Notfallversorgung
Eine Ärztin warnt: „Wir steuern auf die Katastrophe zu“

Nachdem klar ist, dass die Bereitschaftspraxis in Kirchheim Ende März schließen wird, rechnen Klinikärzte mit dem Schlimmsten. Für eine Oberärztin in der Notaufnahme ist die Grenze schon jetzt erreicht.

Miriam Proch kümmert sich als Oberärztin in der Notfall-Ambulanz der Kirchheimer Medius-Klinik um Kranke und Verletzte. Sie sieht sich und ihre Mitstreiter am Limit. Foto: Carsten Riedl

Sämtliche Politiker-Appelle und landesweiten Proteste haben am Ende nichts bewirkt: Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) wird wie angekündigt bis Jahresende 18 Bereitschaftspraxen im Land aufgrund des Ärztemangels auflösen – darunter auch die im Kirchheimer Krankenhaus. Kirchheim zählt gemeinsam mit Bad Saulgau und Neuenbürg im Enzkreis zu den Standorten, die als landesweit erste bereits am 31. März schließen. Außerhalb normaler Sprechstundenzeiten bleiben Patienten im Kreis Esslingen dann nur noch die hausärztlichen Bereitschaftspraxen in der Medius-Klinik auf dem Nürtinger Säer, in der Filderklinik in Bonlanden und im städtischen Klinikum in Esslingen.

So will es der Plan, doch Mediziner im Kirchheimer Krankenhaus fürchten ein ganz anderes Szenario: dass Patienten weiterhin den bequemsten Weg wählen – und in der chronisch überlasteten Notfall-Ambulanz landen. Dort kümmert sich Miriam Proch als Oberärztin mit ihrem Team um Notfallpatienten – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die 45-jährige Medizinerin spricht offen aus, was viele nur denken: „Wir steuern auf die Katastrophe zu“, sagt sie. Die Zentrale Notaufnahme liegt im ersten Stock der Medius-Klinik direkt gegenüber der Notfallpraxis, in der Hausärzte an Wochenenden ihren Bereitschaftsdienst leisten. Beide Anlaufstellen arbeiten seit vielen Jahren erfolgreich Hand in Hand, obwohl sie rein fachlich nichts miteinander zu tun haben. Die einen ermöglichen den Kontakt zum Hausarzt, wenn normale Praxen geschlossen haben, die anderen kümmern sich als Teil der Klinik für die Erstversorgung in Notfällen. Ein Unterschied, den viele Patienten – aus Unkenntnis oder ganz bewusst – ignorieren.

Wenn drüben der Laden dicht macht, kommt bei uns der Bus an.

Dr. Miriam Proch, Oberärztin in der Notaufnahme über eingeschränkte Öffnungszeiten der Kirchheimer Bereitschaftspraxis.

 

Zum Problem wurde das Thema im Oktober 2023 nach einem Urteil des Bundessozialgerichts zur Sozialversicherungspflicht sogenannter Poolärzte ohne Kassenzulassung. Die stützten bis dahin in großer Zahl als preiswerte Kräfte den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg nahm das Urteil zum Anlass, das Poolärzte-Programm zu beenden, mit der Folge, dass Bereitschaftspraxen ihre Öffnungszeiten deutlich einschränken mussten. Seitdem fluten Patienten an Wochenenden und Feiertagen die Notfall-Ambulanzen der Krankenhäuser. Bereits im ersten Quartal 2024 ist die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen der drei Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ruit im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 44 Prozent gestiegen. Miriam Proch fasst es mit Blick auf die benachbarte Bereitschaftspraxis in eigene Worte: „Wenn drüben der Laden dicht macht, kommt bei uns der Bus an.“ Die Medizinerin weiß: Wer ein Problem hat, wählt den Weg des geringsten Widerstandes. Und als Notfall sieht sich im Zweifelsfall jeder. Hinzu kommt: Patienten mit harmloseren Anliegen, die oft stundenlang vor der Tür ausharren müssen, verschaffen ihrem Ärger Luft. Auch deshalb, weil sie nicht mitbekommen, wie Rettungsdienste durch die Hintertür immer neue Patienten in die Notaufnahme bringen. Für Ärzte und Pflegekräfte ein zusätzlicher Stressfaktor.

Für die Notaufnahme in der Medius-Klinik befürchten Klinikvertreter durch ein anstehendes Gesetz Verschlechterungen. Foto: Holzwarth

Prochs Befürchtung: Wenn die Kirchheimer Bereitschaftspraxis Ende März schließt, gerät die Situation vollends außer Kontrolle. „Das Stresslevel unter den Mitarbeitern ist jetzt schon so hoch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler passieren, signifikant steigt“, warnt sie. Kolleginnen und Kollegen, die über Erschöpfungszustände und Schlafprobleme klagen, sind keine Seltenheit. Auch Kündigungen häufen sich. „Schließlich steht jeder von uns ständig mit einem Bein im Gefängnis“, sagt die Ärztin. Was schützt, ist lückenlose Dokumentation, doch die braucht Zeit. Das Grundproblem aus ihrer Sicht: „Wir übernehmen immer mehr Aufgaben, für die eigentlich die Kassenärztliche Vereinigung zuständig wäre.“

Die KV im Land kontert: „Wir schließen nicht einfach Standorte“, meint ihr Sprecher Kai Sonntag. Im Gegenzug habe man die Nürtinger Praxis mit 13 zusätzlichen Arztstunden ausgestattet und die Öffnungszeiten an Wochenenden deutlich erweitert. Statt von 10 bis 16 Uhr wird die Praxis auf dem Säer dann von 9 bis 19 Uhr geöffnet sein. Zum Vergleich: Bis zum Ausscheiden der Poolärzte standen die Türen von 8 bis 23 Uhr offen. „Wir nehmen die Proteste ernst“, betont Sonntag. „Es ließen sich jedoch keine stichhaltigen Argumente finden, die uns von unserem eingeschlagenen Kurs abgebracht hätten.“

 

Wohin mit welchen Beschwerden?

Die Notaufnahme der Kliniken sollte von Patientinnen und Patien­ten nur in dringenden Notfällen aufgesucht werden. Bei Unfallfolgen oder Wunden, die sofort versorgt werden müssen, oder bei ernsthaften körperlichen Beschwerden, die einer sofortigen Abklärung bedürfen. Die Notaufnahme im Krankenhaus ist deshalb rund um die Uhr besetzt.

Für Beschwerden und Verletzungen, für die ein Hausarzt reicht, stehen am Wochenende die Bereitschaftspraxen zur Verfügung. Für Patienten aus dem Raum Kirchheim ist ab 31. März die Praxis in der Nürtinger Medius-Klinik der nächstgelegene Anlaufpunkt. Sie ist an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 16 Uhr, ab April von 9 bis 19 Uhr geöffnet.

Bequem von zu Hause lässt sich medizinischer Rat außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten telefonisch über die Hotline 116 117 des ärztlichen Notdienstes einholen. Dort werden auf Wunsch auch telemedizinische Angebote vermittelt. In akuten Notfällen, in denen es um Leib und Leben geht, ist die Nummer der Rettungsleitstelle unter der 112 die richtige Wahl. bk