Wenn Joshua Hunter zu spielen beginnt, wird die Welt um ihn still. Mit Präzision fliegen seine Finger über die Tasten, mal langsam, mal schneller. Der Kopf nickt im Takt. Sein Blick ist fokussiert, doch nicht angespannt. Er wirkt ruhig. In diesem Moment gibt es nur ihn und die Musik.
Wenn man seine Ziele wirklich erreichen möchte, muss man auch mal absagen.
Joshua Hunter über Prioritätensetzung im Alltag
Obwohl er erst 18 Jahre alt ist, hat der junge Mann aus Kirchheim einen beeindruckenden Lebenslauf vorzuweisen: Auftritte auf zahllosen Bühnen, musikalische sowie schulische Auszeichnungen, ein Abitur mit glatter 1,0 und seit Neuestem einen von wenigen begehrten Plätzen für ein Studium als Jazzpianist.
Die Musik begleitet Joshua Hunter schon fast sein ganzes Leben lang: Mit zaghaften fünf Jahren wagte er die ersten Experimente am Klavier der großen Schwester; wenig später folgten Unterrichtstunden an der Musikschule Kirchheim. „Das Klavier hat viele Stimmen. Das ist wie ein kleines Orchester“, begründet er seine Begeisterung für das Instrument. „Man hat deutlich mehr Möglichkeiten, einen Klang zu kreieren als zum Beispiel bei einem Blasinstrument.“
Joshua Hunter muss es wissen. Im Laufe seiner musikalischen Laufbahn hat er auch dem Saxophon eine Chance gegeben. „Das hat mich aber nicht so gecatcht.“ Größeren Gefallen hat er am E-Bass gefunden. Sein Favorit ist und bleibt aber das Klavier.

Mal mit Bigband, mal solo
Verschiedene Instrumente zumindest grob zu beherrschen, bringt gewisse Vorteile mit sich. „In einer Band hilft es, die anderen Rollen und deren Schwierigkeiten zu verstehen. So kann man viel besser aufeinander achten“, erklärt der Musiker, der selbst Teil einer Jazz-Bigband aus Stuttgart ist.
Mit der durfte er übrigens erst kürzlich im Rahmen des Deutschen Orchesterwettbewerbs in Wiesbaden auftreten. Das sei allerdings weniger ein Wettbewerb mit Bepunktung als eine Möglichkeit der Begegnung für junge Jazz-Bigbands aus ganz Deutschland gewesen. „Es war total schön, zu sehen, dass es so viele Jugendliche im ganzen Land gibt, die sich dem widmen“, resümiert er.
Jazz wird leider oft als tote Musik abgestempelt.
Joshua Hunter, Pianist
Auch ohne Bigband-Begleitung stehen in Joshua Hunters Alltag regelmäßig Auftritte bei privaten Feiern oder städtischen Veranstaltungen auf dem Programm. Als sich Zoltán Bagó, Bürgermeister von Kirchheims ungarischer Partnerstadt Kalocsa vor rund zwei Monaten ins Goldene Buch der Stadt eintrug, war es Joshua Hunter, der die musikalische Begleitung lieferte.
Zwischen (Hoch-)Schulbank und Klavierhocker
Doch der Kirchheimer hat nicht nur am Klavier einiges drauf: Zusätzlich zu seinem makellosen Abiturzeugnis erhielt er zum Schulabschluss in diesem Sommer den Musikpreis, den Englischpreis und den Sozialpreis. Kein Wunder: Neben Spitzenleistungen in den einzelnen Fächern stach Joshua Hunter auch durch sein Engagement hervor und sorgte bei vielen schulischen Veranstaltungen, wie dem Holocaustgedenktag, Elternabenden oder dem Mensafest, für die musikalische Umrahmung. Seine Top-Noten erklärt der bodenständige Abiturabsolvent mit aufmerksamem Zuhören im Unterricht. Indem er sich darum bemüht habe, den Stoff schon im Klassenzimmer zu verstehen, sei zuhause fast nur noch Wiederholen nötig gewesen. Außerdem habe er „einfach Glück mit den Lehrern“ gehabt.
Dabei hatte Joshua Hunter nicht nur den Schulstoff zu meistern: Ab der elften Klasse habe er parallel zum Gymnasium noch ein Jazzklavier-Jungstudium an der Musikhochschule in Stuttgart absolviert, erzählt er ganz beiläufig. Dort habe er einmal die Woche Einzelunterricht erhalten. „Das hat mir schon die Möglichkeit gegeben, Kontakte zu knüpfen, das Studium und die Szene kennenzulernen“, so Hunter.

Schule, Musik, Hobbies, Freunde und Jungstudium unter einen Hut zu kriegen, war nicht immer leicht. In manchen Wochen, in denen sich die Pflichten ballten, sei er schon an seine Grenzen gestoßen, erinnert sich Joshua Hunter. Der ehrgeizige Teenager, der in seiner Freizeit gerne schwimmt und ins Fitnessstudio geht, musste schon früh feststellen, dass der Tag nur 24 Stunden und ein beeindruckender Lebenslauf seinen Preis hat. „Wenn man seine Ziele wirklich erreichen möchte, muss man auch mal absagen“, stellt er klar. Es sei gar nicht so einfach gewesen, die Angst, etwas zu verpassen, loszuwerden. Aber: „Wenn man das macht, wofür man brennt, verpasst man ja eigentlich nichts. Man macht nur etwas anderes.“ Mittlerweile habe er in Sachen Alltagsgestaltung zum Glück einen guten Ausgleich gefunden.
Eine nervenaufreibende Zeit
Von Kirchheim muss sich Joshua Hunter bald verabschieden – oder eher Kirchheim von ihm. Mit dem Beginn seines Jazzklavier-Bachelorstudiums startet für das Nachwuchstalent im Oktober ein neues Kapitel. Dass er die Zusage erhalten habe, sei „ein Riesending“ gewesen, erzählt er begeistert. Denn: Plätze gibt es nur wenige, und die Aufnahmeprüfung, bestehend aus einem theoretischen und einem praktischen Teil, ist nichts für schwache Nerven.
Man kann jedes Mal eine kleine Geschichte erzählen.
Joshua Hunter über den Jazz
Dass er für das Studium qualifiziert ist, hat Joshua Hunter nicht angezweifelt. „Wenn aber jemand um die Ecke kommt, der überzeugender ist, steht man mit leeren Händen da.“ Wie alle anderen Bewerber musste sich der Kirchheimer vor allem beim Vorspiel beweisen. In Köln habe er die Jury nicht gerade umgehauen, erzählt er etwas betreten. Ganz anders lief es in Mannheim. Mit seinem Auftritt ergattert er den einzigen Jazzklavier-Studienplatz an der Musikhochschule. Dass nur eine Person angenommen wird, hängt laut Joshua Hunter damit zusammen, dass das Studium einem ganz eigenen Konzept folgt. „Das ist nicht wie bei großen Studiengängen, bei denen man mit 300 Leuten im Audimax sitzt“, so Hunter. Statt rammelvollen Hörsälen gibt es One-on-One-Unterricht und Theoriekurse mit einstelliger Teilnehmerzahl. „Es ist viel persönlicher“, fasst er zusammen.
Seine Eltern beschreibt Joshua Hunter als „riesige Stütze“ bei seinem musikalischen Werdegang. Für seine Mutter, eine Logopädin und seinen Vater, der Arzt ist, sei es nur wichtig gewesen, dass er gute schulische Leistungen bringe und so ein akademisches Auffangnetz habe – falls es mit der Musik als Hauptberuf nichts wird. Sein Plan B? „Psychologie könnte ich mir gut vorstellen.“

Aktuell ist Joshua Hunter aber einfach nur erleichtert, die Aufnahmeprüfung hinter sich zu haben. „Es kommt dabei so ein Konkurrenzdenken gegenüber den anderen Bewerbern auf, was total uncool ist, weil man eigentlich die gleiche Leidenschaft hat“, bedauert der Musiker.
Die neue Generation des Jazz
Diese Leidenschaft, der Jazz, ist für Joshua Hunter einfach alles. Besonders begeistert ihn, wie gefühlvoll und ausdrucksstark die Musikrichtung ist. „Man kann jedes Mal eine kleine Geschichte erzählen“, schwärmt der Jazzfan, der auch gern selbst komponiert.“ Wie er erklärt, ist die aktive Auseinandersetzung mit der Musik – das Lernen durch Zuhören – in diesem Genre der Schlüssel zum Erfolg. „Es kann aber schon anspruchsvoll sein, sich eine Stunde hinzusetzen und nichts anderes zu machen, als aufmerksam zuzuhören“, sagt er lachend.
Leider, so Hunter, werde Jazz oft als „tote Musik“ abgestempelt. Und das, obwohl in modernen Songs regelmäßig Jazz-Samples – das sind Ausschnitte aus anderen Liedern – verwendet werden. Jazz kommt schließlich nicht ausnahmslos bei älteren Generationen gut an. Wie Joshua Hunter berichtet, hat sich insbesondere in England eine große Jugendszene gebildet, die mittlerweile auch nach Deutschland überschwappt. „Das ist total schön zu sehen“, meint er lächelnd.
Für mich ist es in erster Linie wichtig, Menschen zu erreichen und meine Kunst mit Leuten zu teilen, die das auch toll finden.
Joshua Hunter, Pianist
In seiner Freizeit klingen aus Joshua Hunters Kopfhörern auch gerne mal andere Genres, wie Soul, RnB oder Hip-Hop. Das Nonplusultra bleibt aber der Jazz. Sein Idol? „Bill Evans“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Er bewundere aber auch einige neuere Künstler. Zu seinen Favoriten zählen das Berliner Trio Moses Yoofee und der britische Musiker Alfa Mist.
Die Vorfreude auf das anstehende Studium ist bei Joshua Hunter schon groß. Eine Sache hat er sich bereits fest vorgenommen: In Mannheim möchte er gerne eine eigene Band gründen. Auf lange Sicht könnte er sich gut vorstellen, in der Band größerer Künstlerinnen und Künstler zu spielen und mit ihnen auf Tour zu gehen, falls sich die Gelegenheit bietet. Einen genauen Plan für seine berufliche Zukunft hat er aber noch nicht.
Wirklich berühmt zu werden, ist für den Kirchheimer keine Priorität. Über die Runden zu kommen, wäre ihm aber recht. „Für mich ist es in erster Linie wichtig, Menschen zu erreichen und meine Kunst mit Leuten zu teilen, die das auch toll finden.“

