Ihr Haus steht heute noch, gegenüber liegt das Amtsgericht. Viele Kirchheimer kennen das Haus und tummeln sich regelmäßig im Erdgeschoss, im „Wilden Mann“. Vor 90 Jahren war dort das Kurz- und Weißwarengeschäft, das Renate Reutlingers Eltern betrieben. Das kleine Mädchen wuchs dort wohlbehütet auf –
zweieinhalb Jahre lang. Dann kam die „Machtergreifung“ Adolf Hitlers, und von da an wurde die jüdische Familie immer weiter ausgegrenzt. Der Höhepunkt respektive Tiefpunkt war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreicht, mit der Reichspogromnacht. Renate Reutlinger, die heute unter dem Namen Ronnie Breslow in Philadelphia lebt, erinnert sich: „Von da an gab es niemanden mehr, der nicht versucht hätte, Deutschland zu verlassen.“ Allen Verwandten und Bekannten war spätestens zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass es für Juden im NS-Staat keinerlei Zukunftsperspektive mehr gab.
Rund 20 Jahre zuvor hatten die jungen Männer noch im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, auch Ronnie Breslows Vater Gustav Reutlinger. Sein Weg, mit den Geschehnissen umzugehen, bestand darin, die Vergangenheit komplett auszublenden. „Ich habe schon frühzeitig damit begonnen, an Schulen meine Geschichte zu erzählen“, sagt Ronnie Breslow. „Mein Vater hat mich immer gefragt, warum ich das mache. Er hat gesagt: ,Wir leben jetzt in Amerika. Wir schauen nach vorn – und nicht zurück’.“
Heute ist Ronnie Breslow 93 Jahre alt, und sie berichtet immer noch aus der Vergangenheit, aus ihrer Lebensgeschichte, die sie geprägt hat. Sie ist froh, dass sie das bis heute tun kann: „Früher gab es noch viele andere Überlebende des Holocaust, aber die meisten von ihnen sind mittlerweile verstorben. Ich bin eine der wenigen, die noch übrig sind – und ich werde nicht jünger.“
An Schulen in den USA ist sie oft eingeladen, um über den Holocaust zu sprechen. In ihrer Heimatstadt Kirchheim war sie jetzt auch zu hören und zu sehen: Im Rahmen des Holocaust-Gedenktags am Schlossgymnasium hatte sie per Video-Schalte die Möglichkeit, von ihrer einsamen Kindheit zu berichten. Das Gespräch war im Dezember aufgezeichnet worden.
Schulverbot als Erstklässlerin
Ihre einsame Kindheit sieht Ronnie Breslow als unmittelbare Auswirkung der Nürnberger Rassegesetze auf ihr Leben: Ein Foto zeigt sie noch mit Schultüte. Aber bereits im Lauf des ersten Schuljahrs teilte ihr die Lehrerin vor versammelter Klasse mit, dass sie vom nächsten Tag an nicht mehr in die Schule kommen soll. „Nie kann ich es vergessen, dass ich von der Schule verwiesen wurde – und zwar nicht, weil ich etwas falsch gemacht hatte, sondern nur, weil ich eine Jüdin war. Es war ein Schock für mich, nicht mehr in die Schule gehen zu dürfen, kein Teil der Gruppe mehr zu sein.“
Die anderen Kinder, mit denen sie Kontakt hatte, seien nicht wirklich gemein oder grausam zu ihr gewesen: „Aber sie haben mich von einem Tag auf den anderen einfach ignoriert – als ob ich gar nicht da wäre.“ Selbst ihre beste Freundin Marianne, die noch versucht hatte, sie zu trösten, kam nie wieder. Den Grund nannte Renate Reutlingers Mutter Elly: „Marianne ist von ihrem Vater mit dem Gürtel verprügelt worden und musste ihm versprechen, sich nie wieder mit dir zu treffen.“

Dass sie von allen Kirchheimern im Stich gelassen worden war, machte es für Ronnie Breslow beinahe unmöglich, Jahrzehnte später der Einladung der Stadt Kirchheim zu folgen und ihre Heimatstadt gemeinsam mit anderen Schicksalsgefährten wieder zu besuchen. „Ich habe das schließlich gemacht, weil mein Ehemann in Düsseldorf ganz andere Erfahrungen hatte und seine Heimat wieder einmal besuchen wollte. In Kirchheim habe ich vor allem nach Marianne gefragt. Aber keiner wusste etwas von ihr. Sie muss die Stadt längere Zeit vorher schon verlassen haben.“ Ronnie Breslow berichtet auch vom jüdischen Leben in Kirchheim: „Wir waren eine sehr kleine Gemeinschaft. Es gab keine Synagoge und keinen Rabbi.“ Religiöse Feiertage wurden gemeinsam in einem umfunktionierten Wohnzimmer begangen.
Renate Reutlingers Kernfamilie hatte das Glück zu überleben. Onkels, Tanten oder auch deren Kinder hatten nicht alle dasselbe Glück. Viele von ihnen wurden in Konzentrationslagern ermordet: „Meine Mutter hat immer von ihrer Familie gesprochen, mein Vater nicht – obwohl auch er eine große Familie verloren hat. Auch für mich ist der Verlust von so vielen Verwandten eine schmerzhafte Lücke, die bleibt. Sie lässt sich nicht schließen.“
Dramatisch ist die Erzählung von der eigenen Ausreise: Nachdem ihr Vater schon vorher eine Schiffspassage erhalten hatte, sollte Renate gemeinsam mit ihrer Mutter im Mai 1939 nachkommen. Ihr Schiff „St. Louis“ durfte aber in Kuba nicht anlegen und musste nach Europa zurückkehren. „Kapitän Gustav Schröder ist mein Held: Er hat uns nicht nach Deutschland ausgeliefert.“ Die achtjährige Renate und ihre Mutter kamen in ein niederländisches Internierungslager, von wo aus es der Mutter gelang, Tickets für eine der letzten Passagen über Belgien nach New York zu erlangen. Heute sagt Ronnie Breslow: „Ich bin ausgesprochen dankbar, dass es mir möglich war, in die USA zu kommen – in ein Land, wo wir unsere Freiheit haben.“
Das weiterzugeben, gerade an junge Menschen in der Schule, ist und bleibt ihr Anliegen.
