Zehn Monate strapaziert die Corona-Pandemie bereits die Geduld. Zehn lange Monate, in denen ältere Menschen oft nur noch für die nötigsten Besorgungen aus dem Haus gehen und in denen sie ihre Kinder und Enkel selten beziehungsweise lediglich mit Abstand und Maske sehen. Doch der ersehnte Impfstart wird zur neuerlichen Geduldsprobe für Betagte beziehungsweise deren Kinder:
Wieder und wieder wählt mein 82-jähriger Vater am Tag eins der Terminvergabe für eines der beiden Impfzentren im Kreis Esslingen die 116 117. „Willkommen bei der elf sechs elf sieben. Wir helfen Ihnen, wenn Sie krank sind“, so lautet nach dem ersten Klingelton die Begrüßung einer weiblichen Stimme vom Band. Nein, krank sind die Eltern nicht. Sie brauchen lediglich einen Impftermin. Doch was bei der jährlichen Grippeschutzimpfung mit einem einzigen Anruf beim Hausarzt erledigt ist, erfordert Durchhaltevermögen. „Um einen Corona-Impftermin zu vereinbaren oder Informationen zur Corona-Schutzimpfung zu erhalten, drücken Sie bitte die eins“, ertönt es nun. Auf Zifferneingabe folgt Ansage und dann die nächste Zifferneingabe. „Ich bekomme das hin“, sagt mein Vater. Ich kann mir aber vorstellen, dass viele Ältere mit der Geschwindigkeit und der Fülle an Informationen überfordert sind.“ Erkennbar ist für ihn der Wille, „die Dinge ordentlich zu machen“ - sprich, den Bürgern die notwendige Aufklärung zukommen zu lassen. Wer wenig Zeit oder einen kürzeren Geduldsfaden hat, bleibt da wohl nicht ganz so gelassen.
Jetzt heißt es: „Aufgrund zahlreicher Anrufe“ sind alle Leitungen „in Ihrem Landkreis“ belegt. Man wird aufgefordert, es später erneut zu probieren oder übers Internet unter www.116117.de einen Impftermin zu vereinbaren. Also wählen wir uns im Internet ein. „Der Patientenservice. Die Nummer mit den Elfen“, leuchtet uns dort in pink und türkis entgegen. Einen Klick weiter und man landet bei der „Terminvergabe in Ihrem Bundesland“. Hoffnung keimt auf. Herunterscrollen und das gewünschte Impfzentrum anwählen. All das erfordert, einigermaßen fit zu sein im Umgang mit digitalen Geräten. Jetzt wird abgefragt, ob der Anspruch auf eine Corona-Schutzimpfung bereits geprüft wurde. Nein, aber über 80 Jahre alt zu sein genügt.
Nun braucht es ein Smartphone. Die E-Mail-Adresse sollte zur Hand sein, genauso die Rufnummer. Ist alles korrekt eingetippt, lässt sich der Vermittlungscode anfordern. Nach wenigen Sekunden poppt ein sechsstelliger PIN zur Verifizierung auf. Er ist der Türöffner zu zwei Vermittlungscodes, die per Mail für beide Impftermine auflaufen. „Termin buchen“, steht nun auf dem Display. Längst kam im Radio die Nachricht, dass die Termine für die wenigen Impfdosen, die die 50 Kreisimpfzentren im Land erhalten haben, am Morgen rasch vergeben waren. Tatsächlich heißt es jetzt auf dem Bildschirm: „Leider sind in Ihrer Region aktuell keine Termine verfügbar.“ Den Radius auf 150 Kilometer um den Wohnort auszudehnen, nutzt nichts. Was bleibt, ist die Aufforderung, mithilfe der Codes später erneut nach Terminen Ausschau zu halten.
„Ich bin durchgekommen!“, ruft meine Mutter plötzlich von unten. Doch auch dieser Hoffnungsschimmer zerplatzt wie eine Seifenblase. „Sie haben keine Impfter- mine, die sie vergeben können“, erfuhr sie von einer freundlichen Dame am Telefon nach einer nur zweiminütigen Warteschleife. Wann es wieder Termine gebe, wusste die Dame nicht. Meine Mutter solle morgen noch einmal anrufen. . .