Es ist eine altbekannte Szene: Maria, Josef und das Christuskind in der Krippe, bei ihnen Ochs und Esel, über ihnen der Stern von Bethlehem. Doch etwas ist hier anders. Nicht weit entfernt wird ein Würstchen über dem Feuer gebrutzelt, ein himmlischer Chor spielt Ukulele, und aus einer Baumkrone lichtet ein Hutträger die Geburt Jesu mit der Kamera ab. „Ein Paparazzo von der BILD-Zeitung“, erklärt Walter Ottmüller.
Ich nenne es naive Volkskunst.
Walter Ottmüller, Rentner und Hobbykünstler
In seiner gemütlichen Wohnung im Kirchheimer Seniorenzentrum „An der Lauter“ hat der 78-Jährige ein echtes Kunstwerk versteckt: eine imposante Weihnachtskrippe mit mehr als 60 hölzernen Figuren. Jede einzelne davon hat er in mühevoller Handarbeit selbst geschnitzt.

Walter Ottmüller ist kein gebürtiger Kirchheimer. Ursprünglich stammt er aus dem Rems-Murr-Kreis. Infolge eines Wasserschadens am Haus traf er vor rund zweieinhalb Jahren gemeinsam mit seiner Frau die Entscheidung, neue Wege einzuschlagen und in der Teckstadt, dem Heimatort von Tochter und Enkeln, ins betreute Wohnen zu ziehen.
Ein Gefallen wird zur Leidenschaft
Mit im Umzugswagen fuhr die Weihnachtskrippe – ein Projekt, an dem Walter Ottmüller seit mittlerweile mehr als zehn Jahren arbeitet. Um zu erklären, wie es dazu kam, müsse er etwas ausholen, meint der Ruheständler und erzählt von einem Running-Gag in der Familie: Vor seinen Enkelkindern habe er stets gewitzelt, dass es nichts gebe, dass er nicht könne. Der Super-Opa, eben. Seine Enkelin nahm ihn beim Wort. Zu ihrem 18. Geburtstag äußerte sie einen für eine Teenagerin ungewöhnlichen Wunsch: eine Weihnachtskrippe mit selbstgeschnitzten Figuren. Sollte kein Problem sein, schließlich kann Opa ja alles.

Obwohl Walter Ottmüller zu diesem Zeitpunkt nicht viel vom Schnitzen verstand, machte er sich schnurstracks ans Werk. Aus dem Ast eines Haselnussstrauchs entstand Josef, sein erster Krippenbewohner. „Dann habe ich aber sehr schnell gemerkt, dass das nicht das richtige Holz ist“, erinnert sich der Hobbykünstler. Die Lösung: Lindenholz. „Das ist ideal“, verrät er.
Die Weihnachtsgeschichte erwacht zum Leben
Im Schnitzen hat Walter Ottmüller eine unerwartete Leidenschaft entdeckt. Als die Krippe in ihrer typischen Besetzung vollständig war, entschied er sich, einfach weiterzumachen. In Form einzelner Szenen hat Walter Ottmüller in der Zwischenzeit die ganze Weihnachtsgeschichte geschnitzt – und noch mehr. Mittlerweile hat sein Werk das Ausmaß einer Miniatur-Stadt angenommen und nimmt beinahe sein ganzes Wohnzimmer ein.

Beim Umzug nach Kirchheim war die Weihnachtskrippe noch deutlich kleiner. Doch nur sechs Wochen nach der Ankunft in Kirchheim verstarb Walter Ottmüllers Frau überraschend. Die Schnitzarbeit – ein Hobby, das sie stets geschätzt habe – sei während dieser dunklen Zeit eine gute Beschäftigung gewesen, erzählt der Witwer betrübt.
Ein Laie wird zum Profi
Die mehr als 60 Figuren in Walter Ottmüllers Krippe dokumentieren auch die Fortschritte, die seine Schnitzkünste in den vergangenen Jahren gemacht haben. Zu Maria und Josefs Zeiten waren seine kleinen Skulpturen, für die er zum Teil nur ein paar Stunden, unter Umständen aber auch mehrere Wochen benötigt, noch relativ statisch. Inzwischen ist richtig Bewegung in die Krippe gekommen. „Ich wollte Dynamik reinbringen“, erzählt der Rentner.

An Liebe zum Detail fehlt es Walter Ottmüller jedenfalls nicht. In jeder Ecke lassen sich neue Dinge entdecken, darunter auch kleine Gags oder „Stilbrüche“, wie Walter Ottmüller sie nennt: ein römischer Soldat mit Armbanduhr, ein Finanzbeamter mit MacBook oder ein Storch in der Krippe. „Der hat das Christkind gebracht“, erläutert der Kirchheimer schmunzelnd. Auch seine Familie hat er an der einen oder anderen Stelle in seinem Kunstwerk verewigt.
Eine weihnachtliche Attraktion
Doch Walter Ottmüller hat nicht nur weihnachtliche Motive auf dem Kasten: Äffle und Pferdle, der nackte Kaiser aus dem bekannten Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen und die sieben Schwaben sind nur ein paar der hölzernen Figürchen, die von Schränken und Regalen aus über die Wohnung wachen.

Über sein Jahrzehntwerk spricht Walter Ottmüller mit einer inadäquaten Bescheidenheit. Seine Schnitzereien? Die seien nur „naive Volkskunst“. Außerdem habe er auch etwas Hilfe gehabt: Beim Bühnenbild habe ihm sein Bruder unter die Arme gegriffen. Apropos Bühne: Weil ein Kunstwerk wie dieses auch gesehen werden sollte, hat Walter Ottmüller zugestimmt, dem Seniorenzentrum seine Krippe auszuleihen. Die Krippe zieht in Kürze – zumindest temporär – vom Wohnzimmer des Rentners ins Foyer, wo sie von Anwohnern und Besuchern bestaunt werden kann.


