Patientenversorgung
Kreis startet die nächste Charmeoffensive für Hausärzte

Im Landratsamt will man bei Praxisübergaben die Städte und Gemeinden ins Boot holen. Kommunale Versorgungs­zentren sollen Allgemeinmediziner mit besseren Arbeitsbedingungen locken.

Der Weg zum nächsten Hausarzt wird für viele Patienten immer weiter. Die Not macht Landratsämter erfinderisch. Foto: Markus Brändli

Der Landkreis setzt im Kampf gegen den drohenden Hausärztemangel weiter alle Hebel in Bewegung. Nach der Gründung eines Weiterbildungsverbunds, dem Praxen und Kliniken angehören, und der Ausschreibung von Hausarztstipendien im vergangenen Jahr will nun ein neues Modell Allgemeinmedizinern eine Ansiedlung schmackhaft machen. Der Plan: Statt auf Nachfolger zu hoffen, wenn Einzelpraxen aufgegeben werden, setzt der Kreis auf Medizinische Versorgungszentren (MVZ) unter Beteiligung der Kommunen. Genossenschaftlich betrieben und damit nicht vordergründig darauf ausgerichtet, Renditen zu erzielen.

Die Kommunen sollten sich nicht hinter dem Versorgungsauftrag der KV verstecken.

Die Gesundheitsdezernentin im Landratsamt, Christina Werstein, ist offen für neue Wege.

Bei der Gründung solcher Zentren will der Kreis Geburtshilfe leisten: Maximal 50.000 Euro an Förderung gibt es pro Gründung bis 2029. Gelingt es innerhalb von drei Jahren, zusätzliche Arztzeiten zu schaffen, gibt es weitere 25.000 Euro obendrauf. Der Vorteil, den man sich davon erhofft: Die Rathäuser sollen einen Großteil der Verwaltungsarbeit übernehmen und dadurch Ärzte entlasten. Die klagen seit langem darüber, dass überbordende Bürokratie sie daran hindert, sich in ausreichendem Maß ihrer eigentlichen Aufgabe widmen zu können. Ein weiterer Vorteil: Die Zulassung durch die Kassenärztliche Vereinigung ist an das Versorgungszentrum geknüpft und nicht an einen Arzt oder eine Ärztin. Dadurch muss im Falle eines Arztwechsels der Sitz nicht neu beantragt werden. Gleichzeitig soll die Arbeit im Team Teilzeitmodelle erleichtern, die bei angehenden Medizinern hoch im Kurs stehen, wie aktuelle Zahlen zeigen. An medizinischen Kräften im Land herrscht grundsätzlich kein Mangel. Bei der Ärztekammer sind derzeit so viele Ärztinnen und Ärzte registriert wie nie zuvor. Gleichzeitig ist die tatsächlich verfügbare Arztzeit deutlich gesunken, weil der Wunsch nach Teilzeitbeschäftigung – zumeist im Angestelltenverhältnis – zunimmt. Der klassische Landarzt mit Einzelpraxis, der seine Patienten rund um die Uhr versorgt, ist im Aussterben begriffen.

In der Kommunalpolitik herrscht Einigkeit: Will man dem drohenden Mangel begegnen, braucht es neue Ansätze und Ideen. Zwar sind die Landkreise für die ärztliche Versorgung gar nicht zuständig, das ist Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung, doch „die Kommunen sollten sich hinter dem Versorgungsauftrag der KV nicht verstecken“, sagt die Kreis-Gesundheitsdezernentin Christina Werstein. Der Erfolg der laufenden Bemühungen im Kreis fällt dagegen sehr unterschiedlich aus. Dem allgemeinmedizinischen Weiterbildungsverbund, der vergangenes Jahr gegründet wurde, sind neben sämtlichen Kliniken im Kreis inzwischen 15 Hausarztpraxen und eine Facharztpraxis angeschlossen. Sieben Jungmediziner haben sich zur Ausbildung eingeschrieben. Landrat Marcel Musolf spricht von einer „Rakete“, die gestartet sei. Nur: Sie muss hier im Kreis allerdings erst noch landen. Andererseits ist die Nachfrage nach den ebenfalls im vergangenen Jahr beschlossenen Stipendien für Allgemeinmediziner, die sich damit zu einer Niederlassung im Kreis verpflichten, gleich null. Musolf ist trotzdem überzeugt, dass der Weg der richtige ist. Das ganze brauche eben Zeit, zeigt sich der Landrat zuversichtlich.

 

Hausarztversorgung: Zahlen, die hinken

Das Rechenmodell der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg (KVBW) stellt die Hausarztversorgung im Land nach wie vor als ausreichend dar. Der Mittelbereich Kirchheim gilt mit einem Versorgungsgrad von 105,5 sogar als überversorgt. Allerdings sind 40 Prozent der 338 Hausärztinnen und Haus­ärzte im Kreis älter als 60 Jahre.

Die Kritik: Die nackten Zahlen spiegeln die Realität in der ärztlichen Versorgung meist nicht wider. Das Problem liegt in der Rechenmethodik, die auf theoretischen Modellen und Verhältniszahlen beruht und den tatsächlichen Bedarf nur unzureichend abbildet. Die regionalen Bedarfszahlen berücksichtigen weder das Ungleichgewicht von Stadt und Land noch Arztsitze, die zwar ausgewiesen sind, aufgrund mangelndem Interesse aber nicht besetzt werden können.

Weil die Bedarfspläne durch die KV nur dreimal im Jahr fortgeschrieben werden und an den komplexen Entscheidungsprozessen auch Ärztevertreter und Krankenkassen beteiligt sind, gilt das System zudem als äußerst träge. bk