Anträge, deren Bearbeitung sich Monate hinzieht, schleppende Verfahren, überlastete Mitarbeiter – vieles von dem ist bereits Realität, und es könnte noch deutlich schlimmer kommen. Rathäuser und Landratsämter steuern auf einen eklatanten Fachkräftemangel zu. Im Esslinger Landratsamt mit seinen knapp 2.500 Beschäftigten in der Kernverwaltung sind derzeit 6,5 Prozent der Vollzeitstellen unbesetzt. Besorgniserregender als diese Zahl ist die Perspektive: Fast ein Drittel der Mitarbeitenden sind zwischen 50 und 59 Jahre alt. Spätestens ab 2027, wenn die Generation der Babyboomer in Scharen in Pension oder Rente geht – so fürchten Personalmanager – wird die Lage vollends brenzlig.
Laut einer hausinternen Hochrechnung werden in der Kreisverwaltung in den nächsten zehn Jahren auf diese Weise 550 Vollzeitstellen frei. Das bedeutet umgerechnet: fast jede dritte wird neu zu besetzen sein. Will man handlungsfähig bleiben, ist beim Personal kaum Luft nach unten. Der Kreis Esslingen ist mit rund 536.000 Bewohnern der zweitgrößte im Land hinter dem Rhein-Neckar-Kreis. Entsprechend vielfältig sind seine Aufgaben. Die Verwaltung gilt heute schon als vergleichsweise schlank. Betrachtet man alle 35 Landkreise in Baden-Württemberg, liegt der Kreis Esslingen bei der Personalstärke in Relation zur Bevölkerungszahl auf dem viertletzten Platz.
Firmenfitness als Lockmittel
Was also tun? Den Markt beackern, Social-Media-Kanäle bedienen, erfinderisch sein, was Lockangebote betrifft, um neue Fachkräfte zu gewinnen und wichtiger noch zu halten. In anderen Worten: Zeigen, dass man ein attraktiver Arbeitgeber ist. Einen zusätzlichen Schub verspricht sich die Verwaltungsspitze vom neuen Landratsamtsgebäude, das im kommenden Jahr bezugsfertig sein und modernste Arbeitsplätze bieten soll. Vieles von dem, was man für zielführend hält, läuft bereits: Zusatz-Gratifikationen, Vergünstigungen im Nahverkehr, Aufstiegs- und Weiterbildungsangebote oder flexible Arbeitszeitmodelle, um Familie und Beruf leichter vereinbaren zu können. Ab November bezahlt der Kreis Beschäftigten einen monatlichen Zuschuss von 42 Euro im Rahmen eines Firmenfitnessprogramms. Doch reicht das alles? Landrat Marcel Musolf erkennt im dritten Jahr der Rezession, in der sich die deutsche Wirtschaft befindet, durchaus Wettbewerbsvorteile. „Zeiten, in denen es der Privatwirtschaft schlechter geht“, sagt Musolf, „sind immer auch eine Chance für den öffentlichen Dienst“. Schließlich findet sich hier, was es in stürmischen Zeiten auf dem Arbeitsmarkt in der freien Wirtschaft selten gibt: Sicherheit. Der Kampf gegen den Fachkräftemangel nennt Musolf, der seit knapp zehn Monaten im Amt ist, „ein sehr persönliches Anliegen“.
Es gibt aber auch kritische Stimmen, die schon länger davor warnen, dass sich Verwaltungen im Überbietungs-Wettstreit um Gehaltszulagen und Karrierechancen gegenseitig das Wasser abgraben, anstatt sich strukturiert gemeinsam um mehr Fachkräfte zu kümmern. Der Deutsche Beamtenbund spricht angesichts von 360.000 unbesetzten Stellen von „Kannibalisierung“. Steffen Weigel ist Bürgermeister in Wendlingen und sitzt für die SPD seit elf Jahren im Kreistag. Als Verwaltungschef einer 16.000-Einwohner-Stadt weiß er, dass alle, die Dienst am Bürger tun, mit ähnlichen Problemen kämpfen. Zeitungen und Mitteilungsblätter sind voll mit Stellengesuchen aus fast allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung. Die 11.000 Euro jährlich, die der Kreis jetzt für sein neues Fitnessangebot locker macht, hat Weigel als Kreisrat mit abgesegnet. Trotzdem sagt er: „Uns allen muss klar sein, dass wir einen Wettstreit in Gang setzen, den kleinere Verwaltungen nicht mitgehen können.“

