Pakete mit Schutzmasken, die über Privatkontakte den Weg von Asien in den Landkreis fanden, windige Deals, explodierende Preise und kriminelle Beschaffer auf einem Markt, den es eigentlich gar nicht mehr gab – was sich bis dahin niemand hatte vorstellen können, war vor fünf Jahren über Nacht Realität geworden. Heute stellt sich die Frage: Was haben wir aus Corona gelernt?
In der Zeppelinstraße in Notzingen ist alles ruhig. Ein paar Mitarbeiter sind damit beschäftigt, braune Kartons auf Rolltischen in meterhohen Regalen zu verstauen. Die unauffällige Halle am Rand des Gewerbegebiets ist das Zentrallager der drei Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ruit. Von hier aus werden jede Woche etwa 4000 Positionen medizinischen Bedarfs an die drei Häuser verteilt. Mehr als 2500 verschiedene Artikel gibt es hier, von Einweg-Handschuhen über Verbandsmaterial und OP-Kleidung bis hin zu Büromöbeln. Medikamente ausgenommen – die lagern in der klinikeigenen Großapotheke in Ostfildern.
Die Reserve reicht für etwa einen Monat.
Hans Wittke, Chefeinkäufer der Medius-Kliniken
Hat sich bei der Lagerhaltung seit Corona viel verändert? Wird bei einer erneuten Pandemie alles anders laufen? Eher nicht. „Für eine gewisse Zeit, werden wir zu Beginn besser vorbereitet sein“, sagt Hans Wittke, der in den Medius-Kliniken den Einkauf leitet. „Aber ohne Einschränkungen werden wir auch eine zweite Pandemie nicht über längere Zeit überstehen.“ Was sich geändert hat: Es gibt ein dauerhaft vorgehaltenes Sonderkontingent – die sogenannte „Pandemie-Palette.“ Sie dient dem Infektionsschutz in besonders gravierenden Fällen, etwa bei einer Ansteckung mit dem Ebola-Virus. Beschaffe in der Zeit, dann hast du in der Not – ein hehrer Grundsatz, der gleich aus mehreren Gründen nicht funktioniert. Schutzausrüstung hat, wie Lebensmittel und Kosmetik auch, ein Verfallsdatum, kann also nicht in beliebiger Menge gehortet werden. Gleichzeitig gilt: Vorratsflächen sind begrenzt und Lagerhaltung kostet Geld. Die kostengünstigsten Güter sind die, die auf der Straße sind. Auch Kliniken müssen wie jedes Wirtschaftsunternehmen vorausschauend wirtschaften.
Wie lange könnten sich die Krankenhäuser also entspannt zurücklehnen? „Die Reserve aller drei Kliniken in Sachen Schutzausrüstung reicht für etwa einen Monat“, sagt Wittke. Danach entscheidet die Entwicklung am Markt. Dort ist seit Corona zwar mehr Ware verfügbar, auch die Zahl der Hersteller in Deutschland und in Europa ist gestiegen. Allerdings stieg auch der Bedarf. Zum einen, weil viele Vorbeugemaßnahmen in Kliniken strenger gehandhabt werden. Zum anderen, weil das Verlangen nach Sicherheit und Schutz vermehrt in den Alltag übergegangen ist. „Menschen mit Maske gehören in der Erkältungszeit inzwischen zum gewohnten Bild“, sagt Wittke. „Das gab es vor Corona in dem Maße nicht.“
Hinzu kommt: Hersteller hierzulande können mit der Konkurrenz aus Asien nach wie vor nicht mithalten, weil mittlerweile wieder ausschließlich der Preis entscheidet. Mindestens 50 Prozent der zusätzlich geschaffenen Produktionskapazitäten seit 2020 in Deutschland sind inzwischen wieder eingestellt oder ausgelagert worden, schätzen Experten. Kenner der Branche sind deshalb überzeugt: Bei einer erneuten Pandemie wird sich die Mangellage wiederholen.
Die drei Medius-Kliniken im Kreis Esslingen sind der Sana Einkauf und Logistik GmbH in Ismaning bei München angeschlossen. Die Vorteile einer Einkaufsgemeinschaft liegen auf der Hand: Kalkulierbare Preise und ein Frühwarnsystem, wenn Lieferengpässe drohen. Dann muss geschaut werden: Welcher Hersteller kann einspringen, welche Ersatzprodukte kommen infrage? „Das hat viel mit Erfahrung zu tun“, sagt Chefeinkäufer Wittke. Von einer zentralen Verteilstelle für Schutzausrüstung, wie sie viele Hersteller von der Politik fordern, hält er hingegen wenig. „Für kleinere städtische Kliniken mag das interessant sein“, sagt er. „Für uns würde das nichts ändern.“
Und was sind die größten Problemprodukte bei der Beschaffung? „Das lässt sich nie vorhersagen“, meint Rolf Grasemann, der als stellvertretender Leiter im Zentrallager in Notzingen tätig ist. „Im Zweifelsfall ist das jeden Monat ein anderes.“

