auch nicht verwischt. Wenn allerdings auf das Singen und auf den Hausbesuch komplett verzichtet werden muss, ist die Form des gedruckten Segens noch sehr viel praktischer. Ansonsten müssten die Kinder ihrem Segensgruß ja noch ein Stückchen Kreide für jeden Haushalt hinzufügen.
„Wir müssen darauf achten, dass es zu möglichst wenig Begegnung kommt“, sagt Franz Keil, Pfarrer der Kirchengemeinde St. Ulrich in Kirchheim zur corona-konformen Form des Sternsingens. So sehr das Vermeiden von Kontakt aber wichtig und richtig ist im Kampf gegen die Pandemie. so sehr widerspricht es dem Prinzip des Sternsingens. „Frieden tragen wir in die Welt hinaus – der Stern bringt Licht in euer Haus.“ So oder so ähnlich stellen sich die Sternsinger bei ihren Besuchen vor.
die wir als Kirche im Moment haben.
Dabei ist es gar nicht so sehr der Stern selbst, der Licht bringt. Der ist aus Holz. Bewusst verzichten die Kinder darauf, ihn durch elektronischen Schnickschnack zum Leuchten zu bringen. Das Licht geht vielmehr von den Kindern in ihren Kostümen aus, vom Gesang und vom Aufsagen der Gedichte. Das Licht der Sternsinger ist gerade die Begegnung, gerade der Kontakt zum Jahreswechsel. Und beides – Begegnung wie Kontakt – ist nun wieder einmal nicht möglich. Die leuchtenden Augen der Kinder können also ein weiteres Mal nicht dafür sorgen, dass auch die Augen der Erwachsenen, für die sie singen, zu leuchten beginnen.
Für Franz Keil ist das in jeder Hinsicht bedauerlich, auch wegen des Ansehens der Kirche: „Die Sternsinger sind die beste Außenpolitik, die wir als Kirche im Moment haben“, sagt er und spielt damit auf aktuelle Geschichten an, in denen die Kirche – vorsichtig formuliert – nicht gerade das beste Bild abgibt.
Ein wesentlich besseres Bild wäre also das von der zentralen Aussendungsfeier vor dem Kirchheimer Rathaus gewesen, mit der die beiden katholischen Kirchengemeinden ihre Sternsinger – zu denen auch viele evangelische Kinder zählen – auf deren spezielle „Missionsreise“ schicken. Außer im Stadtgebiet Kirchheims sind die die jungen Botschafter der Gemeinden St. Ulrich und Maria Königin auch noch in den Filialgemeinden in Bissingen, Dettingen, Jesingen, Nabern, Notzingen, Schlierbach, Ohmden und Ötlingen unterwegs. Gleiches gilt auch für die anderen katholischen Kirchengemeinden rund um die Teck.
Normalerweise hätte die Aussendungsfeier am heutigen Dienstagnachmittag über die Bühne vor dem Rathaus gehen sollen. Auch der Marktplatz als Ausweichort stand wieder zur Diskussion – weil sich dort die Abstände besser einhalten ließen. Die komplette Absage, die ein Gebot der Vernunft ist, begründet Pfarrer Keil folgendermaßen: „Mir wäre das zu gefährlich gewesen. Dass sich noch jemand wegen der Sternsinger infizieren würde, das kann es ja ganz bestimmt nicht sein.“
„Gesund werden – gesund bleiben“
So bleibt also alles beim gewohnten Bild: Das Aktionsmotto wird nur schriftlich überreicht und ohne direkten Kontakt. Im Mittelpunkt der Aktion steht dieses Mal der Südsudan. Das Motto lautet – passend zur globalen Pandemie: „Gesund werden – gesund bleiben. Ein Kinderrecht weltweit“. Dabei geht es aber nicht nur um das Coronavirus und das Impfen, sondern um die medizinische Versorgung allgemein, um den Zugang zu Krankenhäusern, die Anzahl der Ärzte umgerechnet auf die Einwohnerzahl, aber auch um die Kosten für einen Arztbesuch oder um das Essen im Krankenhaus. Im Südsudan ist das alles nicht so einfach wie in Deutschland.
Und trotzdem bleibt das Motto weltweit verbindend, denn den traditionellen Grußformeln hat sich in der Pandemie längst eine zusätzliche Formel für den Abschied hinzugesellt: „Bleib(t) gesund“. Mit den Spenden, um die die Sternsinger nun trotz allem bitten, werden Projekte in aller Welt unterstützt – damit Kinder gesund werden und gesund bleiben können.