Als Olga Maidanova zum ersten Mal nach Kirchheim kommt, ist Frühling. Die Blätter der Kastanien leuchten in einem fast unwirklichen Grün. „Ich liebe diese Bäume sehr“, sagt die Ukrainerin. Was sie noch an Kirchheim mag: die Ruhe. „Alles ist friedlich, die Leute sind sehr freundlich“, sagt Maidanova. „Anfangs war ich erstaunt darüber, dass fremde Menschen sich gegenseitig grüßen. Wahrscheinlich ist das eine Tradition.“
Über 50 Tage im Keller
Der Kontrast zu der Welt, der die heute 64-Jährige entflohen ist, könnte nicht größer sein. Seit dem 24. Februar 2022 greifen russische Truppen die Ukraine an. Olga Maidanova wohnt mit ihrem Hund in einer Wohnung in einem grenznahen Dorf. „Ich saß mit dem Hund im Keller unserer Wohnung. Zehn Tage sind wir überhaupt nicht rausgegangen. Wir hatten so eine Angst. Ich kann gar nicht beschreiben, welche Angst das war“, beschreibt Olga Maidanova die ersten Tage des Angriffskriegs. Als alle Nachbarn in ihrem Mehrfamilienhaus bereits geflohen sind, geht sie in den Keller des Nachbarhauses, bleibt dort weitere 45 Tage. „Am 6. April sagten die ukrainische Soldaten, wir müssten den Keller verlassen, weil es heftige Kämpfe geben wird“, erinnert sich Maidanova. Sie fährt zu ihrer Nichte nach Charkow, doch dann fasst auch sie den Entschluss, die Ukraine zu verlassen. „Am 9. April hat ein Freiwilliger mich in einen Zug gesetzt“, sagt sie. Der Hund ist ebenfalls dabei.
Über Polen kommt Maidanova nach Berlin, dann fährt sie weiter zu einer Freundin nach Stuttgart. Dort wird die Ukrainerin zunächst einmal schwer krank: Mit einem Herzinfarkt muss sie im Marienhospital behandelt werden. Wieder genesen landet sie schließlich per Zuweisung in Kirchheim. „Alex Ibach, ein Einheimischer, der Russisch spricht, hat mich empfangen und mit den Papieren geholfen“, sagt sie. Zwar hat sie den Deutschkurs auf A2-Niveau bestanden, tut sich aber mit Gesprächen schwer. Das Interview mit dem Teckboten funktioniert nur mit einer Übersetzungs-App.
Leben in einer WG
Bis heute lebt die 64-Jährige bei der 84-jährigen Sieglinde Schüle, einer Kirchheimerin, die nach Ausbruch des Krieges ihr Zuhause teilen wollte. Dort bewohnt sie ein Zimmer. „Ich habe eine separate Toilette und ein separates Badezimmer. Die Küche nutzen wir aber zusammen“, sagt Olga Maidanova und schwärmt von ihrer Gastgeberin: „Sie ist eine wunderbare und herzliche Dame. Ich schätze ihre Gastfreundschaft aufrichtig und fühle mich bei ihr sehr wohl.“ Trotz allem sehnt sich Olga Maidanova manchmal nach einer eigenen Wohnung. „Ich würde gerne meine Familie einladen. Ich habe sie seit vier Jahren nicht gesehen“, sagt sie.
Ihren Beruf, das Schreiben, übt Olga Maidanova auch in Kirchheim aus. Sie ist Mitglied der „International Guild of Writers“, hat drei Romane im Stella-Verlag veröffentlicht. Der vierte Krimi wird aktuell vorbereitet. „Ich habe viele Märchen, vier Kriminalromane und zwei Fantasyromane geschrieben“, sagt sie. Auch Kirchheim ist bereits zum Gegenstand eines Essays geworden, den sie im Rahmen einer Online-Literaturakademie schreibt. Es ist ein Märchen, in dem der Müll, der in Kirchheim an vielen Stellen herumliegt, eine große Rolle spielt. „Das Märchen soll den Lesern zeigen, dass sie ihre Stadt nicht verschmutzen sollen“, sagt Olga Maidanova.
Vom Schreiben allein kann die Ukrainerin nicht leben, auch wenn das ihr großer Wunsch wäre. Aus der Ukraine erhält sie 70 Euro Rente im Monat, vom deutschen Staat Sozialleistungen. „Es ist schwierig, von 500 Euro im Monat zu leben“, sagt sie. Zurück in die Ukraine könne sie aber auch nicht. „Ich habe dort keine Unterkunft, kein Zuhause. Das tut schon weh“, sagt sie.
Ein Märchen – eine Parabel über Sibylle, den Drachen Teck und die goldenen Spindeln von Kirchheim
Von Olga Maidanova
Vor langer Zeit, vor mehr als tausend Jahren, hatte die Siedlung am Fuße der Schwäbischen Alb noch nicht ihren strengen Namen Kirchheim erhalten. Damals war sie noch Teil einer unberührten, kostbaren Natur — ohne Steinmauern, ohne gepflasterte Straßen und ohne Brücken über den reißenden Fluss. Es war ein winziges Königreich, einem zerbrechlichen Küken gleich, das in den Händen der gewaltigen Berge geborgen war. Und der Ort hieß damals leicht und hell — Kirihaym. Dieser Name stand in keinen Chroniken — die Vögel sangen ihn in den dichten Kronen der Linden: „Kiri-kiri!“ — so klang es mit den ersten Sonnenstrahlen über das Tal. Es schien, als flüstere die Erde selbst diesen Namen im Wind, und man hörte darin weder das Schlagen der Äxte noch das Klirren von Waffen, sondern die reine Lebensfreude unter dem Schutz einer gewaltigen, geheimnisvollen Zitadelle. Über dieser kleinen Welt aus Liedern und Blumen erhob sich auf einem felsigen Gipfel wie eine drohende Krone das stolze Bollwerk — die Burg Teck. Sie war Zuflucht für alles Lebendige, Herz und Schild des Reiches. Ihre Türme durchstießen die bauschigen Wolken, und in den tiefen Gemächern der Burg lebte die gütige Seherin Sibylle. Sie war die ewige Hüterin und die wahre Seele dieses Landes. Die Menschen glaubten: Solange auf dem Gipfel des Felsens der Schein ihrer Kerze flimmert, spinnt Sibylle den unsichtbaren Faden des Schicksals und verwebt die Vergangenheit der Siedlung mit ihrer großen Zukunft. In jenen Zeiten blühten die Linden süßer als Honig, und die Gebirgsbäche führten Wasser, so klar wie Kristall.
Und nur den Auserwählten war bekannt: Unter dem steinernen Fundament der Festung, in einer geheimnisvollen Spalte, lebte der riesige und weise Drache Teck. Er war kein Feind der Menschen — im Gegenteil, er wurde als die lebendige Wurzel des Berges und als unerschütterliches Symbol der Ewigkeit verehrt; seinen Namen erhielt er zu Ehren der Festung selbst. Die Schuppen des Wächters waren mit schimmernden schwarzen und goldenen Rauten verziert. In ihnen ruhte die uralte Kraft dieser Erde, und Jahrhunderte später sollte man diese Zeichen „Spindeln“ nennen und sie mit Stolz in das Stadtwappen übernehmen, als Erinnerung an den großen Beschützer. Doch der unterirdische Hüter konnte nicht fliegen. Sein heißer Atem stieg aus der Tiefe empor und erwärmte den Boden des Königreichs. Genau diese Kraft speiste die uralten Bäume, nicht nur auf dem Marktplatz, sondern bis in die fernsten Winkel des Landes. Aus einer tiefen Grotte entsprangen kristallklare Quellen, die den Nebenflüssen von Neckar und Lauter ihren Lauf gaben. Dank der unsichtbaren Fürsorge des Giganten waren die Wälder reich an Wild und die Vögel sangen ohne Unterlass. In den Gärten, erfüllt vom Summen der Honigbienen, bogen sich die Zweige unter der Last reifer Früchte. Das ganze Land blühte unter der Aufsicht seines Wächters, und Sibylle wiederholte oft die Prophezeiung, die zum ehernen Gesetz der Berge wurde: „Des Schicksals Spindel spinnt den Lebensfaden fein, solang im Berg der Drache lässt das Land lebendig sein. Doch wird der Staub die Reinheit einst begraben — beginnt der Wappen Gold zu rosten und zu darben...“
Doch dort, wo Licht geboren wird, lauert unweigerlich die Dunkelheit. In den finsteren Schluchten der Schwarzen Öde erwachte ein uraltes Übel — die Hexe des Vergessens. Sie führte kein Schwert, doch sie kannte die Magie der Fäulnis und hasste alles Lebendige. Am meisten beneidete sie Kirihaym um seine Schönheit und Geborgenheit. Die Hexe begriff: Um das Land zu vernichten, musste sie ihm die Reinheit rauben. Ihr Angriff war leise und klebrig. Aus giftigen Nebeln trat sie an den Spalt der Höhle mit Säcken voller „ewigem Unrat“. Die Hexe begann, den Eingang mit Dingen zu verschütten, die kein Leben kannten und doch nicht sterben wollten: mit scharfem Glasscherben, ätzender Schlacke und rostigem Eisen. Sie warf „tote Haut“ in die Tiefe — seltsame graue Fetzen und klebriges Harz, das im Wasser nicht verrottete und von der Erde nicht angenommen wurde. Der Drache Teck wand sich in der Tiefe, seine goldene Schuppen rasselten kläglich, als sie gegen die scharfen Kanten des Unrats stießen. Das Böse war unerbittlich: Schicht um Schicht mauerte die Hexe den Wächter ein. In der Enge gefangen, erkrankte der Riese. Sein Atem, der keinen Ausweg fand, begann den Müllberg zu schmelzen, und statt wohltuender Wärme kroch ein böser Dunst aus den Felsspalten — erstickend, nach Brand und tödlichem, ätzendem Rauch riechend. Die graue Wolke glitt langsam ins Tal hinab. Die Vögel, deren Gezwitscher der Stadt einst Leben schenkte, verstummten plötzlich. Die Bewohner begannen dahinzusiechen. Die Heiler suchten nach einem rettenden Zauberspruch, ohne zu ahnen, dass das Land am Gift des Unrats zugrunde ging.
Als der letzte goldene Funke auf dem Körper des Drachen von Rost bedeckt war, hielten die Herzen der Menschen inne. Das Gift in den Bächen raffte jeden dahin, der das Wasser berührte. Sibylle, die die Schändung des Heiligtums sah, entschied sich für das letzte Opfer. Sie schwang ihre Spindel und wob eine unsichtbare Kuppel über Kirihaym. Es war eine rettende Magie, die Schutz und Frieden spendete. Ihre Kerze leuchtete ein letztes Mal strahlend hell auf, um die Überlebenden zu behüten, und erlosch für immer. So rettete Sibylle um den Preis ihres eigenen Lebens nicht nur die Stadt — sie versiegelte mit einem Zauberspruch alles Lebendige und bewahrte so die Chance auf eine Zukunft. Der Drache aber versteinerte endgültig und verwandelte seinen Körper in einen unerschütterlichen Schild, der dem Bösen aus der Schwarzen Öde den Weg versperrte. Dank Sibylle und dem Drachen Teck starb das Königreich nicht — es versank in einen tiefen Schlaf, um eines Tages wieder zu erwachen. Jahrhunderte später, dank der Furchtlosigkeit und dem Willen von Herzog Konrad von Zähringen, erwachte das alte Königreich, und auf diesem Land pulsierte wieder das Leben. Die einstige Größe erstand neu in den Namen und Steinen der neuen Stadt — Kirchheim, und die Legende vom weisen Wächter der Berge wurde von Mund zu Mund weitergegeben, als eine ewige Überlieferung.
Epilog
Man sagt, dass man auch heute noch, wenn man das Ohr an die sonnenwarmen Steine der Burg Teck legt, einen gleichmäßigen, kaum wahrnehmbaren Rhythmus hören kann — es ist der Herzschlag des Drachen, der die Ruhe dieses Landes bewacht. Sein Atem verbrennt den Boden nicht mehr, doch die Linden in der Stadt blühen so prächtig, als erinnerten sie sich noch immer an die Wärme der großen Seele des Wächters. Wenn Sie durch die gemütlichen Straßen des modernen Kirchheim unter Teck gehen, scheint die Burg auf dem Gipfel nur eine friedliche Ruine zu sein. Doch denken Sie daran: Die goldenen Spindeln im Stadtwappen sind nicht nur ein altes Muster, sondern ein Vermächtnis. Der Wind der Schwäbischen Alb flüstert noch heute die alte Wahrheit: Die Größe einer Stadt gründet sich nicht auf die Festigkeit des Steins, sondern auf die Reinheit des Wassers und der Gedanken ihrer Bewohner. Bewahre den Ursprung, Wanderer. Mit deiner Gleichgültigkeit, mit jeder achtlos weggeworfenen Scherbe oder jedem Unrat versetzt du nicht nur der Natur, sondern der Seele dieses Landes einen Schlag. Der Schatten der Hexe des Vergessens erwacht dort, wo die Fürsorge stirbt. Denn es steht geschrieben im ewigen Gesetz: „Was der Mensch sät, das wird er auch ernten.“ Die Schönheit dieses Landes ruht nicht nur auf alter Magie, sondern in den Händen derer, die hier leben. Halte deinen Garten rein, damit seine Wurzeln lebendiges Wasser trinken und nicht das Gift des Vergessens. Und dann wird der Baum deines Hauses ewig stehen, behütet vom unsichtbaren Flügel des großen Wächters.

