Gewalt
Elektronische Fußfessel: Schutzinstrumente und ihre Grenzen

Ein neuer Gesetzentwurf soll Frauen nach häuslicher Gewalt schützen. Fachstellen ordnen die Maßnahme als wichtigen, aber begrenzten Baustein ein. 

Bevor ein Gewalt-Täter eine Fußfessel verpasst bekommt, muss viel passieren. Der Eingriff in die Täter-Freiheit ist eng gefasst.
Bevor ein Gewalt-Täter eine Fußfessel verpasst bekommt, muss viel passieren. Der Eingriff in die Täter-Freiheit ist eng gefasst. Foto: AdobeStock

Manchmal reicht ein einziges Wort, ein vorher verabredeter Satz, der bedeutet: Wir gehen jetzt. Oder: Bitte hol Hilfe. Auf dem persönlichen Sicherheitsplan des Kirchheimer Frauenhauses können Frauen dafür ihr Codewort festhalten. Ein Wort oder mehrere, dessen Bedeutung sie vorher mit ihren Freundinnen oder mit Nachbarn abgesprochen haben. Für Außenstehende klingt es harmlos, für Eingeweihte ist es ein Signal. Der Plan beschreibt außerdem, was in akuten Gefahrensituationen helfen kann: Fluchtwege kennen, Ersatzschlüssel deponieren, überlegen, was in eine Notfalltasche gehört.

Ein neuer Baustein

Während Frauen solche Schutzpläne im Alltag mitdenken müssen, rückt ein neues Instrument in den Fokus der Politik. Im November hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der den Einsatz elektronischer Fußfesseln bei häuslicher Gewalt ermöglichen soll. Vorgesehen ist, dass Familiengerichte in besonders gefährlichen Fällen anordnen können, Täter elektronisch zu überwachen. Die Maßnahme soll bestehende Kontakt- und Annäherungsverbote absichern und Verstöße schneller erkennbar machen. Ergänzend sieht der Entwurf verpflichtende Anti-Gewalt-Trainings vor.

Die elektronische Überwachung gilt als erheblicher Eingriff in die Freiheit des Täters und ist entsprechend eng gefasst. Sie soll nur greifen, wenn andere Mittel nicht ausreichen, Betroffene können selbst entscheiden, ob sie ein Warngerät erhalten.

Gewaltfreiheit ist nicht verhandelbar. Es gibt keine Grauzone.

Kerstin Bergdorf vom Verein Frauen helfen Frauen 

Nach Angaben des Bundeskriminalamts sind die erfassten Opferzahlen häuslicher Gewalt zuletzt auf einen neuen Höchststand gestiegen. Im Jahr 2024 wurden bundesweit rund 266.000 Betroffene registriert. Gleichzeitig weist das BKA darauf hin, dass diese Zahlen vermutlich nur einen Teil der tatsächlichen Gewalt abbilden, häusliche Gewalt geschehe häufig im Verborgenen und werde in vielen Fällen nicht angezeigt. Wie schon in den Vorjahren waren Frauen mit 79,3 Prozent häufiger betroffen als Männer. Die häufigste Form häuslicher Gewalt war Partnerschaftsgewalt mit 64,3 Prozent, gefolgt von innerfamiliärer Gewalt mit 35,7 Prozent.

Ein Signal an Täter

„Gewaltfreiheit ist nicht verhandelbar“, sagt Kerstin Bergdorf vom Verein Frauen helfen Frauen. „Es gibt keine Grauzonen.“ Die Sozialpädagogin begleitet Frauen, die Gewalt in Partnerschaften erlebt haben. Die Entscheidung, sich Hilfe zu holen, falle selten beim ersten Gespräch. „Viele Frauen brauchen Mut und Vertrauen, um sich zu öffnen. Gerade im nahen Umfeld spielen Scham und Schuldgefühle eine große Rolle.“

Nicht selten trügen Frauen die Vorstellung in sich, selbst etwas falsch gemacht zu haben, erklärt Bergdorf. Außenstehende reagierten dann gut gemeint, aber problematisch mit Relativierungen. „Sätze wie: Bei uns kracht es doch auch mal. Das hilft nicht. Gewalt darf nicht kleingeredet werden.“

Häusliche Gewalt entstehe selten plötzlich. Sie entwickle sich oft über längere Zeit, in Phasen, in denen Frauen besonders verletzlich seien, etwa rund um eine Geburt oder während einer Trennung. Kontrolle und Übergriffe nähmen schrittweise zu, während Abhängigkeiten wüchsen. „Das ist kein einmaliges Ereignis, es ist ein Prozess“, sagt Bergdorf.

Die elektronische Fußfessel könne vor diesem Hintergrund ein wichtiges Signal sein. „Zum ersten Mal bleibt nicht alles beim Alten für den Täter“, erklärt die Sozialpädagogin. Bisher seien es meist die Frauen, die ihre gewohnte Umgebung verlassen müssten: die Wohnung, den Freundeskreis, den Alltag. „Eine Fußfessel hingegen ist ein Eingriff in die Freiheit des Täters.“

Sicherheit und Belastung

Gleichzeitig warnt sie vor zu hohen Erwartungen. Die rechtlichen Hürden für eine Anordnung seien hoch, die Maßnahme greife nur in Hochrisikofällen. Hinzu komme eine Seite der Maßnahme, die in der öffentlichen Debatte oft übersehen werde: Elektronische Überwachung könne für Betroffene auch belastend sein. „Wenn Frauen bei jeder Grenzunterschreitung informiert werden, ist das wichtig, aber es kann auch Ängste verstärken.“ Das Wissen, dass sich der Täter wieder nähert, könne retraumatisierend wirken. Die permanente Konfrontation mit der Gefahr halte viele Frauen in einem Zustand dauerhafter Alarmbereitschaft. Sicherheit entstehe nicht automatisch durch Kontrolle, sondern brauche Zeit, Stabilisierung und Begleitung.

Zudem lasse sich nicht jede Form von Gewalt technisch verhindern. „Physische Übergriffe können vielleicht reduziert werden“, sagt Bergdorf. „Aber digitale Gewalt verschwindet nicht einfach. Sie verlagert sich, über Anrufe, soziale Netzwerke oder über Dritte, die den Frauen auflauern.“

Viele Stellschrauben

Ein Aufenthalt im Frauenhaus bedeute Schutz, aber keine sofortige Entlastung von Angst. Viele Frauen lebten lange in einer Gewaltspirale, oft mit gescheiterten Trennungsversuchen. „Viele sind in einer Art Starre“, erklärt Bergdorf. „Sie müssen erst lernen, sich selbst wieder zu beruhigen und Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.“ Häufig seien Kinder mitbetroffen, hinzu kämen Sorgerechtsfragen, Umgangsregelungen und langwierige Verfahren mit Behörden und Gerichten.

Deshalb könne die Fußfessel nur ein Baustein sein. Nötig seien weiterhin ausreichend Frauenhausplätze, verlässliche Finanzierung, gut geschulte Polizei und Justiz – aber auch konsequente Täterarbeit. „Wenn man an einer Stelle dreht und an der anderen nichts passiert, greift das System nicht“, sagt Bergdorf. Täterarbeit und Prävention müssten selbstverständlicher werden, ebenso Aufklärung in Schulen und Einrichtungen.

Warum viele Frauen nicht früher gingen, habe selten mit mangelndem Willen zu tun, sagt Bergdorf. Oft seien es existentielle Ängste: finanzielle Abhängigkeit, Sorge um die Kinder, der Verlust des sozialen Umfelds.

Hilfe beginnt oft leise

Hilfe beginne dabei oft im Kleinen. Nicht immer mit einem Notruf, sondern mit Verabredungen im Alltag, ein Codewort per Nachricht, der Bitte, kurz auf einen Kaffee vorbeizukommen, oder einem Satz wie: „Kannst du mir kurz mit der Waschmaschine helfen?“ Solche leisen Interventionen könnten Situationen entschärfen, ohne sie eskalieren zu lassen. „Wichtig ist, nicht wegzuschauen, aber auch nicht übergriffig zu werden“, sagt Bergdorf. Es gehe darum, präsent zu bleiben, und das Gesagte ernst zu nehmen.

Am Ende beginne Sicherheit oft viel leiser als in Gesetzestexten. Mit einem Gespräch mit jemandem, der zuhört und nicht wegschaut. Oder mit dem Wissen, was im Notfall in eine Tasche gehört, wenn es gefährlich wird.