Integration
Die Welt zu Gast im Eckpunkt

Auf Augenhöhe und in familiärer Atmosphäre begegnen sich Geflüchtete und Ehrenamtliche in Kirchheim zum Austausch von spannenden Lebensgeschichten und typisch deutschen Eigenheiten.

Am Freitagabend sind rund 50 Personen aus über sechs Nationen im Kirchheimer Café Eckpunkt anzutreffen. Schwierigkeiten in der Verständigung werden mit Hilfe von Google-Übersetzer oder Freunden, die schon länger in Deutschland leben, bewältigt. Foto: Carsten Riedl

„Wir schaffen das!“ dachte sich wohl auch der Kirchheimer Pfarrer Jochen Maier im Jahr 2015. Die Flüchtlingswelle nahm er mit seiner Kirchengemeinde und dem Kreisdiakonieverband zum Anlass, ein Begegnungscafé für Migranten zu gründen. Knapp zehn Jahre später existiert es immer noch und ist besser besucht denn je. 

Freitags von 17 bis 19 Uhr füllt sich der Eckpunkt im Kirchheimer Diakonieladen mit Gästen aus aller Welt: Im Zentrum des Geschehens steht die interkulturelle Begegnung. Etwa ein Dutzend Ehrenamtliche bereiten das Café mit allerlei Leckereien vor und stehen für Gespräche mit den Gästen zur Verfügung. Gisela Glasebach von der kirchlich-diakonischen Flüchtlingsarbeit kennt die Anliegen, die ihre Gäste beschäftigen: „Wir helfen den Migranten, wenn sie Schwierigkeiten haben, einen Job oder eine eigene Wohnung zu finden.“ Zum Treffen bringen sie Hausaufgaben, Arbeitshefte und Briefe von Ämtern mit.

Gemeinsame Erfolge

Viel lieber wird an den Tischen jedoch über Themen aus dem Alltag geplaudert. Mustafa Gimen aus der Türkei gefällt das besonders, denn im Deutschkurs lerne er die ganze Grammatik und Rechtschreibung, die Aussprache käme dort allerdings viel zu kurz. Er zeigt ein Foto von seinem Zeugnis, bei dem ihm nur in der Kategorie „Sprechen“ einige Punkte zur Bestnote fehlen. In seiner Heimat hat er als Rechtsanwalt und Richter gearbeitet und ist aus politischen Gründen vor zwei Jahren nach Deutschland geflüchtet. Für ihn gibt es wenige Orte wie das Begegnungscafé, an dem er mit Deutschen persönlich in Kontakt kommen kann.

Die Ehrenamtlichen geben sich Mühe, langsam und deutlich zu sprechen, sodass alle folgen können. Eine von ihnen ist die pensionierte Lehrerin Margarete Ellwanger. Sie ist seit 2015 im Team und erinnert sich an die Anfänge des Cafés zurück, als es noch aus einer kleinen Gruppe bestand. „Wir haben zusammen Ausflüge gemacht – ich war wie eine Mama für die jungen Iraner“, erzählt sie begeistert. Inzwischen seien sie bestens integriert und hätten auch Arbeit gefunden. Mit drei habe sie heute noch eine enge Beziehung. 

Aus dem Irak kam vor fünf Jahren Nasrin Shamdin. Sie wohnt ganz in der Nähe des Cafés und sagt, schon sehr viel von den ehrenamtlichen Mitarbeitern gelernt zu haben. Sie arbeitet in einem Altersheim und bringt immer ihre beiden Kinder mit zum Begegnungscafé. Die beiden Schwestern Lisa und Anna Kordun sind mit ihrer Mutter Lena vor zwei Jahren aus einem kleinen Kiewer Vorort wegen des Krieges nach Deutschland geflüchtet. Sie vermissen ihren Vater und ihre Heimat, fühlen sich jedoch wohl und willkommen in Deutschland. Lena ist leidenschaftliche Töpferin und hat beim interkulturellen Familienfest einen Töpfer-Workshop für Kinder angeboten. Sie besucht jede Woche einen mehrsprachigen Chor und kommt freitags gerne mit ihren Töchtern in den Eckpunkt.

Für die Freiwillige Sabine Eberlein gehören die Christmas-Party und das Zuckerfest am Ende des Ramadan zu den Jahreshighlights. Sowohl am muslimischen als auch am christlichen Feiertag sei das Haus rappelvoll gewesen – ein Zeichen für Offenheit, Toleranz und ehrlichem Interesse gegenüber fremder Kulturen.Gisela Glasebach träumt davon, ein weiteres Begegnungscafé an einem anderen Standort zu eröffnen. Dafür fehle es jedoch noch an Ehrenamtlichen.

Interessierte können am Dienstag, 1. Oktober, von 19 bis 20 Uhr zur Infoveranstaltung in die Hindenburgstraße 4 nach Kirchheim kommen oder sich per E-Mail melden unter g.glasebach@kdv-es.de