Es ist am besten, den Vornamen oder gleich den ganzen Eintrag aus dem Telefonbuch streichen zu lassen“, sagt der ehemals leitende Polizeibeamte Rainer Trettel, der heute in der Präventionsarbeit des Kreisseniorenrats Esslingen tätig ist. Vor Telefonbetrügern, die nach älteren Vornamen suchen, um ihre Opfer ausfindig zu machen, könnte man sich dadurch schützen. Da es aber auch Täter gibt, die ganze Straßenzüge abtelefonieren, wäre es am sichersten, gleich den gesamten Eintrag löschen zu lassen und nicht nur den Namen abzukürzen.
Betrug am Telefon
90 Prozent der Betrugsmaschen laufen über das Telefon, warnt Rainer Trettel bei der Infoveranstaltung in der Polizeidienststelle Kirchheim. „Im Jahr 2023 waren es 508 vollendete Delikte mit einer Schadenssumme von 3,8 Millionen Euro allein im Gebiet des Polizeipräsidiums Reutlingen, das die Landkreise Esslingen, Reutlingen und Tübingen erfasst.“ Die Dunkelziffer sei noch größer. Denn: Viele Betroffene würden sich schämen und nicht zur Polizei gehen. Auch sei die Angst, von den eigenen Kindern oder der Verwandtschaft verurteilt zu werden, oft groß. Wer noch nicht Opfer eines Betrugs wurde, denke: Das passiert mir nicht. Rainer Trettel weiß, dass es sich dabei um einen Irrglauben handelt. „Die Betrüger sind so professionell, sie werden geschult, ihre Gesprächspartner so unter Druck zu setzen, dass man im ersten Moment gar nicht weiß, wie einem geschieht.“ Das würden auch zwei aktuell Fälle verdeutlichen: In Reutlingen hat ein Mann zwei Kilogramm Gold an Betrüger übergeben und in Ludwigsburg wurden 120.000 Euro ergaunert. Der ehemalige Polizeibeamte betont: „Es kann einfach jedem passieren.“

Eine beliebte Masche sei der falsche Polizeibeamte, der anruft und vorgibt, die Person am Telefon warnen zu wollen, sagt Rainer Trettel. Gerne werde behauptet, dass in der Nachbarschaft eingebrochen wurde und die Diebe weiterhin in der Gegend unterwegs seien, weshalb das Geld des Opfers so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden müsse. Deshalb komme ein Beamter in Zivil vorbei, der das Geld abhole. Oft versuchen die Betrüger zusätzlich das Vermögen auf dem Bankkonto zu ergaunern. Das funktioniere dann so: Die Person am Telefon behauptet, dass die Bankmitarbeiter mit den vermeintlichen Einbrechern zusammenarbeiten und deshalb das Geld auch auf der Bank nicht mehr sicher sei. Die Konsequenz: Es muss abgehoben werden. Eine passende Antwort auf eventuelle Nachfragen der Bankmitarbeiter liefern die Täter gleich mit: „Sagen Sie einfach, dass Sie das Geld für Reparaturen am Haus benötigen“, deckt Rainer Trettel die Masche auf.
Polizei arbeitet eng mit Banken zusammen
Der Sicherheitsexperte warnt: „Die Polizei ruft niemals unter der 110 an.“ Professionelle Betrüger würden ihre Nummer verfälschen, um die Menschen zu täuschen. Echte Beamte hingegen rufen oft mit unterdrückter Nummer an oder haben eine reguläre Telefonnummer. Auch den Bankmitarbeitern werde unrecht getan. Wenn diese nach der Verwendung einer größeren Summe fragen, dann nicht etwa deshalb, weil sie naseweis seien, sondern weil sie auf ebensolche Betrugsfälle geschult werden, sagt Trettel. Die Polizei arbeite eng mit Banken zusammen, weil diese den Betrug noch am ehesten verhindern könnten.
Ihre Tochter hat jemanden überfahren! Bei so einer Aussage ist jeder erst einmal geschockt. Eine schluchzende, KI-generierte Stimme im Hintergrund der anderen Leitung, die so allgemein gehalten ist, dass es die der Tochter sein könnte, und ein Betrüger, der das Blaue vom Himmel herunterlügt, schildert Rainer Trettel das Vorgehen. „Ihre Tochter hat eine rote Ampel missachtet und dabei eine 30-jährige Fußgängerin, eine Mutter zweier Kinder, überfahren. Leider Gottes ist sie noch vor Ort verstorben“, heißt es im Aufklärungsvideo. Die Tochter müsse nun in sofortige Untersuchungshaft, gegen eine Kaution könnte sie jedoch wieder freigelassen werden. Das Geld hole ein vermeintlicher Mitarbeiter des Gerichts ab. Rainer Trettel warnt: „Eine Kaution gibt es in Deutschland nicht, sowas gibt es nur im Krimi.“ Auch teile die Polizei niemals Unfallmeldungen übers Telefon mit, und echte Beamte würden niemals Geld oder Wertgegenstände abholen. Der Sicherheitsexperte rät dazu: „Sofort auflegen und selbst die 110 wählen.“ In keinem Fall solle Geld übergeben werden – ganz egal, ob die Person vor der Tür eine Uniform trage oder nicht.
So alt ist der Enkeltrick
Der Enkeltrick sei schon so alt, dass die ersten Aufklärungsvideos noch mit der Deutschen Mark und nicht mit Euro liefen, sagt Trettel. Es beginne oft mit einer Whatsapp-Nachricht oder einer SMS, in der stehe: „Hallo Oma oder hallo Opa, rate mal wer dran ist.“ So wollten die Täter den Namen herausbekommen und ein Vertrauensverhältnis schaffen, erklärt Rainer Trettel. Als Nächstes folge immer ein vorgetäuschter finanzieller Engpass. Gerne werde behauptet, dass der vermeintliche Enkel dringend eine Kaution für eine Wohnung benötige, die sonst ein anderer bekomme. Eine weitere Masche ist nach Trettels Worten der falsche Sparkassenmitarbeiter, der sich geschickt die Zugangsdaten fürs Onlinebanking erschleicht, um so das Konto leerzuräumen.
Bei falschen Gewinnversprechen solle man sich hingegen erst mal fragen, ob man überhaupt an einem Gewinnspiel teilgenommen hat. Hier gehe es den Tätern im ersten Schritt darum, Daten zu erfragen und herauszufinden, ob denn was zu holen ist und ob das Gegenüber auf die Masche anspringt. In diesem Fall rät der Experte: „Niemals auf Bedingungen eingehen, wie etwa eine Verwaltungsgebühr zu bezahlen.“
Betrüger schrecken auch nicht davor zurück, direkt vor der Haustür aufzutauchen, um sich Zutritt zu verschaffen. Das kann laut Rainer Trettel so ablaufen, dass eine Person eine Ohnmacht vortäuscht und um ein Glas Wasser bittet. Wenn man dann die Tür geöffnet lässt, um in die Küche zu gehen, sei die Person schneller in der Wohnung, als man schauen könne. Deshalb schärft Trettel ein: Niemals jemanden in die Wohnung lassen. Bei einem vermeintlichen Notfall solle der Krankenwagen gerufen werden, aber die Tür verschlossen bleiben. Stehe ein Polizeibeamter vor der Tür, könne auch die 110 gewählt werden, dort sei jeder Einsatz hinterlegt. So könne schnell geklärt werden, ob der Beamte vor der Tür echt ist.
Wer zum Opfer eines Betrugs wird, soll immer Anzeige erstatten. Unter der Nummer 0 70 21/50 10 kann bei der Polizeidienststelle Kirchheim ein Termin vereinbart werden.

