Kirchheim
Kirchheim zeigt sich als „Handelsidylle“

Einkaufsstadt Das renommierte Fachblatt „Textil-Wirtschaft“ hat sich am Fuß der Teck umgeschaut – und lobt das Miteinander und das Wir-Gefühl. Von Andreas Volz

Selbst bei durchwachsenen Wetterverhältnissen ist Kirchheims Innenstadt jederzeit einen Besuch und einen Einkaufsbummel wert. Viele wissen das sehr zu schätzen.   Foto: Jörg Bächle

Kirchheim im Mittelpunkt eines renommierten Fachblatts, das bundesweit erscheint – das gab es jetzt im Frühjahr: Die „Textil-Wirtschaft“ (TW), das Leitmedium der Modebranche in Deutschland, hatte sich auf den Weg von der Main-Metropole Frankfurt ins Mittelzentrum am Fuß der Teck gemacht,
 

Das war so etwas wie der Ritterschlag für uns in Kirchheim.
Ralf Gerber
über die Vorbildfunktion, die das Fachblatt „Textil-Wirtschaft“ der 
Teckstadt attestiert hat

um im „Mikrokosmos“ Kirchheim zu lernen. Und es gab einiges zu lernen! Fast durchgehend konnte das TW-Redaktions-Team innerhalb des Alleenrings dem Thema „Handelsidylle in schwäbischer Kleinstadt“ nachgehen und sich davon überzeugen, dass es sich keinesfalls um eine Inszenierung gehandelt hat, sondern um die alltägliche Realität.

Zustandegekommen war der Besuch aus Frankfurt nach einer Beschwerde des Kirchheimer Modehändlers Ralf Gerber beim Chefredakteur der TW. „Ich habe bei denen mehr positive Beiträge angemahnt, dass sie mal über Dinge berichten, die funktionieren“, sagt er im Nachhinein. Dass es dann gleich ein so großer und umfangreicher Bericht wird, und dass sich der Besuch auch noch in der Folgewoche in einem Kommentar des Chefredakteurs widerspiegeln sollte, hätte er sich allerdings nicht träumen lassen: „Das war für uns so etwas wie der Ritterschlag für Kirchheim.“

Dass er „uns“ sagt, ist kein Zufall. „Es geht nicht um mich, es geht hier um den City Ring, um ganz Kirchheim.“ Das haben die Gäste aus Frankfurt schnell aufgenommen. Deshalb spielt auch die Plakat-Aktion „Wir für Kirchheim“ eine prominente Rolle im TW-Bericht. Im Text heißt es folgerichtig: „Auch wenn jeder Händler oder jeder Gastronom letztlich vor allem an die eigene Kasse denken muss, wissen die meisten hier doch: Nur gemeinsam können Handel und Gastronomie zusammen mit der Stadtverwaltung ihr Städtle und dessen Einzelhandel auf Dauer lebendig halten.“

Das Lebendige, das auffällt, wenn man aus Frankfurt kommt, ist das Gegenteil der Großstadt-Anonymität: In Kirchheim kennt jeder jeden, und in Kirchheim grüßt man sich gegenseitig – Händler, Gastronomen, Kunden, Passanten, und das gilt für Männer wie Frauen gleichermaßen. Das „Wir“ steht also nicht nur für die Mitglieder des City Rings. Das „Wir“ in der gesamten Stadt hat die Frankfurter nachhaltig beeindruckt. Das kulminiert im schriftlichen Versprechen des Chefredakteurs Michael Werner: „Wir werden das jetzt öfter machen. Der Gang durch die große Stadt – für uns Frankfurt am Main – schlägt unnötig aufs Gemüt. Zu viel vom Selben. Zu wenig von dem, was die Sinne stimuliert.“
 

Ein „Weiter so“ reicht nicht aus

Das sind starke Worte, durch die sich Kirchheim zurecht geadelt fühlen darf. Aber bei aller Euphorie ist es trotzdem angebracht, auch immer wieder auf die entsprechende Bremse zu treten: Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Ein einfaches „Weiter so“ reicht nicht aus. Was gut ist, gilt es nicht nur zu erhalten. Es geht darum, selbst das Gute nach Möglichkeit noch zu verbessern.

Das Lokalkolorit, das die TW rühmt, bezieht sich nicht nur auf die vielen inhabergeführten Ladengeschäfte. Lokalkolorit haben auch die Gastronomie und die Märkte zu bieten. Der Artikel warnt aber auch davor, dass die große Stärke zu einem großen Nachteil werden könne: wenn es nicht gelinge, die Nachfolge für die inhabergeführten Geschäfte zu regeln. Der angespannte Wohnungsmarkt in Kirchheim wird ebenso kritisch erwähnt wie der verbesserungswürdige Weihnachtsmarkt, das Fehlen von Imbissständen auf dem Wochenmarkt oder der notwendige Ausbau der Aktivitäten im (Tages)-Tourismus.

Das alles sind Baustellen, an denen Kirchheim zu arbeiten hat. Und dennoch überwiegt das Positive: Kirchheim hat das Glück, dass es hier nie die ganz großen Warenhäuser gab, die andernorts jetzt Altlasten darstellen. Ganz wichtig ist auch das heimelige, homogene Erscheinungsbild der Innenstadt, wie der TW-Artikel betont: „Vor allem keine Innenstadtsanierung mit dem Bagger, die die Strukturen zerstört hätte.“ Die Strukturen sind es, die Kirchheim ausmachen – von den Gebäudeensembles bis hin zum Miteinander und zum Wir-Gefühl.