Kirchheim
Liederkranz Kirchheim: Nach Corona waren es nur noch sechs

Musik Beinahe hätte sich der Liederkranz Kirchheim kurz vor seinem 200-jährigen Bestehen aufgelöst. Der neue Dirigent Mario Kay Ocker soll dem Traditionschor wieder neues Leben einhauchen. Von Rainer Kellmayer

Der Liederkranz Kirchheim ist im Vereinsleben der Teckstadt eine Institution: 2026 feiert der Traditionsverein, der dem Chorverband Karl Pfaff angehört, sein 200-jähriges Bestehen. Über viele Jahre hinweg bereicherte der Chor das Kirchheimer Konzertleben mit Aufführungen oratorischer Großwerke wie Joseph Haydns „Die Schöpfung“ oder Mozarts „Krönungsmesse“. Unter dem langjährigen Chorleiter Rolf Hempel waren damals mehr als 100 Sängerinnen und Sänger aktiv, doch deren Zahl schrumpfte im Laufe der Zeit kontinuierlich. 

 

Meine Frau hat mich beschworen, nicht aufzugeben.
Klaus Bender, Vorsitzender des Liederkranzes, über das Beinahe-Ende des Vereins

 

Die Corona-Pandemie setzte dem Liederkranz weiter zu: Am Schluss blieb nur noch eine Handvoll Choristen übrig. Jetzt soll Mario Kay Ocker, der seit Ende des vergangenen Jahres den Chor musikalisch führt, einen Aufschwung bringen. „Ich bin sehr froh, dass wir mit Kay einen qualifizierten und äußerst engagierten Chorleiter gefunden haben, der unserem Verein neues Leben einhaucht“, sagt Klaus Bender, der den Liederkranz als erster Vorsitzender seit 2011 führt.

Als der Chor nach Corona auf sechs aktive Mitglieder geschrumpft war und zudem die damalige Chorleiterin Anna-Maria Wilke kündigte, war Bender kurz davor, die Vereinsaktivitäten ruhen zu lassen. „Meine Frau hat mich beschworen, nicht aufzugeben“, erzählt Bender. Das Durchhalten hat sich gelohnt: Inzwischen ist der Chor wieder auf 26 Mitglieder angewachsen, deren Altersspanne zwischen 18 und 82 Jahren liegt.

Ocker in der Musikszene bekannt

Mundpropaganda hat zur positiven Entwicklung des Chors ebenso beigetragen wie ein Auftritt beim Volkstrauertag. „Wir haben danach ein sehr positives Feedback erhalten“, freut sich der Vorsitzende. Anfangs mussten die neuen Chormitglieder sich erst akklimatisieren, doch inzwischen ist eine echte Gemeinschaft entstanden. „Wir proben intensiv, doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz“, gibt Chorleiter Ocker einen Einblick in die musikalische Werkstatt.

Er schätzt die Leistungsbereitschaft seiner Sängerinnen und Sänger, und diese geben das Kompliment zurück: „Die Proben bei Kay sind sehr motivierend“. Besonders hervorgehoben wird sein enormes Hintergrundwissen und dass er oft ohne stützende Klavierbegleitung singen lässt. So bringt Ocker seine Choristen dazu, aufeinander zu hören: „Sie sind schneller in den Stücken drin, und der Klang wird differenzierter“, weiß der musikalische Chef, der zur Vermittlung einer Klangvorstellung gerne mit Bildern arbeitet.

Mario Kay Ocker (links) ist der neue Dirigent des Liederkranzes. Foto: Rainer Kellmayer

Bei der Arbeit mit Chören ist Mario Kay Ockers breitgefächerte Ausbildung und seine reiche Berufserfahrung sehr hilfreich. Er hat an der Stuttgarter Musikhochschule Klavier bei Professor Adu Frederica Faiss studiert, und von den Professoren Thomas Ungar und Klaus Nagora erhielt er wesentliche dirigentische Impulse. Nach einer Assistenz an der Stuttgarter Opernschule war er Solorepetitor, Studienleiter und Kapellmeister an der Staatsoper Stutt­gart und am Kieler Opernhaus. Die pianistische Karriere führte Ocker nach Nord- und Südamerika, und auch im Fernen Osten und den arabischen Emiraten hat er schon konzertiert. Damit nicht genug: Neben Lehraufträgen an den Musikhochschulen in Stuttgart und Frankfurt war Ocker ein gefragter Klavierbegleiter und spielte als Solist mit bedeutenden Orchestern.

In den letzten Jahren hat sich der 62-Jährige, der sich in seiner Wohngemeinde Rechberghausen auf dem Schurwald wohlfühlt, auf die Lehrtätigkeit an der Freien Waldorfschule Faurndau und verschiedene Chor- und Orches­terprojekte spezialisiert. Dabei konzentriert sich seine Arbeit auf das klassische Chor-Repertoire, das er als Dirigent beim Liederkranz Pfullingen in Liedkonzerten und Oratorienaufführungen pflegt.

Neue Sänger willkommen

Auch mit dem Liederkranz Kirchheim hat Mario Kay Ocker große Pläne. „Wir müssen wieder an die große Tradition dieses Chors anknüpfen“, sagt der neue Chorleiter, der sich über einen weiteren Zuwachs an Sängerinnen und Sängern freuen würde.

„Ende Juni werden wir in Kirchheim eine Serenade mit Chorliedern aus der Renaissance und Romantik gestalten, bei der uns die Sopranistin Susanne Meyer als Solistin unterstützt“, kündigt Ocker an. Für das 200-jährige Jubiläum des Liederkranzes Kirchheim in zwei Jahren hat der musikalische Chef Großes vor: „Dann werden wir im Festkonzert mit dem Chor und einem großen Orchester Joseph Haydns Oratorium ‚Die Jahreszeiten‘ aufführen.“

 

Der Chorverband Karl-Pfaff in Daten und Fakten

Geschichte Der nach dem „Deutschen Sängervater“ Karl Pfaff benannte Chorverband wurde im Jahr 1891 in Owen gegründet. Die damals unter „Teck-Gau-Sängerbund“ firmierende Vereinigung umfasste neun Vereine mit 203 aktiven Sängern. Das erste Sängerfest führte der Verband im Juni 1922 in Kirchheim durch. Die Vereine des Chorverbands Karl Pfaff haben ihren Sitz überwiegend in Städten und Gemeinden des Landkreises Esslingen.
Mitglieder Heute umfasst der Chorverband Karl Pfaff 78 Mitgliedsvereine, die sich in 227 Chorgruppen untergliedern und zusammen mehr als 10 000 aktive und passive Mitglieder haben. 994 dieser aktiven Mitglieder sind minderjährig, also unter 17 Jahren, die Altersgruppe zwischen 18 und 59 Jahre umfasst 1300 Sängerinnen und Sänger, und 1700 Aktive sind über 60 Jahre alt. Vier Vereine haben sich in den beiden letzten Jahren aufgelöst.
Jugendarbeit Nachwuchsarbeit wird im Chorverband großgeschrieben. Im Verbandsgebiet gibt es 37 Kinderchöre, neun Kinder- und Jugendchöre, elf reine Jugendchöre und 33 Junge Chöre. Mit Konzerten, Workshops und unterschiedlichen Aktionen rund um die Musik soll Kindern und Jugendlichen die Freude am Singen vermittelt werden. Das Projekt „VokalES“ des Staatlichen Schulamts wird vom Chorverband Karl Pfaff unterstützt. kell