Engagement
Gemeinsam durch die Krise

Am 5. Dezember ist Internationaler Tag des Ehrenamts. Für den Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim sind seine ehrenamtlichen Krisenbegleiter und -begleiterinnen eine hilfreiche Unterstützung.

Gemeinsame Spaziergänge der ehrenamtlichen Krisenbegleiter mit den Betroffenen oder auch ein gemeinsamer Cafébesuch schaffen einen neutralen und entspannten Gesprächsrahmen. So fällt es den Menschen leichter, über ihre persönliche krisenhafte Situation zu sprechen. Symbolfoto: stock.adobe.com

Viele Menschen durchleben im Laufe ihres Lebens eine krisenhafte und schwere Zeit. Das Spektrum reicht dabei von familiären Krisen, der Überforderung im privaten oder beruflichen Umfeld oder einer Depression bis hin zur Verarbeitung eines Suizids im persönlichen Umfeld. Wichtig ist, dass die betroffenen Menschen bei der Bewältigung dieser Krisen Unterstützung bekommen.

Krisen gehören zum Leben dazu. Es ist wichtig, zu vermitteln, dass das okay ist.

Silke Gerboth-Sahm, Ehrenamtliche Krisenbegleiterin

Die derzeit 18 ehrenamtlichen, geschulten Krisenbegleiterinnen und -begleiter des Arbeitskreises Leben Nürtingen-Kirchheim (AKL) bieten Betroffenen mit der fachlichen Unterstützung der drei hauptamtlichen Fachkräfte im Hintergrund eine solche Hilfe an. „Unsere Ehrenamtlichen, insgesamt sind es 27 in unterschiedlichen Bereichen, sind für unsere Arbeit eine wichtige und tragende Säule“, sagt die AKL-Geschäftsführerin Kathrin Paul-Prössler. Denn die Nachfrage steige beständig: „Mental Health ist kein Tabuthema mehr und entsprechend die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, nicht mehr so hoch wie früher. Und das ist gut so.“

Eigene Erfahrungen helfen bei der Begleitung

Eine der ehrenamtlichen Krisenbegleiterinnen ist Silke Gerboth-Sahm aus Baltmannsweiler. Seit 2018 ist sie im Raum Kirchheim und Nürtingen im Einsatz. Ein Jahr lang dauerte ihre Ausbildung beim AKL. Für die aktiven ehrenamtlichen Krisenbegleiter findet ein regelmäßiger Austausch mit den Fachberaterinnen statt. Die frühere Lehrerin Silke Gerboth-Sahm hat sich im Ruhestand für das Ehrenamt in der Krisenbegleitung beworben. Die Psychologie habe sie schon immer sehr interessiert, erzählt sie, die Aufgaben der Krisenbegleitung seien da sehr passend. „Ich wollte mich gesellschaftlich einbringen. Ich habe selbst schon eine Krise durchlebt. Das hilft bei der Krisenbegleitung, denn man weiß, wovon man spricht und wovon das Gegenüber spricht“, sagt die Ehrenamtliche. Ihre Aufgabe beschreibt Silke Gerboth-Sahm als sehr sinnhaft und erfüllend: „Es ist schön, wenn man jemanden wieder ziehen lassen kann, der seinen Weg gefunden hat. Dazu nehme ich aus den Gesprächen auch sehr viel für mich mit.“ Es gehe darum, Menschen, die aus irgendeinem Grund die Lebenstüchtigkeit verloren haben, wieder Halt zu geben.

Die persönlichen Gespräche zwischen den Ehrenamtlichen und den Klienten zur Krisenbewältigung seien keine klassische Beratung, ergänzt Kathrin Paul-Prössler. „Sie finden vielmehr auf Augenhöhe statt, es geht dabei auch um die persönlichen Lebenserfahrungen.“ Die Treffen finden im öffentlichen Raum statt. „Das kann zum Beispiel ein gemeinsamer Spaziergang sein oder eine Cafébesuch oder manchmal zwischendurch auch einfach ein Telefonat, je nach Bedarf“, erklärt Silke Gerboth-Sahm. Empathie, Geduld und Wertschätzung gegenüber denjenigen, die ihre Geschichte erzählen, seien dabei ganz wichtig.

Die AKL-Geschäftsführerin Kathrin Paul-Prössler (links) und die ehrenamtliche Krisenbegleiterin Silke Gerboth-Sahm. Foto: Katja Eisenhardt

„Es findet durch uns keinerlei Bewertung statt, etwa nach dem Motto: ‚Jetzt stell dich nicht so an‘. Auch eine vermeintlich kleine Krise kann für die betroffene Person persönlich eine große sein. Uns ehrenamtlichen Krisenbegleitern gegenüber können die Betroffenen alles loswerden und einfach so sein, wie sie sind, was im persönlichen Umfeld nicht immer möglich ist. Das ist für viele eine große Erleichterung und Befreiung“, weiß die Krisenbegleiterin. Bis zu einem Jahr könne eine Begleitung dauern. Der zeitliche Rahmen sei wichtig, denn das gebe einerseits Halt, motiviere andererseits die Klienten aber auch, selbst aktiv zu werden, Wege aus der Krise heraus zu finden. Das Zuhören und der Beziehungsaufbau seien zu Beginn einer Begleitung ganz wichtig, sagt Silke Gerboth-Sahm. Nach und nach entwickle sich ein inhaltlicher Schwerpunkt. Ursachen der Krise werden gemeinsam herausgearbeitet und zusammen Perspektiven und Schritte aus der Krise entwickelt: „Gehen müssen sie die Klienten aber selbst.“

Der Großteil der Klienten sei im Alter zwischen 50 und 80 Jahren, teils auch jünger. „Es sind in dieser Altersgruppe oft die lebensverändernden Situationen, ob privat, im Job oder altersbedingt, die zu einer Krise führen können“, weiß Silke Gerboth-Sahm. „Krisen gehören zum Leben dazu, und es ist wichtig, zu vermitteln, dass das okay ist und dass Betroffene, egal in welchem Alter, damit nicht alleine sind“, betont die Krisenbegleiterin. 

 

Der Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim 

Seit 1983 unterstützt der AKL Nürtingen-Kirchheim mit Krisenberatung und Suizidprävention. Die hauptamtlichen Fachkräfte sind für alle Betroffenen die erste Anlaufstelle. Sie führen Erstgespräche, bieten Krisenberatung an und vermitteln gegebenenfalls an Ehrenamtliche.

Wer sich ehrenamtlich beim AKL engagieren möchte oder auch eigene Vorschläge dafür einbringen möchte, kann sich beim AKL-Team melden. Auf der Homepage findet man unter der Sparte „Jobs“ auch konkrete Suchanfragen für ehrenamtliches Engagement.

Alle Infos zum AKL und dem Hilfsangebot findet man unter www.akl-nuertingen-kirchheim.de.