Welche Überraschung: Bei einer Lesung von Gedichten, sonst meist mäßig besucht, müssen noch weitere Stühle aufgestellt werden. So geschehen am Sonntag bei einer Matinée in der Stadtbücherei.
Der Grund liegt darin, dass Susann Pineau auf Einladung des Literaturbeirats zu Gast war. Sie stellte ihr im letzten Jahr erschienenes Lyrikbändchen vor mit dem Titel „Das Gleichgewicht der Stille“. Da sie in den letzten Jahren schon zwei Mal in Kirchheim ihre Lyrikproduktionen vorgestellt hat, hat sie sich offensichtlich eine Fangemeinde geschaffen, die auch von dem nahegelegenen Bad Boll ergänzt worden ist, dem Wohnort der Autorin. Auch auf ihren musikalischen Begleiter am Vibraphon Volker Heuken konnte man sich wieder freuen.
Nach der Begrüßung durch die Gastgeberin und Bibliotheksleiterin Carola Abraham begann Susann Pineau mit der Rezitation von Naturgedichten. In „nächtlicher Schneefall“ wird klar, dass die Naturbeschreibung bei der Autorin kein Selbstzweck ist, sondern ein Anstoß, in sich hineinzugehen. Gelingt dieser Prozess, streben wir danach, „den Himmel zu berühren“. Insofern passt der Ansatz zu dem Jahresmotto des Literaturbeirats: „Hoch hinaus“.
Der Anstoß der Poesie kann nur gelingen durch die Suche nach dem „federleichten Wort“. Viel Worte braucht es nicht: „immer kürzer/die zeilen,/geschliffener/das wort//ein fast nichts/auf der briefwaage,/das alles aufwiegt/im herzen“.
Susann Pineau ist den Weg der geschliffenen Kürze selbstsicher fortgeschritten. Ihr großes Vorbild Reiner Kunze ist immer noch präsent in ihrem Gedicht „Bahnfahrt, eine Station weiter“. Zu betonen ist auch, dass sie sich nicht nur mit dem Natur- und dem Existenzthema beschäftigt, sondern an ein politisches Gedicht erinnert, in dem sie denjenigen ein Denkmal setzt, die im Ukrainekrieg als russische Fallschirmjäger das Tötungsgebot nicht befolgten und einem Cellisten, der mutig unschuldige Opfer des Krieges musikalisch verabschiedet.
Bei der Existenzfrage sieht sie „die widersprüchlichkeit/durch die wir sind“. In dieser Widersprüchlichkeit ist aber bei richtiger Balance ein „Gleichgewicht der Stille“ zu finden.
Susann Pineau bringt Abwechslung in ihren Vortrag durch – wie bei Kunze – zweimaliges Lesen bestimmter Texte und durch Wiederholungen einiger Texte in der so musikalischen französischen Sprache. Schließlich hat sie eine innige Beziehung zu Frankreich mit seiner Landschaft und seiner Sprache.
Die entscheidende Auflockerung ergibt sich aber durch den Meister am Vibraphon Volker Heuken, der in bekannter Weise manche Gedichte einfühlsam untermalt und bei den Intermezzi mit Eigenkompositionen eine wunderbare Klangwelt zaubert.
Die Schlange vor dem Signiertisch am Schluss bewies, dass die Autorin mit ihrer Poesie einen tiefen Eindruck bei dem vorwiegend weiblichen Publikum hinterlassen hat. Die Lyrikerin aus Bad Boll thematisiert immer wieder, wie sie um jedes Wort kämpft, hat aber volles Vertrauen zu dem gefundenen Wort. Von der Kleinschreibung abgesehen bewegt sich ihre Sprache mit ihren Metaphern in konventionellen Bahnen und verwendet keine Chiffrierungen, eine Privatsprache, wie sie oft in der modernen Lyrik verwendet wird und dadurch Distanz zur Leserschaft herstellt. Bei Susann Pineau steht zum Beispiel die Metapher „Herz“ noch für Gemüt, für den innersten Kern.
Diese unverkrampfte Sprache schafft Verständlichkeit und Nähe. Das kleine bibliophile Bändchen „Das Gleichgewicht der Stille“ ist wieder in dem Einmannverlag Edition Toni Pongratz erschienen.
