Protest
Hochdorfer Bündnis protestiert gegen AfD-Mahnwache in Hochdorf

Nach dem gewaltsamen Tod eines 56-Jährigen vor rund zwei Wochen in Hochdorf hat die AfD am Tatort Mahnwache gehalten. Gegendemonstranten warfen der AfD vor, den Tod des Mannes für ihre Zwecke zu nutzen.

Rund 300 Menschen demonstrierten vor der Kirche in Hochdorf gegen die AfD und gedachten des Opfers. Foto: Carsten Riedl

Es war kein beschaulicher erster Advent, den die Hochdorferinnen und Hochdorfer am Sonntag erlebt haben. Am Ort des Gewaltverbrechens hielt der AfD-Kreisverband Kirchheim mit Gästen eine Mahnwache ab und legte einen Kranz nieder. „Wir von der AfD sind fassungslos und fühlen mit den Angehörigen“, stand auf der Schleife. Am 15. November um die Mittagszeit war ein 56-Jähriger in Hochdorf lebender Mann von einem 24-Jährigen Afghanen getötet worden, mutmaßlich mit einem Messer. Der Tatverdächtige sitzt in Haft.

Markus Berthold, AfD-Stadtrat in Kirchheim, sowie weitere AfD-Politiker legten am Tatort einen Kranz ab. Foto: Carsten Riedl

Während das Motiv der Tat weiterhin unbekannt ist und die Polizei aufgrund laufender Ermittlungen keine Details bekannt gibt, hatten die AfD-Redner wie gewohnt wenig Probleme damit, nicht bestätigte Gerüchte zu Fakten zu erklären und Angst zu schüren. „Ein 56-Jähriger läuft durch Hochdorf und wird am hellichten Tag von einem 24-Jährigen grundlos abgestochen“, sagte der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Goßner. Selbst in der Provinz könne sich ein unbescholtener Bürger nicht mehr sicher fühlen. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Volker Münz stellte die Tat in eine Linie mit den Gewaltverbrechen in Illerkirchberg, Solingen, Mannheim und anderen Städten.

 

Wir lassen uns nicht spalten.

Karsten Rößler, SPD-Gemeindrat

 

Wenig überraschend kam die Mahnwache wie eine Wahlveranstaltung der AfD daher. „Es wird sich nichts ändern, wenn wir nicht gewählt werden“, sagte Volker Münz, und auch Hans-Jürgen Goßner bat die Zuhörerinnen und Zuhörer darum, ihr Kreuz an der „richtigen“ Stelle zu machen. 95 Prozent der Abschiebepflichtigen im Landkreis Esslingen würden nicht abgeschoben, sagte er, ohne jedoch konkrete Vorschläge zu machen, wie dieser von ihm angeprangerte Missstand behoben werden soll. Auch AfD-Stadtrat Markus Berthold prangerte die „brutale Ermordung eines Dorfbewohners durch einen Asylbewerber“ an. „Es ist unsere Regierung, die solche Zustände zulässt“, sagte Berthold.

Am Ortsausgang protestierten die Antifaschisten des Offenen Solidarischen Treffens Filstal. Foto: Carsten Riedl

Die Teilnehmer der Mahnwache, die von einem Einsatzleiter der Polizei auf rund 100 geschätzt wurden, waren quasi im Sandwich zwischen zwei Gegendemonstrationen. Dazwischen sorgtem Polizeibeamtinnen und -beamte in großer Zahl dafür, dass sich die Demonstranten nicht begegneten. Am Ortsausgang Richtung Notzingen demonstrierten lautstark die Antifaschisten des Offenen Solidarischen Treffens Filstal. Vor der Kirche hatte ein Bündnis aus Hochdorfer Gruppierungen zur Gegendemonstration aufgerufen, die von rund 300 Menschen, darunter viele aus dem Kirchheimer Raum, besucht wurde und immer wieder von Musik unterbrochen war. Initiatoren waren der CVJM Hochdorf, Linie 79, Landleben Hochdorf, die evangelische Kirchengemeinde, der Turnverein Hochdorf, der TV Faustball, der SPD-Ortsverein sowie Bündnis 90/Die Grünen. Viele Besucherinnen und Besucher waren mit Fahnen gekommen und hatten selbstgemalte Plakate dabei, auf denen sie sich von der AfD distanzierten.

Der Tatort in Hochdorf ist mit Kerzen und Blumen geschmückt. Foto: Carsten Riedl

Die Rednerinnen und Redner der Gegendemonstration in der Ortsmitte zeigten sich betroffen von der Tat und sprachen den Angehörigen ihr tiefes Mitgefühl aus. Sie wehrten sich jedoch gegen eine Instrumentalisierung der Tat. „Während wir Hochdorferinnen und Hochdorfer noch inne halten und nach Worten suchen, missbraucht die AfD dieses schreckliche Verbrechen für ihre parteipolitischen fremdenfeindlichen Zwecke“, sagte Karsten Rößler, SPD-Gemeinderat aus Hochdorf. Man sei entsetzt über dieses Verhalten. „Wir setzen heute ein Zeichen gegen Hass, gegen Hetze und gegen die Spaltung unserer Gesellschaft. Ein Zeichen für Zusammenhalt, für Demokratie und für Menschlichkeit“, sagte Rößler. Hochdorf stehe zusammen. „Wir lassen uns nicht spalten“.

Gegendemonstranten vor der Kirche. Foto: Carsten Riedl

„Wichtig ist, dass ein solch schlimmes Ereignis es nicht vermag, uns auseinanderzudividieren“, sagte Bürgermeister Gerhard Kuttler. Er sei bestürzt, und zugleich froh, dass der Tatverdächtige so schnell gefasst werden konnte. „Unsere Gedanken sind beim Opfer und seinen Angehörigen, aber auch bei den Helfern und Passanten“, sagte der Hochdorfer Bürgermeister.

Auch AfD-Kreisrat Ulrich Deuschle hat bei der Mahnwache gesprochen. Foto: Carsten Riedl

Als „Albtraum“ bezeichnete Pfarrer Gerald Holzer das Gewaltverbrechen, das in Hochdorf vor rund 14 Tagen passiert ist. Zuallererst sei es für all diejenigen ein Albtraum, die zurückblieben. „Wir sind in Gedanken bei Ihnen. Wir wünschten, wir könnten irgendetwas tun gegen diesen unsäglichen Schmerz“, sagte Holzer. Auch für alle im Dorf sei die Tat ein Albtraum. Man sei sprachlos und doch voller Sorge, zu schnelle und zu einfache Antworten zu finden. „Es gibt sie nicht, diese einfachen Antworten. Nicht hier und nicht jetzt“, sagte Holzer. „Wir können und wollen nicht mit einstimmen in die Lieder der Vereinfacher und Hetzer, sondern wir müssen gemeinsam nach Antworten suchen, die tragen“.