Diskurs
Politiker stellen sich Kirchheimer Jugendlichen

Die Kirchheimer Landtagsabgeordneten sind an der Freihof-Realschule erneut mit Schülerinnen und Schülern der Stadt in den Austausch getreten, um herauszufinden, was sich seit dem letzten Treffen im Frühjahr getan hat.

Andreas Kenner, Natalie Pfau-Weller und Andreas Schwarz (von links) nahmen sich anderthalb Stunden für die Jugend Zeit. Foto: Carsten Riedl

Normalerweise ist das Publikum von Andreas Schwarz (Grüne), Andreas Kenner (SPD) und Natalie Pfau-Weller (CDU) etwas älter. Doch auch die Jugend hat Fragen – und möchte mitreden.

Jugendbeteiligung darf keine Spielwiese sein.

Andreas Schwarz

Um ihnen genau das zu ermöglichen, sind die Kirchheimer Landtagsabgeordneten im Rahmen eines Runden Tisches an der Freihof-Realschule mit Jugendlichen der Realschule, des Schlossgymnasiums und des Ludwig-Uhland-Gymnasiums (LUG) zusammengekommen. Das ist nicht das erste Mal: Bereits im Frühjahr sind Schwarz und Kenner – damals noch in Begleitung des Kirchheimer Gemeinderatsmitglieds Giancarlo Crescente (CDU) – vor Ort gewesen, um mit den Jugendlichen über deren Bitten und Kritikpunkte zu sprechen.

Und davon gab es reichlich: Vandalismus, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Rechtsextremismus an Schulen sowie der Wunsch nach einem Wasserspender am Schlossgymnasium zählten zu den vielen Themen des Abends. Die Gäste notierten sich die Anliegen der Jugendlichen, versprachen Handeln seitens der Politik. Wirklich entscheidend ist jedoch, ob sich seitdem tatsächlich etwas getan hat. Beim zweiten Runden Tisch sollten diese und weitere Fragen beantwortet werden.

Hinsichtlich des ersten Aufregerthemas auf der Agenda – der nicht-existente Wasserspender am Schlossgymnasium – scheint es jedenfalls voranzugehen. „Der Wasserspender kommt“, berichtete eine Schülerin. Aktuell muss sich die Schülerschaft zwar noch mit Hahnwasser abfinden; wie Andreas Kenner beteuerte, könne man vor der nächsten Hitzewelle aber fest mit dem Spender rechnen. „Sonst machen wir das selber“, setzte der SPD-Abgeordnete hinzu.

In Sachen Rechtsextremismus schien es keine nennenswerten Updates zu geben. Nachdem vor allem Schülerinnen und Schüler des LUG beim letzten Treffen über Hitler-Grüße, Holocaust-Verharmlosung und Hakenkreuz-Kritzeleien an der Schule geklagt hatten, erkundigte sich Andreas Schwarz nun nach dem Status Quo. Wie die Jugendlichen berichteten, habe man im Schlossgymnasium und der Freihof-Realschule von Rechtsextremismus in letzter Zeit „nicht viel mitgekriegt“. Am LUG habe es „weder eine krasse Verbesserung noch eine Verschlechterung gegeben“.

Kommt der Jugendgemeinderat?

Es wurden allerdings auch ein paar neue Themen aufs Tapet gebracht. Ganz besonders betonten die Jugendlichen den Wunsch nach einem Jugendgemeinderat in Kirchheim. Laut Aussage einer Schülerin habe man sogar schon eine Petition ins Leben gerufen, die viel Anklang gefunden habe. „Es ist unsere Zukunft“, gab sie zu bedenken. „Wir sollten schon mitreden dürfen.“

Von der Idee eines Jugendgemeinderats waren die Abgeordneten nicht abgeneigt. Andreas Kenner gestand, es sei ihm als jugendpolitischem Sprecher im Landtag ohnehin „ein bisschen peinlich“, dass es den ausgerechnet in seiner Heimatstadt nicht gebe.

Es ist unsere Zukunft. Wir sollten schon mitreden dürfen.

Schülerin der Freihof-Realschule

„Jugendbeteiligung darf keine Spielwiese sein“, betonte auch Andreas Schwarz. Das „gängige Argument“ der Stadt, man habe mit „BePart!“ ja schon eine Gestaltungsmöglichkeit für Jugendliche, hält Natalie Pfau-Weller derweil nicht für legitim. Man könne durchaus beides haben. Die CDU-Politikerin mutmaßte, dass ein Jugendgemeinderat in Kirchheim von (fast) allen Parteien befürwortet werde. Aufgabe des Gemeinderats sei es jetzt, diesen Wunsch in eine Satzung zu überführen. Sie versprach: „Wir haben das auf jeden Fall auf dem Schirm.“

ÖPNV belastet Familien

Ebenfalls ein Anliegen war den Jugendlichen der ÖPNV. Man wünsche sich einen zuverlässigeren, aber vor allem auch günstigeren Nahverkehr. Dass der Preis für Deutschland- und Jugendticket wieder gestiegen ist, bezeichnete ein Schüler der Freihof-Realschule als „große Belastung für viele Familien und auch für die Schüler“, deren Taschengeld unter Umständen in das Ticket fließt. Eine Schülerin der Realschule ergänzte, dass sie nicht verstehen könne, warum man ab 14 Jahren schon den Erwachsenenpreis zahlen müsse.

Das ist eine große Belastung für viele Familien und auch für die Schüler.

Ein Schüler der Freihof-Realschule über die hohen Kosten für den ÖPNV

Die Abgeordneten betonten, man könne die Frustration über unpünktliche Bahnen und Busse durchaus verstehen. Natalie Pfau-Weller gab allerdings zu bedenken, dass der Landtag an dieser Stelle nur begrenzten Handlungsspielraum habe. Auch müsse man in Betracht ziehen, dass bereits dreihundert Millionen Euro in das Deutschland- und Jugendticket geflossen seien, mit denen man als Verbraucher laut Andreas Schwarz immer noch günstiger wegkomme als vor einigen Jahrzehnten. Er erkannte jedoch an, dass die andauernden Verspätungen nicht zumutbar seien. Die Bahn müsse „mehr investieren“, um ein Mindestmaß an Zuverlässigkeit garantieren zu können.

Konsumfreie Räume für die Jugend

Die Schülerinnen und Schüler hatten jedoch noch einen weiteren Punkt zu bemängeln: „Es gibt sehr wenige Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche“, kritisierte ein Schüler der Freihof-Realschule. Ein erster Schritt, um die Stadt für Jugendliche „attraktiver“ zu machen, wären überdachte Sitzgelegenheiten in der Stadt, aber auch Orte, an denen die Jugend einkehren könne, ohne Geld ausgeben zu müssen. „Das ist offenbar genauso ein Thema wie vor 20 Jahren“, bemerkte Andreas Schwarz und ermunterte die Jugendlichen dazu, die Sache selbst anzupacken und ein Konzept auszuarbeiten.

Natalie Pfau-Weller sieht die Verantwortung für ein solches Konzept bei der Stadtverwaltung. Als vor einigen Jahren entschieden wurde, die Schulhöfe Kirchheims als Maßnahme gegen Vandalismus zu schließen, sei die Mehrheit im Gemeinderat nur zustande gekommen, weil die Stadtverwaltung versprochen habe, alternative Räume für Jugendliche zu schaffen. „Wir haben gefühlt schon drei Mal nachgehakt, und es gibt noch kein Konzept“, kritisiert die Politikerin. Man werde erneut an das Versprechen erinnern.

Das ist offenbar genauso ein Thema wie vor 20 Jahren.

Andreas Schwarz über fehlende Räume für junge Menschen

Der letzte Punkt auf der Agenda des Abends war die bevorstehende Landtagswahl. Weil viele der Jugendlichen zum ersten Mal wählen dürfen, sich laut einer Schülerin des LUG allerdings noch unsicher sind, wo sie ihr Kreuz setzen möchten, erkundigten sich die jungen Gäste, was die Abgeordneten an ihrer eigenen Partei am meisten überzeugt und woran in der Landes- und Kommunalpolitik aktuell eigentlich gearbeitet wird.

Zu einer schnellen Wahlkampfrunde ließen sich die Kirchheimer Abgeordneten nicht zweimal bitten. Dann musste sich Politprominenz schon wieder auf den Weg machen – jedoch nicht ohne das Versprechen, die Veranstaltung im kommenden Jahr zu wiederholen.