Erst an der Pforte auf die Waage, dann weiter in die Anlieferungshalle. Bis hierhin läuft alles wie gewohnt für den Fahrer des randvoll mit Biomüll beladenen Schwerlasters, der an diesem Vormittag planmäßig das Kirchheimer Kompostwerk angesteuert hat. Doch statt von dort zur Sortierung auf Förderbänder zu wandern, wird die Fracht in Großraum-Fahrzeuge umgeladen. Deren Ziel: die Anlage des Vertragspartners in Leonberg.
In einer der größten Kompostieranlagen Deutschlands an der A8-Anschlussstelle „Kirchheim West“ stehen im Moment alle Räder still. Nach knapp 30 Betriebsjahren wird die Anlage des Landkreises für rund 20 Millionen Euro von Grund auf modernisiert und umgebaut. Die Stelle im Kalender, die alle Beteiligten im Blick haben: Herbst 2026. Dann soll der Regelbetrieb hier wieder laufen und private Kleingärtner wie gewohnt Kirchheimer Kompost in Säcken kaufen können. Bis dahin steht weiterhin nur der etwas gröbere und weniger nährstoffreiche Grünschnittkompost im Angebot.

Worin die beiden Partnerlandkreise Esslingen und Böblingen gemeinsam ihr Geld stecken, ist keine Kosmetik, sondern ein Systemwechsel. In der fast 200 Meter langen und mehr als 60 Meter breiten Halle, die gerade entkernt wird, wendeten bis vor kurzem noch Schaufelräder in riesigen Feldern den Bioabfall, der während des knapp zweimonatigen Verarbeitungsprozesses immer wieder umgesetzt, belüftet und bewässert werden musste. Künftig geschieht dies in 18 aneinandergereihten, garagenähnlichen Tunneln, in denen das Klima separat gemessen und gesteuert werden kann. Das optimiert nicht nur Verfahren und Endprodukt. Es spart auch Energie – geschätzte 15 Prozent, „die letztlich auch den Gebührenzahlern zugutekommen“, wie Michael Potthast, der Geschäftsführer des Esslinger Abfallwirtschaftsbetriebes, betont.
„Hier tut sich im Moment sehr, sehr viel“, macht Potthast beim Rundgang mit der Presse an diesem glühend heißen Augusttag deutlich. „Wir freuen uns auf eine fast neue Anlage“. Seit Mai ruht hier der Normalbetrieb, seit Juni läuft der Rückbau. Teile der riesigen Rottehalle sind bereits von einer schwarzen Patina befreit, die das feuchtheiße Klima mit Temperaturen von bis zu 70 Grad im Inneren der Mieten nach fast drei Jahrzehnten hinterlassen hat. Auch das wird bald Geschichte sein. „Die Luftqualität in der Halle wird sich deutlich verbessern“, erwartet Potthast. Durch die Rotte in Tunneln, wo das Material nur noch zweimal umgesetzt werden muss, und verstärkten Biofiltern aus Wurzelholz geraten auch weniger Emissionen nach draußen. Den Rest besorgen der Unterdruck, der in der Halle herrscht und Luftschleusen, die Lkw bei der Ein- und Ausfahrt passieren müssen.
Partner Leonberg am Limit
In Leonberg dagegen läuft der Betrieb bis zum Kirchheimer Neustart am Limit. Die Landkreise Esslingen und Böblingen arbeiten bei der Verwertung von Biomüll Hand in Hand und sind jeweils zu 35 Prozent am Entsorgungsbetrieb des Partners beteiligt. Während in Kirchheim Kompost entsteht, setzt der Kreis Böblingen auf Vergärung. Dadurch entsteht Biogas zur Energiegewinnung.
Etwa die Hälfte der maximal 60.000 Tonnen Biomüll pro Jahr aus dem Kreis Esslingen gelangen zur Vergärung nach Leonberg. Im Gegenzug werden die dabei entstehenden Gärreste in Kirchheim kompostiert. Einen Rückschlag erlitt die Kooperation durch einen Großbrand am 11. September 2019, der weite Teile der Leonberger Anlage zerstörte. Die neue Vergärungsanlage, die bereits zuvor geplant war und wie in Kirchheim eine Jahreskapazität von 60.000 Tonnen hat, ist gerade erst dabei, in den Regelbetrieb zu wechseln.
Kompostierbare Plastikbeutel, die keine sind
Plastik im Biomüll stellt nach wie vor das größte und hartnäckigste Problem bei der Kompostierung dar. Die Botschaft von Kompostwerk-Geschäftsführer Michael Potthast ist deshalb so eindringlich wie knapp: „Plastik muss raus“.
Neben üblichen Plastiktüten, in denen manche Haushaltskunden organische Abfälle verpacken und in die braune Tonne werfen, machen den Entsorgern vor allem Biomüllbeutel zu schaffen, die als biologisch abbaubar oder kompostierbar in den Handel kommen, es de facto aber nicht sind.
Was viele Verbraucher nicht wissen: Solche Beutel müssen laut Gesetzgeber nur zu 90 Prozent verrotten und dies auch nur innerhalb eines halben Jahres. Das Verfahren, das Biomüll in handelsfertigen Kompost verwandelt, dauert in Kompostierungsanlagen wie in Kirchheim hingegen nur sechs bis acht Wochen. Die Folge: Das Plastik muss aufwändig herausgefiltert werden, mikrofeine Spuren davon bleiben unweigerlich zurück. bk

