Hautersatz
Kirchheimer Unternehmen macht Brandopfern Hoffnung

Für die Schwerverletzten der Brandkatastrophe in Crans-Montana kommt Hilfe aus der Teckstadt. Beim Medizintechnik-Unternehmen PMI galt es nach dem schweren Unglück am Neujahrstag, keine Zeit zu verlieren.

Vater und Sohn an der Spitze eines erfolgreichen Unternehmens: Christian Planck (links) und Professor Dr. Heinrich Planck entwic
Vater und Sohn an der Spitze eines erfolgreichen Unternehmens: Christian Planck (links) und Professor Dr. Heinrich Planck entwickeln im firmeneigenen Forschungszentrum in Kirchheim innovative Produkte zur Wundversorgung von Patienten. Foto: PMI

Als Christian Planck an diesem Neujahrsmorgen erstmals aufs Handy schaut, ist schnell klar: Dies wird kein Jahresbeginn wie jeder andere sein. Die Schlagzeilen von der Brandkatastrophe in einer Bar im schweizerischen Crans-Montana, die einem von allen Kanälen ins Auge springen, beenden im Gewerbegebiet Am Hegelesberg die Feiertagsruhe. 40 Tote wird die unheilvolle Silvesternacht im Wallis am Ende gefordert haben. 116 teils schwerst verletzte Brandopfer müssen in Windeseile mit Flugzeugen und Helikoptern in Spezialkliniken untergebracht und versorgt werden. In Lausanne und Zürich, wo es nicht genügend Plätze gibt. Verbrennungszentren im Ausland, wie im Stuttgarter Marienhospital oder in der Tübinger BG-Klinik, nehmen die überwiegend jungen Patienten auf. Christian Planck hat die Kontakte von Chefärzten und Klinikleitungen auf seinem Handy gespeichert. Er weiß: Den Opfern kann nur schnell und effektiv geholfen werden, wenn er und sein Team jetzt rasch handeln.

Regierungen tun zu wenig, um auf Szenarien wie diese vorbereitet zu sein.

Christian Planck, Firmenchef von PMI in Kirchheim, kritisiert die unzureichende Bevorratung von Material zur Versorgung schwerer Brandwunden.

Christian Planck ist Chef von PMI, der Poly Medics Innovations GmbH. Das Unternehmen mit knapp 90 Mitarbeitern – 20 davon in den USA – stellt synthetischen Hautersatz für die Behandlung schwerstverletzter Brandopfer her. Eine Membran, die atmet, für Bakterien undurchlässig ist und nur einmal aufgebracht werden muss. Schmerzhafte Verbandswechsel werden dadurch überflüssig, das Risiko für Wundinfektionen minimiert. Heilt die Haut darunter ab, löst sich das Material irgendwann einfach auf. Das Produkt mit dem Markennamen Suprathel ist weltweit einzigartig, in 40 Ländern im Einsatz – und made in Kirchheim. Nach Plancks Worten der „Goldstandard“ bei der Versorgung schwerer Brandwunden und inzwischen fester Bestandteil des medizinischen Sortiments in deutschen Kliniken. Was nur Planck und Klinikbeschäftigte in diesen Stunden wissen: Von dem Material, das rasche Schmerzlinderung und komplikationsfreie Heilung ermöglicht, gibt es in Krankenhäusern viel zu wenig, um für solch ein Ereignis auch nur annähernd gewappnet zu sein.

In Kirchheim drängt die Zeit. Eine mehrköpfige Taskforce, die der Firmenchef per Videocall am Neujahrstag eiligst zusammentrommelt, verschafft sich in Kürze ein Bild der Lage, kommuniziert mit Kliniken und Schweizer Zollbehörden, um eine reibungslose Einfuhr zu erwirken, und setzt einen für das Unternehmen bis dahin beispiellosen Hilfstransport in Gang. Material für ein halbes Jahr im Voraus lagert in der Kirchheimer Firmenzentrale am Rande des Kruichling. Weil das Wochenende naht und für den Versandweg nur der Freitag bleibt, setzen sich Firmenmitarbeiter selbst hinters Steuer und machen sich auf den Weg in die Schweiz.

Die „Community“, wie Christian Planck es formuliert, funktioniert. Ein Netzwerk aus Mitarbeitern, Ärzten, Spezialisten, das greift, wenn eintritt, was nie eintreten sollte. Dass die Versorgungslage so ist, wie sie ist, ist für den Unternehmer dennoch nur schwer zu verstehen. „Kliniken halten nur vor, was für den Routinealltag benötigt wird, und verantwortliche Regierungen tun zu wenig, um auf Szenarien wie diese vorbereitet zu sein“, findet der 42-Jährige klare Worte. 116 Brandopfer in einer einzigen Gaststätte hatten genügt, um Engpässe in der Versorgung offenzulegen. Was passiert, wenn irgendwo eine Gasleitung explodiert, ein Passagierflugzeug in Brand gerät oder sich ein entsprechendes Bahnunglück ereignet, wolle er sich gar nicht ausmalen, sagt Planck. „Crans-Montana, so schrecklich dieses Ereignis ist, wird daran etwas ändern, davon bin ich überzeugt.“

Bei PMI in Kirchheim wird produziert und geforscht. Foto: PMI
Bei PMI in Kirchheim wird produziert und geforscht. Foto: PMI

In PMI steckt schwäbischer Tüftlergeist. Suprathel ist seit 2004 auf dem Markt. Erforscht und zur Marktreife gebracht vom Seniorchef, Professor Dr. Heinrich Planck, einem Pionier der biomedizinischen Verfahrenstechnik. Hand in Hand mit Medizinern hat er ein Produkt entwickelt, für das es bis heute weltweit keine echte Alternative gibt. Der 74-jährige Firmengründer ist noch immer Teil des operativen Geschäfts bei PMI. Er war lange Zeit Leiter des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik in Denkendorf, bis er 2001 sein eigenes Unternehmen schuf. Seit 2015 gibt es eine Niederlassung in den USA mit heute 20 Mitarbeitern. Vor drei Jahren schließlich folgte der Umzug ins neue Werk in Kirchheim. Seitdem hat sich die Belegschaft verdoppelt, der Umsatz ist um ein Drittel gewachsen, und das soll lange nicht das Ende einer rasanten Entwicklung sein.

„Segen für die Menschheit“

Christian Planck, der heute an der Unternehmensspitze steht, weiß, dass er in Wirtschaftskreisen zu einer selten gewordenen Spezies zählt. Als Teil eines Wachstumsmarktes, dem nicht wenige Experten goldene Zeiten vorhersagen. Von Wirtschaftsführern beneidet, von der Politik hofiert. Medizintechnik gilt nicht nur im Südwesten als Leuchtturmbranche in Zeiten, in denen andere versuchen, in der tosenden Gischt des Strukturwandels den Kopf über Wasser zu halten. Als „Segen für die Menschheit“ hat Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha beim Firmenbesuch vor zwei Jahren die zweite Haut aus Kirchheim bezeichnet. Dabei ist die längst nicht alles, was das Unternehmensportfolio zu bieten hat. Materialien wie Novo Sorb, das bei Hauttransplantationen zum Einsatz kommt, oder Nexo Brid, das verwendet wird, um abgestorbenes Gewebe zu entfernen, stammen aus der firmeneigenen Denkfabrik im Kirchheimer Westen, wo in staub- und keimfreier Umgebung produziert und geforscht wird.

Während die Waffenindustrie boomt, wird auch PMI zum Profiteur unsicherer Zeiten in Europa. „In gewisser Weise sind wir Teil der Rüstungsindustrie“, sagt Planck. Die Produkte, die das Unternehmen herstellt, helfen, Leid zu lindern, das moderne Kriegsführung befeuert. Schwere Verbrennungen als Kriegsfolge hätten durch Kampfdrohnen erheblich zugenommen, sagt Planck mit Blick auf das, was täglich in der Ukraine geschieht. Während er stolz über Wachstumspläne redet, schwingt hörbares Unbehagen mit. Das Unternehmen plant, die Produktion in Kirchheim drastisch auszubauen. Es soll weiter gebaut werden, die Suche nach geeigneten Grundstücken läuft. Fest steht: Die Welt braucht segensreiche Erfindungen wie die zweite Haut aus Kirchheim. Beruhigend ist das nicht.