Die Begegnung mit einem Chor, der die Musik durch Gebärdensprache transportiert, hat man nicht alle Tage. Diese seltene Erfahrung machten am Sonntagabend die Besucher des „Singers-Konzerts“ in der katholischen Kirche Maria Königin. Eingeladen zu diesem besonderen Event mit drei Chören hatten die „JeSingers“, der Junge Chor des Gesangvereins Eintracht Jesingen.
Mit im Boot waren die „Sign Singers“, der 2015 von der Volkshochschule Tübingen gegründete erste Gebärdensprachchor des Landes. „Wir waren sehr berührt, als wir das erste Mal mit diesem ungewöhnlichen Chor geprobt haben“, sagte Gunther Rall, der bei dem Konzert die musikalischen Fäden zog. Auch in Maria Königin beeindruckte, mit welcher Intensität das von der Gebärdensprachdolmetscherin Rita Mohlau angeführte Ensemble Titel wie das afrikanische Vaterunser „Baba Yetu“ oder „This is me“ aus dem Soundtrack zum Film „The greatest Showman“ umsetzte. Zwar wurde die Musik eingespielt, doch die simultane Interpretation mittels der sehr differenzierten Körpersprache aller Akteure war faszinierend: Mimik und Theatralik erweiterten das Hörerlebnis um die Dimension des Visuellen. Nicht nur die Choristen waren mit Feuereifer dabei, auch das Publikum hatte seine Freude an den engagierten Darbietungen: Die „Sign Singers“ wurden mit Beifall überschüttet.
Viel Beifall erhielten auch die „JeSingers“, die mit dem a-cappella gesungenen „Long Time Traveller“ des Folk-Trios Wailin‘ Jennys den Abend eröffnet hatten. Der unbegleitete Chorgesang ist die Nagelprobe für jedes Vokalensemble. Die „JeSingers“ – ein gut besetzter Frauenchor – bestanden diese Prüfung mit Bravour. Die Balancen der Chorgruppen waren bestens austariert, und die heikle Intonation blieb stets auf sicherer Spur.
Zu den fein konturierten Interpretationen der düsteren Ballade „Angel“ und des Musical-Hits „Circle of Life“ aus Elton Johns Musik zu „König der Löwen“ trugen das engagierte Dirigat von Gunther Rall ebenso bei wie die routiniert gesetzten Klaviertöne, mit denen Edgar Holl die vokalen Linien unterlegte.
Auch dem Chorblock der „metSingers“ vom Liederkranz Metzingen drückten die beiden Musiker ihren Stempel auf. Songs wie „From a Distance“ oder das zupackende „I’ll stand by you“ der Rockband The Pretenders erklangen in der Interpretation des Frauenchors in kristalliner Klarheit. Den stärksten Eindruck hinterließ jedoch das schwedische Volkslied „Vem kan segla“, dessen weich fließende Melodielinien sich in der halligen Kirchenakustik herrlich für das Publikum entfalteten.
Vereint zu einem Chor von beachtlicher Größe widmeten sich die beiden Frauenensembles den bekannten Popsongs „Only Time“ und „You rise me up“, bei denen sich immer wieder Solostimmen aus dem Chorverband lösten. Mit präziser Gestik motivierte Gunther Rall seine Sängerinnen zu opulentem Klang, der durch dynamische Strukturierungen eine feine Kontur erhielt. Besonders auszeichnen konnte sich Viola Stocker, die mit dunkel gefärbter, ausdrucksstarker Stimme dem Soulsong „Lean on me“ von Bill Whiters die Krone aufsetzte.
Im Finale bündelten alle Mitwirkenden ihre Kräfte in einem imposanten Ensemble, das durch die strahlenden vokalen Klänge und in der optischen Darstellung der „SignSingers“ besondere Akzente setzte. Die herrliche Melodie von Louis Armstrongs „What a wonderful World“ wurde von dem Großchor ebenso spannungsvoll wiedergegeben wie John Lennons Ballade „Imagine“, die als Hymne der Friedensbewegung eine Gesellschaft frei von Religion, Nationalismus und Besitz beschreibt.
Diese integrative Kraft kam auch im harmonischen Zusammenwirken von „JeSingers“, „metSingers“ und den Tübinger „Sign Singers“, die alle Musiktitel mit einer faszinierenden Gebärdensprache unterlegten, in hervorragender Weise zum Ausdruck.
Das Publikum war begeistert und forderte mit stürmischem Applaus eine Zugabe. Diese wurde gerne gegeben: Das von Jacques Berthier in den 1980er Jahren für den Orden von Taizé geschriebene Kirchenlied „Bless the Lord“ ließ den Konzertabend besinnlich ausklingen.
