Essen ist für Heiko viel mehr als Nahrungsaufnahme. Essen macht Freude, hilft gegen Langeweile, Stress, Frust. Essen darf nicht verschwendet werden. Was die Kinder übrig lassen, landet auf seinem Teller. Und so kommt es, dass das Gewicht des heute 40-jährigen Kirchheimers nach der Geburt der beiden Kinder immer weiter steigt. Obwohl er sich nicht ungesund ernährt. Als die Waage 113 Kilo anzeigt, fühlt sich Heiko, der eigentlich anders heißt, nicht mehr wohl in seiner Haut. Er hat Angst vor Folgeerkrankungen, mag sein eigenes Spiegelbild nicht mehr. Er beginnt, Sport zu machen, kämpft sich auf 103 Kilo runter. Aber dann ist Schluss. Egal, was er versucht: Das Gewicht sinkt nicht weiter.
Monatliche Kosten von 200 Euro
Es ist 2024. Weltweit sorgen die sogenannten Abnehmspritzen seit einiger Zeit für Schlagzeilen. Auch Heiko informiert sich über die Medikamente, verfolgt die Debatten. Sein Body Mass Index (BMI) liegt trotz der zehn verlorenen Kilo bei über 30. Damit gilt er als adipös und kann beispielsweise Mounjaro als „Lifestyle-Medikament“ verordnet bekommen, wenn er bereit ist, die monatlichen Kosten in Höhe von rund 200 Euro selbst zu bezahlen. Leisten kann er sich das, aber Hemmungen hat er dennoch. „Ich habe ganz lange überlegt, ob ich meinen Hausarzt überhaupt nach der Spritze fragen darf oder ob ich mich dafür schämen muss“, erzählt er.
Im Rückblick ist er froh, dass er es getan hat. Denn als er im Oktober 2024 beginnt, das Medikament zu spritzen, erlebt er etwas, das ihn heute noch erstaunt: Das Hungergefühl, das ihn zuvor ständig begleitet hat, ist weg. Und zwar komplett. Er fühlt sich befreit, energiegeladen, hat Lust auf Sport. „Am Anfang hätte ich eigentlich gar nichts essen müssen. Irgendwann macht man es halt doch, weil einem schon klar ist, dass der Körper Nährstoffe braucht“, sagt Heiko. Er erlebt keinerlei Nebenwirkungen, keine Depressionen. Und die Pfunde purzeln. 2,5 Kilo nimmt er in der ersten Woche ab. Nach acht Dosen Mounjaro wird er am Ende des Jahres bei 93 Kilogramm gelandet sein. Am Ziel ist Heiko damit noch nicht. Er will unter die „Schallmauer“ von 90 Kilogramm. Allerdings ohne Mounjaro. „Ich will das nicht mein Leben lang machen. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil ich Angst vor Nebenwirkungen hätte, wenn ich es länger spritzen würde“, sagt er.
Medikament als Starthilfe
Entzündungen der Bauchspeicheldrüse sind beispielsweise eine bekannte Nebenwirkung des Medikaments und können laut Hersteller einen von 100 Patienten treffen. „Und weil ich glaube, dass ich es selbst schaffen kann“, fügt er hinzu. Mounjaro sei eine Starthilfe für ihn gewesen, sagt er. Gewicht zu verlieren sei deutlich schwerer als Gewicht zu halten. Das Gewicht zu halten ist allerdings auch kein Kinderspiel. Zwischenzeitlich hat er wieder zwei Kilo zugenommen. Nach dem Absetzen des Medikaments ist das nicht untypisch.
Heiko ist jedoch zuversichtlich, dass er sein Gehirn erfolgreich „umtrainieren“ konnte, auch wenn sein Appetit jetzt nicht mehr durch das Medikament gebremst wird. Mittlerweile glaubt er, dass sein Über-den-Hunger-essen eine Sucht ist und er mithilfe von Mounjaro das Muster durchbrechen konnte. Allein, sagt er, hätte er das nicht geschafft. „Zu erleben, wie groß eine normale Portion ist, wieviel Essen reicht, das war ein ‘pattern breaking’ für mich“, sagt er. Wenn er jetzt eine Pizza isst, gibt er noch etwas ab und lässt die Reste der Kinder auf deren Tellern liegen – auch wenn es ihm noch immer schwer fällt, Essen wegzuwerfen. Nicht mehr über den Hunger hinaus zu essen, ist zu einer bewussten Entscheidung geworden: „Ich weiß, dass ich es nicht brauche und dass ich es nicht tun sollte“, sagt er.

