Fortschritt
In Kirchheim trifft Traktor auf Hightech

Die Digitalisierung verändert die Landwirtschaft. Norman Rieker vom Ausbildungszentrum Deula berichtet, wie modernste Technik auf den Äckern der Region Anwendung findet. 

Auf den Bildschirmen in der Fahrerkabine des Traktors kann Norman Rieker alle laufenden Prozesse im Blick behalten. Foto: Carsten Riedl

Ob Staubsaugerroboter, Bewegungsmelder oder Einparkhilfe: In praktisch allen Lebensbereichen stehen dem Menschen heutzutage intelligente Technologien zur Verfügung, die ihm Arbeit und Alltag erleichtern.

Auch in der Landwirtschaft hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. Werden deutsche Felder also neuerdings von kleinen Robotern mit Spaten und Gießkannen bewirtschaftet? Nicht ganz. Doch auch hier in der Region kommen seit einigen Jahren moderne Systeme zum Einsatz, die das Maximum aus den Äckern herausholen und den Landwirten so manche Arbeit abnehmen.

Die Landwirtschaft ist bereit.

Norman Rieker über vollständig autonome Traktoren

Spurführungssysteme, die das Lenken des Traktors übernehmen, gibt es laut Norman Rieker von der Deula, dem Kirchheimer Ausbildungszentrum für künftige Landwirte und Landwirtinnen, tatsächlich schon seit der Jahrtausendwende. Vor rund zehn Jahren habe das Thema digitale Landwirtschaft dann „richtig Fahrt aufgenommen“.

Der Ausbilder für Landtechnik berichtet, dass die verschiedenen Hightech-Helferchen in erster Linie ein gemeinsames Ziel verfolgen, und das trägt den unspektakulären Namen „teilflächenspezifische Bewirtschaftung“ – oder wie Rieker sie nennt: „Das Herzstück der Digitalisierung der Landwirtschaft“.

Von Sensoren und Satelliten

„Ein Feld ist nie homogen“, erläutert der Experte. Innerhalb jeder Ackerfläche gebe es unterschiedliche Bodenzonen und -arten mit ganz eigenen Eigenschaften. Ein Sandboden sei zum Beispiel äußerst wasserdurchlässig. Rieker zieht den Vergleich zu einer umfallenden Sprudelflasche am Strand. „Da ist das Wasser ruckzuck weg.“ Im Gegensatz dazu bleibe die Flüssigkeit bei den hier verbreiteten Tonböden „erst mal stehen“.

Früher, so Rieker, habe man einfach das ganze Feld gleich behandelt. Heute wisse man es besser. Im digitalen Zeitalter kann der gesamte Prozess vom kahlen Acker bis zur Ernte mithilfe von Bodenproben, Drohnen, Sensoren sowie Daten von Satelliten und Wetterstationen technisch überwacht und unterstützt werden.

Während der Überfahrt kommunizieren Traktor, Stickstoffsensor und Düngerstreuer miteinander. Foto: Carsten Riedl

Um zu verstehen, mit welcher Art Untergrund sie es zu tun haben, untersuchen die Landwirte zunächst den Boden auf eine ganze Reihe von Eigenschaften, darunter etwa dessen organische Substanz, pH-Wert oder Mikronährstoffe. Ebenfalls unter die Lupe genommen werden Faktoren wie die Sonneneinstrahlung, das Krankheitsrisiko und die Leitfähigkeit des Bodens. Damit aber noch nicht genug: Sobald die ersten Keime sprießen, geht es an die Analyse von Biomasse, Chlorophyll- und Stickstoffgehalt. Mithilfe dieses Datencocktails können die Landwirte verschiedene Zonen innerhalb eines Ackers identifizieren und ein Rezept für die optimale Bewirtschaftung der Fläche entwickeln.

Aus der Tabelle in den Traktor

Doch wie sieht das in der praktischen Anwendung aus? „Da gibt es zwei Ansätze“, erklärt Norman Rieker. Einmal könne man aus den gesammelten Daten eine digitale Karte erstellen, die zeige, wo wie viel Dünger, Saatgut und Pflanzenschutzmittel verteilt werden sollen. Diese Karte könne man mittlerweile direkt an den Traktor senden, der sich auf Knopfdruck an die Arbeit mache.

Beim zweiten Ansatz brauche es nicht einmal mehr eine Karte. Durch digital ausgestattete Anbaugeräte könne der Traktor die Daten in Echtzeit erfassen und entsprechend handeln. So etwa bei einem Modell, das Norman Rieker präsentiert: „Hier habe ich vorne einen Stickstoffsensor, der während der Überfahrt die Daten ermittelt, und hinten reagiert der Düngerstreuer sofort“, erklärt der Technikenthusiast. Ebenfalls weit verbreitet seien intelligente Anbaugeräte, die ihre Arbeitsbreite automatisch anpassen oder die Geschwindigkeit des Traktors je nach Untergrund regulieren, um die Kapazität der Maschine voll auszunutzen. Die digitalen Zahnrädchen greifen perfekt ineinander.

Auch in Sachen Pflanzenschutzeinsparung habe man in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, ergänzt Norman Rieker. Mittlerweile sei die Technik weit genug, um zwischen Kulturpflanze und Unkraut zu unterscheiden. Dann könne der Pflanzenschutz punktuell auf die Stelle gesprüht oder der unerwünschte Wildwuchs maschinell entfernt werden – natürlich ganz automatisch.

Mensch und Maschine: ein Team

Das heißt jedoch nicht, dass menschliche Expertise auf den Feldern der Region nicht mehr gefragt ist. „Ohne den Landwirt geht es noch nicht“, betont Norman Rieker. Ihm – oder ihr – obliegt die Aufgabe, die Prozesse zu koordinieren und wichtige Entscheidungen zu treffen. Dazu zählt etwa die Frage, ob in Zonen mit schlechteren Ausgangsbedingungen zum Ausgleich mehr gedüngt und gesät werden soll, wodurch jedoch weniger Saatgut und Düngemittel für vielversprechendere Flächen übrig bleiben, die mit aller Wahrscheinlichkeit höhere Erträge liefern würden. „Ich nenne das Robin-Hood-Funktion“, setzt Norman Rieker hinzu.

Auf den Dach hat der Traktor eine Antenne, die dessen Position auf zwei Centimeter genau bestimmen kann. Foto: Carsten Riedl

Außerdem muss der Landwirt oder die Landwirtin von der Fahrerkabine des Traktors aus prüfen, ob auf dem Acker alles rund läuft. Denn: Technische Defekte, wie Verstopfungen, oder Objekte, die im Weg liegen, können der automatisierten Bewirtschaftung schnell einen Strich durch die Rechnung machen.

Die Zukunft der Landwirtschaft

„Das ist gerade so der Knackpunkt in Sachen Autonomie und Robotik“, sagt Norman Rieker. In Zukunft sollen die Maschine oder genau genommen die Anbaugeräte derartige Herausforderungen selbstständig meistern. Dann muss kein Mensch mehr im Traktor sitzen.

Diese leicht dystopische Vorstellung könnte übrigens schon in gar nicht allzu ferner Zukunft Realität werden. Wie Norman Rieker berichtet, stehen in so mancher Lagerhalle bereits funktionsfähige, vollständig autonome Traktoren. Bevor unbemannte Agrarfahrzeuge über deutsche Straßen und Felder rollen dürfen, müssen allerdings noch einige Genehmigungsprozesse abgewickelt werden. „Die Landwirtschaft ist bereit“, so Rieker. „Es muss nur noch der Gesetzgeber zustimmen.“