Projekt
Musik kennt kein Alter: Senioren singen und musizieren

Die Musikgeragogin Annerose Gerlach wird mit Tagesgästen des Kirchheimer Steingaustifts musikalisch aktiv. 

Annerose Gerlach an der Gitarre (rechts) mit den Teilnehmern ihres Musikprojekts im Steingaustift. Foto: Nick Häusler

„Zuhause fehlt ihnen der Antrieb“, weiß Andrea Ambacher. Die Rede ist von den Tagesgästen des Kirchheimer Steingaustifts. Mehrmals die Woche kommen die Gäste, überwiegend ältere Menschen, in das DRK-Seniorenzentrum, um den Tag in Gemeinschaft zu verbringen. Gemeinsames Kuchen backen, Dekorationen basteln oder Ausflüge machen gehören zum Alltag dazu. „Hier kommt die Lebensenergie zurück. Es ist wie eine zweite Familie“, sagt Sozialpädagogin Ambacher. Sie ist zusammen mit ihren Kollegen für die Betreuung der Gäste zuständig und organisiert Tag für Tag ein abwechslungsreiches Programm. Das Angebot von Annerose Gerlach, ein Musikprojekt zu starten und damit auch das Personal zu entlasten, wurde dementsprechend gerne angenommen. 

Senioren mit Musik fördern

An insgesamt sechs Tagen ist die ausgebildete Musikgeragogin den Vormittag über im Tageszentrum zu Besuch. Als Geragogin möchte sie Menschen im Alter mit Musik fördern und ihnen Teilhabe am kulturellen Leben ermöglichen. Inhalt des Projekts ist, die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft mit Musik neu zu erleben. Passend dazu liest sie kleine Geschichten vor und wird mit den Teilnehmern musikalisch aktiv. „Am Anfang hat es schon ein wenig gebraucht, bis sich alle darauf eingelassen haben“, sagt Annerose Gerlach. Doch schon schnell hat sie fasziniert beobachten können, mit wie viel Gelassenheit die Teilnehmer an die Sache rangehen. Gemeinsam machen sie Stimmübungen, singen Lieder und musizieren dazu mit verschiedenen Instrumenten.

 

Musik ist der Königsweg zu demenziell veränderten Menschen.

Andrea Ambacher, Sozialpädagogin im Steingaustift

 

Die 14 Teilnehmer bekommen Klanghölzer, Tamburine und Ukulelen in die Hand. Die Geragogin am Klavier gibt Zeichen, welche Gruppe wann zu spielen hat. Im Hintergrund läuft ein Auszug aus der Feuerwerksmusik vom Komponisten Georg Friedrich Händel. „Das Stück geht direkt los, ohne Vorspiel – so wie auch das Element Feuer schnell entfacht wird“, sagt Annerose Gerlach. Zum Element Erde gilt es, Natursteine zu fühlen und einen „Steinetanz“ zu gestalten. Ein Teilnehmer sucht sich einen flachen Stein heraus und erzählt von seiner Jugend am Lech, als sie Steine auf dem Wasser hüpfen ließen.

Eine Welt ohne Noten

Singen die Teilnehmer den falschen Text oder spielen in die Pausen, ist das nicht weiters schlimm: „Fehler gibt es hier nicht. Es ist eine Welt ohne Noten und ohne Vorkenntnisse“, sagt die Musikerin. Besonders alte Lieder, die im Langzeitgedächtnis verankert sind, sorgen bei den Senioren für Begeisterung und Gesangseuphorie. „Je älter man wird, desto mehr Defizite kommen. Aber die Musik bringt zurück ins Leben“, sagt Andrea Ambacher: „Musik ist der Königsweg zu demenziell veränderten Menschen.“

Eine ältere Dame aus Nürtingen freut sich, Teil des Projekts sein zu dürfen: „Normalerweise zittere ich sehr viel. Beim Musizieren ist das nicht der Fall.“ Eine gute Resonanz beobachtet auch Heimleiterin Mirela Stahl. „Musik wirkt immer“, sagt sie.

Annerose Gerlach arbeitete vor ihrer Selbstständigkeit als Musikgeragogin im Gesundheitswesen. Nun möchte sie mit ihrer Stimme und ihren Instrumenten regelmäßig Projekte in verschiedenen Einrichtungen durchführen und Senioren mit Musik begeistern.