An diesem Montagvormittag wird im Saal der Evangelisch-methodistischen Kirche in Kirchheim wieder gemeinsam gesungen. Seit Mitte Oktober trifft sich dort jeden zweiten und vierten Montag im Monat von 10 bis 11.30 Uhr die Chorgruppe des Projekts „Sing mit!“ des Vereins Buefet. Mit von der Partie sind Teilnehmende mit einer Demenzerkrankung sowie deren Angehörige. „In der Regel sind es zwischen zehn und zwölf Teilnehmende, heute fehlen ein paar krankheitsbedingt. Auf rund 20 würden wir die Runde noch gerne erweitern“, erklärt die Projektleiterin Julia Alpay. Hauptberuflich ist sie die Pflegedienstleiterin im Dettinger Seniorenzentrum „Haus an der Teck“ der Evangelischen Heimstiftung und seit dem Frühjahr bei Buefet mit im Boot. „Christa Doll hat den Projektchor letztes Jahr ins Leben gerufen. Das war zunächst als zeitlich begrenztes Angebot vorgesehen, nachdem die Nachfrage aber so gut ist, soll er nun fest etabliert werden“, so Julia Alpay. In diesem Jahr finde die Probe zum letzten Mal am 8. Dezember statt, danach gehe es nach einer kurzen Winterpause im neuen Jahr weiter.
Singen gegen das Vergessen
Das Chorprojekt verfolge das Ziel, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen durch das gemeinsame Singen spürbar zu verbessern, sagt Julia Alpay. „Es ist belegt, dass Musik Erinnerungen aktiviert und gleichzeitig verbliebene Fähigkeiten fördert, selbst bei einer fortgeschrittenen Demenz. Singen fördert zudem die Konzentration und in Kombination mit verschiedenen Bewegungs- und Rhythmusübungen auch die Koordination“, weiß die Pflegefachkraft.
„Ich vergleiche das immer mit einem Bücherregal: Ganz vorne stehen die Bücher mit den Kindheitserinnerungen, dann kommen die Jugend und das Erwachsenenalter. Bei einer Demenz fallen die Bücher von hinten nach vorne um. Am längsten bleiben die frühen Erinnerungen im Langzeitgedächtnis. Dazu gehören auch die altbekannten Liedtexte oder Gedichte, Gebete und Geschichten, die während der Chorprobe eingebaut werden“, erklärt Julia Alpay. Diese frühen Erinnerungen würden gemeinsam aktiviert. „Das merkt man an der Textsicherheit bei den alten Volksliedern. Sie hatten früher einen ganz anderen Stellenwert als die heutige schnelllebige Musik.“ Für die Betroffenen sei das Erinnern auch ein Erfolgserlebnis, das das Selbstbewusstsein und das eigene Sicherheitsempfinden stärke, weiß Alpay.
Schwieriger sei es dagegen, sich an Geschehnisse des vergangenen Tages zu erinnern, die im Kurzzeitgedächtnis abgelegt seien. „Je nach Ausprägung der Demenz befinden sich die Betroffenen oft in ihrer eigenen Welt. Die Musik kann sie wieder in den Moment zurückholen.“ Sie könne zudem eine beruhigende Wirkung haben, beobachtet Chorleiterin Sandra Schöne, ebenso wie die gemeinsamen Atemübungen vor dem Singen. „Der Fokus wird auf positive Emotionen gelenkt, das ist ganz wichtig.“
Die lang bekannten Texte sitzen
Bei der Probe ist die Stimmung gelöst, reihum blickt man in fröhliche Gesichter. Die Teilnehmenden – ob jene mit Demenz oder ihre Begleiter sowie die Buefet-Mitarbeiterinnen – zeigen sich textsicher – von traditionellen Volksliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ bis hin zu Reinhard Meys Klassiker „Über den Wolken.“ Und wenn zur Begleitung dann auch noch Rasseln, Triangeln oder Schlaghölzer zum Einsatz kommen, sind alle mit sichtlich viel Spaß mit von der Partie.
Von Anfang an mit dabei ist das Kirchheimer Ehepaar Ewald Metzger und seine an Demenz erkrankte Frau Birgit Heller-Metzger. „Das ist ein klasse Angebot“, findet Ewald Metzger. Seine Frau habe schon seit ihrer Kindheit einen Bezug zur Musik, habe schon damals Klavier gespielt. In einer kurzen Pause setzt er sich mit ihr gemeinsam ans Klavier. Mit sichtlicher Freude spielt sie die Tonleitern, ihr Lachen ist ansteckend. „Bis vor Kurzem konnte sie noch den Flohwalzer spielen, das geht im mittlerweile fortgeschrittenen Stadium leider nicht mehr“, sagt ihr Mann. Der Chor sei eine schöne Abwechslung. Das bestätigen Ernst Schmidt aus Ötlingen, der erzählt, er habe schon immer gerne gesungen: „Privat höre ich gerne Klassik, aber im Prinzip gefällt mir alles, das gut klingt.“ Dietmar Smetana aus Oberboihingen war vor seiner Erkrankung selbst aktiver Musiker. Zu den Proben wird er von seinem guten Freund Gerhard Thrun begleitet. Als Kirchheimer hat dieser von dem Angebot erfahren „und mich mitgeschleift“, erzählt Dietmar Smetana und lacht.
Chor für Menschen mit Demenz
Die nächsten Chorproben in der Evangelisch-methodistischen Kirche, Armbruststraße 23 in Kirchheim, finden am Montag, 24. November, und am 8. Dezember von 10 bis 11.30 Uhr statt. Dann geht es im Januar weiter. Die Teilnahme ist kostenlos.
Eine Anmeldung ist bei Buefet unter der Nummer 0 70 21/50 23 32 oder per E-Mail an info@buefet.de notwendig. Weitere Infos gibt es unter www.buefet.de

