Seit acht Jahren leitet Siegfried Hartauer das Kammerorchester der Volkshochschule Kirchheim. „Alle lieben ihn“, so ein langjähriges Orchestermitglied, „auch deshalb, weil er nie ausflippt, wenn in den Proben nicht alles auf Anhieb klappt. Wir schätzen seine überaus deutliche Schlagtechnik, sein großes Engagement und die Fähigkeit zu begeistern.“ Durch Können und große Erfahrung als Violinist, Kammermusiker und Dirigent gelingt es ihm, das zum Sinfonieorchester erweiterte Ensemble in zwei Aufführungen pro Jahr auf hohem Niveau zu halten. Seine Kenntnis interessanter Werke befruchtet immer wieder die Programmgestaltung, so auch beim Sinfoniekonzert am vergangenen Sonntag in der Stadthalle.
Ein „harter Brocken“ fürs Orchester war das erste Stück des Abends, das 1948 komponierte Konzert für Violoncello und Orchester op. 43 von Mieczysław Weinberg. Dieser in Warschau geborene polnisch-russische Komponist gehört zu den großen Unbekannten des 20. Jahrhunderts, den die westliche Kulturwelt erst vor einem guten Jahrzehnt für sich entdeckte. Dunkle Grundstimmung und Wehmut dominierten den Beginn des ersten Satzes im Duktus eines Trauermarsches in c-Moll. Nach einem Tango im zweiten Satz erklangen gleißende Trompetenklänge und dramatische Zuspitzungen. Die Melodien wirkten zerfasert, nicht sanglich, schrille Ausbrüche spiegelten Auflehnung und Schmerz wider, die Trompete verkündete Unheil. Die Affinität im Kompositionsstil Weinbergs zu dem seines Freundes und Förderers Dimitri Schostakowitsch ließ sich nicht verleugnen.
Der Solist am Violoncello, Christoph Zantke vom VHS-Orchester, zeigte 35 Minuten auswendig spielend spieltechnische Kompetenz und hohe Musikalität. Nicht zuletzt in der Solokadenz des vierten Satzes blitzte sein großes Können auf, das er in scheinbarer Lockerheit in Klänge verwandelte.
Hoffnung in den Schlusstakten
Es ist bewundernswert, wie die Streicher selbst schwierigste Passagen bewältigten. Ein Kompliment gebührt allen Ausführenden, insbesondere den Violinen für die gute Intonation in hohen Lagen und allen voran Siegfried Hartauer für seine sichere Stabführung und die gelungene Interpretation. Sehr gefühlvoll und mit einem tröstenden religiös anmutenden Unterton verkündeten die Schlusstakte Hoffnung. Zuhörinnen und Zuhörer goutierten die großartige Leistung mit langanhaltendem Beifall.
Nach der Pause stand die Sinfonische Dichtung „Orpheus“ von Franz Liszt auf dem Programm, wozu Hartauer die Leitung seiner Dirigierschülerin Nataliia Mazur übertragen hatte, die er für die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule vorbereitet. Die junge Ukrainerin führte den großen Klangkörper sicher und verdeutlichte in ihrer musikalischen Gestaltung die „Seelenzustände“ des Orpheus mit differenziertem Ausdruck und vielfältigen Klangfarben.
Die beiden renommierten Sopranistinnen Clémence Boullu aus Paris und Saskia Saegeler aus Ditzingen setzten Glanzpunkte des Abends in kompositorischen Preziosen der Romantik und Postromantik. Sie begeisterten mit glockenklaren Stimmen, guter Resonanz in allen Lagen und im ausgewogenen Zusammenklang bei Duetten von Léo Delibes („Blumenduett“, „Les Filles de Cadiz“) und Jacques Offenbach („Entr‘ Acte et Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“). Im „Abendsegen“ von Engelbert Humperdinck bescherten sie im wahrsten Sinne des Wortes dem Konzertabend den Schluss-Segen.
Ein besonderes instrumentales Schmankerl bot das Orchester mit Pietro Mascagnis „Intermezzo“ aus Cavalleria Rusticana, das im edlen durch zwei Harfen bereicherten Klang erstrahlte. Ganz den Geschmack des Publikums traf auch das von Clémence Boullu wunderbar gesungene „Lied des Sandmännchens“ von Engelbert Humperdinck.
Zugabe versprüht Temperament
Das Orchester bot unter Hartauers sensibler Zeichengebung sein eindrucksvolles Debut in Sachen „Liedbegleitung“ und sorgte im Duett „Traumpantomime“ aus „Hänsel und Gretel“ mit differenziertem Ausdruck, hymnischer Größe und langem Durchhalten der Spannung für den gelungenen Schlussakkord.
Die Zugabe versprühte feuriges magyarisches Temperament im weltberühmten Ungarischen Tanz Nr. 5 g-Moll von Johannes Brahms.

