Kirchheim. Ein warmer Frühlingswind streicht über den Vorplatz des Henriettenstifts. Bewohnerinnen und Bewohner sitzen auf Stühlen vor dem Kirchheimer Seniorenzentrum der Zieglerschen, unterhalten sich, lachen und werfen immer wieder erwartungsvolle Blicke zur Straße. Denn gleich ist es wieder so weit: Die E-Rikscha kommt. Meistens nehmen zwei Personen vorne Platz, dann geht es los – hinaus in die Stadt, hinein ins Leben. Am Lenker sitzt Hermann Steinbrenner. 79 Jahre alt, fit und voller Tatendrang.
Seit Beginn engagiert er sich im Projekt „Riki – Rikscha Kirchheim“ und ist dafür regelmäßig unterwegs. Einmal in der Woche macht er auch Halt im Henriettenstift. „Wenn ich sehe, wie sich die Menschen hier freuen, dann weiß ich, warum ich das mache“, sagt er. „Der Wind im Gesicht, ein bisschen Sonne, das ist oft mehr wert als viele Worte.“
Wichtig ist das Gespür für die Menschen. Steinbrenner hört zu, fragt nach und erfüllt die Wünsche seiner Fahrgäste. Oft führt die Route in die Innenstadt. Manchmal wird aus einer Fahrt eine Reise in die eigene Vergangenheit. So wie an jenem Tag, als ein 90-Jähriger sich wünscht, zum Marstall zu fahren. Früher wurden dort Pferde beschlagen: „Da habe ich als Siebenjähriger geholfen.“
Die Freude ist ansteckend. Lachen liegt in der Luft, wenn die Rikscha zurückkehrt. Die nächsten warten schon. Für viele ist es eine seltene Gelegenheit, wieder hinauszukommen, ihre Stadt zu erleben und am Leben teilzuhaben.
Auch Einrichtungsleiterin Magdalena Andrijevic betont die Bedeutung des Angebots: „Diese Rikscha-Fahrten schenken unseren Bewohnerinnen und Bewohnern ein Stück gelebte Teilhabe. Sie kommen raus, erleben ihre Stadt und spüren Gemeinschaft. Dafür sind wir den Ehrenamtlichen von Herzen dankbar.“ Ziel des Gemeinschaftsprojekts ist es, älteren Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität wieder mehr Teilhabe zu ermöglichen. Ehrenamtliche Fahrer laden sie zu kostenlosen Ausfahrten mit der Fahrrad-Rikscha ein. So entstehen Begegnungen, Bewegung und unvergessliche Momente mitten im Alltag.
Strahlende Gesichter
Noch aber könnten es mehr Fahrten sein. Mehr Menschen, die den Wind in den Haaren spüren. Mehr Erinnerungen, die wach werden. Hermann Steinbrenner würde sich deshalb über Unterstützung freuen: „Wir brauchen weitere Ehrenamtliche. Jeder, der ein bisschen Zeit mitbringt, kann hier ganz viel bewirken.“ Dafür braucht es Menschen, die sich in Kirchheim gut auskennen und ihre Zeit flexibel einteilen können. Voraussetzungen, die sich oft gut mit dem Ruhestand verbinden lassen. Und während die Sonne an diesem Nachmittag langsam tiefer sinkt, rollt die Rikscha erneut vom Hof des Seniorenzentrums Henriettenstift. Zwei Plätze sind besetzt, zwei Gesichter strahlen – und für einen Moment scheint der Alltag ganz weit weg. pm

