Teilhabe
In der Bücherzelle am Rossmarkt Kirchheim ist immer was los

Am Rossmarkt steht seit 14 Jahren ein öffentlicher Bücherschrank. Die Verantwortliche Petra Schnitzler erzählt, welcher Lesestoff begehrt ist – und welche Nutzer-Verhaltensweisen für sie ein No-Go sind. 

Die Bücherzelle am Rossmarkt ist bei Kirchheimer Leseratten beliebt. Foto: Carsten Riedl

Wer in der Bücherzelle am Rossmarkt etwas abgeben oder herausnehmen will, muss Geduld mitbringen. Offenbar macht die kalte Jahreszeit Lust auf Lesen, denn die Tür der alten Telefonzelle ist kaum einmal geschlossen. Petra Schnitzler, die den öffentlichen Bücherschrank seit der Entstehung im April 2011 betreut, freut das natürlich. Der Umsatz hier am Rossmarkt sei eigentlich immer sehr hoch, erzählt die Ehrenamtliche des Bürger-Treffs Kirchheim. „Tolle Bücher wie neue Romane oder Bilderbücher sind keine halbe Stunde drin.“ Manche Menschen seien jeden oder jeden zweiten Tag da, um nach neuem Lesestoff zu schauen. „Ich sehe hier viele Menschen, die sich vermutlich keine Bücher leisten könnten“, sagt Petra Schnitzler.

Es geht auch mal ein Goethe oder Schiller weg.

Petra Schnitzler, Bücherzelle-Initiatorin

Diese Überzeugung trägt die Ehrenamtliche und ihre Kollegin, die sich die Betreuung der Bücherzelle teilen, auch durch dunkle Stunden. Und von denen gibt es laut Petra Schnitzler reichlich – und zunehmend mehr. „Die meisten Leute interessiert es beispielsweise überhaupt nicht, wenn die Regale der Bücherzelle voll sind“, sagt sie. Man stelle seine Sachen trotzdem hinein, notfalls auf den Boden oder vor die Tür. „Sie glaubed doch ed, dass i des alles wieder mitnehm“, ist ein Satz, den Schnitzler ständig zu hören bekommt.

Laut den Regeln, die an der Tür der alten Telefonzelle angebracht sind, dürfen außerdem höchstens fünf Bücher auf einmal dazugestellt werden. Daran hielten sich jedoch die wenigsten. „Dabei gibt es doch die Möglichkeit, größere Mengen bei mir abzuliefern“, sagt Schnitzler und zeigt auf die Telefonnummer, die an der Bücherzelle angebracht ist. Diesen Vorrat lagert Petra Schnitzler in ihrer Garage und füllt die Regale in mageren Zeiten damit auf. 

Kaputte Bücher müssen entsorgt werden

Ärgerlich findet Petra Schnitzler es auch, dass immer wieder modrige oder kaputte Bücher in die Bücherzelle gestellt werden, die von den Ehrenamtlichen aussortiert und zur Grünschnittsammelstelle gebracht werden müssen. Zum Glück haben die beiden eine Sondererlaubnis, um zur Bücherzelle vorfahren zu dürfen. Ohnehin ahnt man nicht, welch großer Aufwand hinter dem öffentlichen Bücherregal steckt. „Wir sind täglich hier, um aufzuräumen. Sieben Tage die Woche“, sagt Petra Schnitzler. Zur Routine gehört es, die Bücher auszusortieren, die entweder kaputt oder uralt und nicht mehr nachgefragt sind. Der Inhalt der Bücherzelle soll schließlich attraktiv bleiben.

Neue Romane und Kinderbücher sind gefragt

Apropos uralt: Petra Schnitzler bittet darum, keine Bücher zu spenden, die älter als 20 Jahre sind. „Jemand hat mal sein altes Schulbuch von 1930 reingestellt. Wen interessiert so etwas?“, fragt sie. Auch längst nicht mehr aktuelle Sachbücher, Atlanten und Reiseführer sind unerwünscht. Bücher aus Haushaltsauflösungen muss sie aus diesem Grund häufig ablehnen. „Was wir nicht leisten können, ist, durch solche Nachlässe durchzugehen und uns die guten Sachen rauszupicken“, sagt sie. Was hingegen immer begehrt ist, seien Kinder- und Bilderbücher sowie neuere Romane. „Es geht aber auch mal ein Goethe oder ein Schiller weg“, sagt Schnitzler. Das dauere jedoch in der Regel länger.

Einmal wäre die Zelle fast abgebrannt

Was immer wieder vorkommt, ist, dass verbotenerweise Bücher im großen Stil herausgenommen werden. „Ich bin noch nicht dahintergekommen, wer das ist“, sagt Petra Schnitzler, die deshalb nur mutmaßen kann. Möglicherweise werde versucht, die Bücher zu verkaufen. Auch mit Vandalismus hat die Bücherzelle regelmäßig zu kämpfen. „Die Scheibe ist immer wieder eingeschlagen. Einmal hat sogar jemand einen Böller drin gezündet, sodass die Zelle fast abgebrannt wäre“, erzählt sie. Die Kosten muss der Bürger-Treff selbst tragen​. Trotz all dieser Probleme ist Petra Schnitzler wild entschlossen, den öffentlichen Bücherschrank am Rossmarkt weiter zu betreiben. „Es gibt viele, die davon profitieren, und für die machen wir es“, sagt sie.

Mehr Informationen zum Bürger-Treff gibt es auf buergertreff-ki.de​​​​​​. Bücherzellen gibt es mittlerweile in den meisten Kommunen – getragen von den Gemeinden, Vereinen oder Privatpersonen.