Kirchheim. Der Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie Baden-Württemberg äußert sich zur Diskussion um die Leseklassen im Landkreis Esslingen. „Zunächst freut es uns sehr, dass die Leseklassen erhalten bleiben und das Schulamt diese wichtige Maßnahme weiterhin unterstützen möchte“, sagt Vorstandsmitglied Evelin Tschernay. Die im Artikel zitierte Aussage, „das Land Baden-Württemberg unternehme so viel, dass es gar nicht zu LRS komme“, bedürfe jedoch einer differenzierten Betrachtung. Die genannten Programme wie die Sprachförderung in Kindertagesstätten, der Ausbau der Juniorklassen oder „Lernen mit Rückenwind“ seien zwar wichtige Schritte, doch sie ersetzen keine gezielte Förderung für Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung (Legasthenie).
Hier sei eine klare Unterscheidung notwendig. „Während eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oft durch äußere Faktoren wie mangelnde Übungsmöglichkeiten oder familiäre Umstände bedingt ist und durch gezielte Förderung überwunden werden kann, handelt es sich bei der Legasthenie um eine angeborene, neurobiologische Entwicklungsstörung“. Diese sei lebenslang vorhanden und erfordere eine individuelle, nachhaltige Unterstützung. „Genau das leisten die Leseklassen“, so Tschernay.
Die Leseklassen böten nicht nur eine kleinere Klassengröße und speziell geschulte Lehrkräfte, sondern vor allem einen Schutzraum, in dem betroffene Kinder ohne Druck und in ihrem eigenen Tempo lernen könnten. „Die psychosozialen Folgen einer unentdeckten oder unzureichend geförderten Legasthenie – wie Schulangst, Leistungsdruck oder ein zerstörtes Selbstwertgefühl – sind oft schwerwiegender als die Teilleistungsstörung selbst“, sagt Evelyn Tschernay. Hier würden die Leseklassen ansetzen und den Kindern die Möglichkeit geben, ihre Stärken zu entdecken und einen positiven Zugang zu Schule und Lernen zu finden.
Die im Artikel genannten Programme wie „BISS Transfer“ seien zwar sinnvoll, um die allgemeine Lesekompetenz zu stärken, doch sie könnten sie die spezifische Förderung in Leseklassen nicht ersetzen. „Es braucht beides: präventive Maßnahmen für alle Kinder und gezielte Unterstützung für Kinder mit Legasthenie.“
Der Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie lädt alle Verantwortlichen ein, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen und die Bedeutung der Leseklassen für betroffene Familien zu erkennen. „Gerne stehen wir für weitere Informationen oder eine Zusammenarbeit zur Verfügung. Wir werden auch am 13. Februar bei dem Informationsabend zu den Leseklassen in der Seegrasspinnerei in Nürtingen einen Input geben“, sagt Evelyn Tschernay. pm

