Im Juni 2025 hat Lena Friederich 20 Anrufe von Frauen bekommen, die während der Schwangerschaft und danach von ihr betreut werden wollten. 16 musste die Hebamme, die im Hauptberuf den Kreißsaal in Göppingen mitleitet und nur nebenher freiberuflich tätig ist, absagen. So wie Friederich geht es vielen Kolleginnen in Kirchheim und Umgebung. Gemessen an der Zahl der Schwangeren gibt es zu wenige freiberufliche Hebammen, und das schon seit vielen Jahren. Das neue Vergütungsmodell wird die Situation nach Ansicht vieler noch verschlimmern.
Protest gegen Vertrag
Der Hebammenhilfevertrag ist am 1. November 2025 in Kraft getreten und hat eine Schockwelle durch die deutsche Geburtshilfe-Landschaft gejagt. In der Helios Klinik Rottweil haben die Beleghebammen, die freiberuflich im Kreißsaal arbeiteten, geschlossen gekündigt. Dieser dramatische Schritt ist im Landkreis Esslingen ausgeblieben, aber auch in der Medius-Klinik Nürtingen wird das erst kürzlich eingeführte Beleghebammensystem zum Jahresende wieder abgeschafft. „Seit dem 1. November gilt der neue Hebammenhilfevertrag, der vor allem die Beleghebammen deutlich schlechter stellt. Aus diesem Grund werden wir ab Januar wieder bei den Medius-Kliniken angestelllt sein“, sagt Sprecherin Antje Buck.
Medius-Klinik wechselt erneut
Die Schwangeren, die zum Entbinden in den Kreißsaal kommen, werden davon nichts mitbekommen, betont die Klinik. „Die Betreuung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bleibt exakt gleich“, sagt Sprecher Max Pradler. Der Notstand beginnt aktuell vor allem nach der Geburt. „Frauen, die nach der siebten Schwangerschaftswoche anrufen, muss ich oft ablehnen“, sagt Lena Friederich. Wer so früh um Betreuung im Wochenbett bittet, das sind in der Regel Frauen mit Kinderwunsch, die direkt nach Ausbleiben der Periode einen Test machen – und die darüber hinaus wissen, wie zeitig man anrufen muss. „Die, die hinten runterfallen, sind oft die Frauen, die nicht damit gerechnet haben, schwanger zu werden“, sagt Friederich.
Im Kreißsaal in Göppingen trifft die Hebamme häufiger auf Frauen, die nach der Geburt ohne Nachsorge dastehen. Sie selbst sei aber zeitlich so voll, dass sie in einem solchen Fall nicht helfen könne. „Das tut mir dann leid und beschäftigt mich natürlich, aber als Hebamme ist man gezwungen, Grenzen zu setzen“, sagt Friederich.

Fehlende Betreuung gefährlich
Sie weiß, dass fehlende Betreuung nach der Geburt schwerwiegende Folgen haben kann. „Mütter riskieren dauerhafte körperliche Beeinträchtigungen in Richtung Inkontinenz, wenn keine Rückbildung stattfindet. Ohne Training und Überwachung kommt der Beckenboden nicht in den Ursprungszustand zurück“, sagt Lena Friederich. Darüber hinaus müsse zwingend körperliche Schonung stattfinden. Mit einer Hebamme, die in den sensiblen Tagen nach der Geburt in der Regel täglich Hausbesuche macht, ist das möglich. Ohne Hebamme eher nicht. „Es gibt in Esslingen eine Wochenbetthebammenpraxis, wo die Frauen vorbeikommen können. Aber dann brauchen sie ein Auto und müssen sozial und körperlich so aufgestellt sein, dass sie dorthin kommen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Wochenbett zu der Praxis zu fahren, ist natürlich nicht gesund“, sagt Friederich.
Auch das Stillen kann ohne professionelle Unterstützung zur Tortur werden. „Manche Frauen werden sicher familiär aufgefangen. Aber im Zweifelsfall haben Mütter gar keine Stillberatung“, sagt Friederich. Manche Doulas, also nicht-medizinische, aber geburtserfahrene Helferinnen, könnten seriöse Beratung anbieten, aber der Begriff sei nicht geschützt. Sie weiß, dass frisch gebackene Mütter ohne Betreuung häufiger in Kinderarzt- und Frauenarztpraxen vorstellig werden. „Alles, was eine Hebamme zu Hause gut beobachten könnte, wird zum Arzt gebracht“, sagt Friederich.
Was das Vergütungsmodell für Hebammen bedeutet
Kritik Der Hebammenhilfevertrag wird unter anderem wegen seiner Auswirkungen auf die freiberuflichen Hebammen in der Geburtshilfe kritisiert. Diese sogenannten Beleghebammen bekommen jetzt für die zweite und dritte parallel betreute Frau im Kreißsaal nur noch einen Bruchteil des Stundenlohns. Für freiberufliche Hebammen, die nicht in der Geburtshilfe tätig sind, ändert sich beispielsweise, dass sie Geburtsvorbereitungs- oder Rückbildungskurse, die von Müttern sehr kurzfristig abgesagt werden, nicht mehr privat in Rechnung stellen können.
Freiberufliche Hebammen erhalten für die Betreuung von Schwangeren und Wöchnerinnen keine Pauschalen mehr, sondern rechnen im Fünf-Minuten-Takt ab. „Das finde ich positiv. Es heißt aber in Konsequenz auch, dass ich im Monat weniger Frauen annehme, weil ich mir mehr Zeit für sie nehmen kann“, sagt Lena Friederich. Angesichts des Hebammenmangels hält sie den Zeitpunkt der Änderung für falsch. adö

