Integration
Mentorinnen in Kirchheim: Sie spannen kulturelle Auffangnetze

Anfang des Jahres hat die Stadt interkulturelle Elternmentorinnen und -mentoren ausgebildet, die in den Bereichen Kinderbetreuung und Bildung Unterstützung bieten. Die Resonanz ist sehr gut.

Diana Eichengrün, Salia Yildiz-Tokuc, Judith Kohlhase, Christine Kullen und Elisa Bertoldi-Kerner (von hinten nach vorne) setzen
Diana Eichengrün, Salia Yildiz-Tokuc, Judith Kohlhase, Christine Kullen und Elisa Bertoldi-Kerner (von hinten nach vorne) setzen sich dafür ein, dass Integration in Kirchheim gelingt. Foto: Carsten Riedl

Wer sich ein Leben in einem fremden Land aufbauen möchte, muss viele Herausforderungen auf einmal bewältigen: Sprache, Infrastruktur, Kultur, Bürokratie – alles ist neu und oft nicht leicht zu verstehen. Eine der Hürden, auf die viele Migrantenfamilien nach ihrer Ankunft in Deutschland stoßen, ist das Kinderbetreuungs- und Bildungssystem. Hier kommen die Elternmentoren – oder wie Kirchheims Bürgermeisterin Christine Kullen sie nennt: „Brückenbauer“ – ins Spiel. Seit diesem Frühjahr unterstützen sie ausländische Eltern und stehen ihnen bei Fragen rund um die Themen frühkindliche Betreuungseinrichtungen und (Berufs-)Schule Rede und Antwort.

Die Menschen sind froh, dass es jemanden gibt, der sie verstehen will.

Salia Yildiz-Tokuc, Elternmentorin

Unterstützungsangebote für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es in Kirchheim schon länger: Eines dieser Auffangnetze ist der Dolmetscherpool, deren Mitglieder auf Anfrage bei der Übersetzung helfen.

Einige der Dolmetscherinnen und Dolmetscher, wie Elisa Bertoldi-Kerner, ließen sich auch für eine Teilnahme am Elternmentorenprojekt begeistern. Sie erinnert sich, dass man beim Übersetzen immer wieder auf kulturelle Feinheiten und Differenzen gestoßen sei. Gleichzeitig habe es bei den Hilfesuchenden häufig noch Informationsbedürfnis gegeben. „Es war oft so, dass die Menschen unten an der Tür gewartet haben. Erst war es eine Frage, dann zwei, dann drei“, so Bertoldi-Kerner. Es sei daher schnell deutlich geworden, dass in Kirchheim noch Bedarf für Angebote bestanden habe, die über das kommentarlose Übersetzen hinausgehen.

Von der Krabbelgruppe bis zur Ausbildung

Das Konzept der interkulturellen Elternmentoren stammt nicht aus Kirchheim. Landkreisweit wurden schon vor einigen Jahren Elternmentoren ausgebildet. Weil davon allerdings nur eine Person aus Kirchheim stammte, hat die Stadt in der Zwischenzeit ihr eigenes Projekt gestartet.

Viele unter uns haben das vorher auch schon gemacht, es hatte nur keinen Namen. 

Salia Yildiz-Tokuc

Um sich den Titel des Elternmentors oder der -mentorin zu verdienen, mussten die insgesamt 22 Ehrenamtlichen mehrere Schulungen besuchen. Mit der Qualifizierung durch die Elternstiftung Baden-Württemberg fiel im Frühjahr dann der offizielle Startschuss. „Die Begleitung reicht von der Krabbelgruppe bis zur Ausbildung“, erklärt Diana Eichengrün vom Fachdienst Integration der Stadt Kirchheim, die das Projekt gemeinsam mit Judith Kohlhase aus der Abteilung Soziales koordiniert.

Wie die Unterstützung der Elternmentoren konkret aussieht, ist ganz unterschiedlich. Sie können zum Beispiel zu Elternabenden und -gesprächen begleiten, eigene Hilfsangebote organisieren oder einfach nur Fragen beantworten. Auch der Aufwand variiert je nach Auftrag: So haben manche Familien nur ein einzelnes Anliegen, das schnell erledigt ist; andere suchen nach langfristigerer Begleitung.

Auch die Fragen der Eltern sind äußerst vielseitig: Wie funktioniert eine Kita- oder Schulanmeldung? Was sind die Unterschiede zwischen den Schulformen? Schadet es den Karrierechancen des Kindes, zuerst eine Förderschule zu besuchen? Sind im Schullandheim die Geschlechter getrennt, und gibt es beim Essen Halal-Optionen? „Da ist die ganze Bandbreite dabei“, fasst Diana Eichengrün zusammen.

Ein Name für das Engagement

Für viele Elternmentorinnen und -mentoren war die Teilnahme am Projekt der Stadt lediglich die Formalisierung ihres Engagements. „Viele unter uns haben das vorher auch schon gemacht, es hatte nur keinen Namen“, verrät Elternmentorin Salia Yildiz-Tokuc, die sowohl in ihrem Beruf als Erzieherin als auch im Rahmen ehrenamtlicher Vereinsarbeit häufig mit geflüchteten Familien in Kontakt kommt.

Es ist ein bunter Strauß aus Freude und Dankbarkeit, den man überreicht bekommt. 

Elisa Bertoldi-Kerner, Elternmentorin

Sie erzählt, dass sie schon früher regelmäßig orientierungslose Eltern unterstützt, für sie übersetzt, Fragen beantwortet oder sie sogar zu Schulterminen begleitet habe. Dass sie jetzt diese wichtige Aufgabe jetzt im Namen der Stadt erfüllt, macht die Sache für Salia Yildiz-Tokuc leichter: „Wenn ich zu den Terminen gehe und sage, dass ich mit diesem Auftrag komme, hat das für die Lehrer eine ganz andere Gewichtung.“

 

Dank von allen Parteien

Dass das Projekt für Kirchheim eine echte Bereicherung ist, spiegelt sich in der Resonanz von Einrichtungen und Familien wider. In den Kitas und Schulen sei man über die zusätzliche Hilfe äußerst dankbar, erzählt Diana Eichengrün. Auch vonseiten der Eltern fehle es nicht an Wertschätzung: „Die Menschen sind froh, dass es jemanden gibt, der sie verstehen will“, berichtet Salia Yildiz-Tokuc. „Es ist ein bunter Strauß aus Freude und Dankbarkeit, den man überreicht bekommt“, bestätigt Elisa Bertoldi-Kerner. Außerdem sei es einfach ein schönes Gefühl, helfen zu können.

Als Stadt Kirchheim sind wir unheimlich dankbar für alle, die sich ausbilden lassen und dafür sorgen, dass Teilhabe und Integration gelingen.

Christine Kullen, Bürgermeisterin von Kirchheim

Um zuverlässige Unterstützung auf Abruf gewährleisten zu können, werden weiterhin ehrenamtliche Elternmentorinnen und -mentoren gesucht. Um sich zu engagieren, ist kein Migrationshintergrund erforderlich. Mehrere Fremdsprachen zu beherrschen, ist zwar hilfreich, aber nicht zwangsläufig notwendig. Judith Kohlhase stellt klar, dass man schon mit Englischkenntnissen etwas bewirken könne. Für die Verständigung mit den Eltern sei nur wichtig, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Besonders gefragt seien aktuell übrigens Türkisch, Arabisch, Ukrainisch und Russisch.

Die nächste Schulungsphase für Elternmentorinnen und -mentoren beginnt im kommenden Herbst. Diana Eichengrün betont, dass man sich jederzeit unverbindlich melden könne, „um sich das Ganze anzuschauen und zu gucken, ob das etwas für einen ist“. Bürgermeisterin Christine Kullen ergänzt: „Als Stadt Kirchheim sind wir unheimlich dankbar für alle, die sich ausbilden lassen und dafür sorgen, dass Teilhabe und Integration gelingen.“