Haushaltskrise
Stadt Kirchheim gibt Nachbarschaftsnetzwerken weniger Geld

Weil die Stadt Kirchheim sparen muss, erhalten Nachbarschaftsnetzwerke wie das Bürgernetz Nabern weniger finanzielle Förderung. Nicht alle Initiativen trifft das gleichermaßen hart. 

Günter Gölz vom Bürgernetz Nabern vor dem Rathaus. Foto: Carsten Riedl

Quartiersprojekt „WirRauner“, Nachbarschaftsnetzwerk „Kloster4tel“, Haldentreff Ötlingen: Das sind nur drei Beispiele für Nachbarschaftsnetzwerke in Kirchheim. Elf von ihnen gibt es in der Stadt, und in einer Zeit, in der immer mehr Menschen einsam und Familiennetzwerke nicht mehr selbstverständlich sind, ist ihr Wert nicht hoch genug einzuschätzen. In Nachbarschaftstreffs kommen Menschen zusammen, sprechen miteinander, helfen und unterstützen sich gegenseitig. Auch die Stadt weiß um die Bedeutung und greift den Netzwerken mit Geld und hauptamtlichen Quartiersmanagern unter die Arme. 

Weil die Lücke zwischen städtischen Ausgaben und Einnahmen immer weiter aufgeht, hat die Stadtverwaltung aber nun auch die Mittel für die Nachbarschaftsnetzwerke auf den Prüfstand gestellt. Im Oktober 2025 hat der Gemeinderat beschlossen, das Budget zu kürzen. Statt 2500 Euro erhalten die Netzwerke ab 2026 jährlich nur noch 1500 Euro. Zusätzlich werden laut Stadt zwei Fördertöpfe eingerichtet, die bei besonderen Ausgaben angezapft werden können. „Das soll mehr Gleichheit zwischen den Netzwerken ermöglichen, zum Beispiel beim Thema Verkehrssicherung oder Absperrungen“, sagt Stadt-Sprecherin Doreen Wackler auf Anfrage. Durch die Anpassung der jährlichen Zuschüsse muss die Kämmerei statt 27.500 Euro künftig nur noch 16.500 Euro als Budget im städtischen Haushalt einplanen. Die Zuschüsse würden nicht pauschal ausgezahlt, sondern nach Abrechnung gewährt.

Helferfest in Gefahr

Das Bürgernetz Nabern ist mit der Kürzung überhaupt nicht einverstanden. Der Zusammenschluss in Vereinsform, der nach eigenen Angaben fast 200 Mitglieder hat, ist unter anderem in der Altenarbeit aktiv. Das bedeutet einerseits: Beratung, beispielsweise zu Themen wie Pflege oder Patientenverfügung. Weil es in Nabern keine Fachärzte gibt, sind Fahrten zu Ärzten oder Kliniken in Kirchheim, Esslingen, Nürtingen, Stuttgart oder Tübingen ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Angebots. „Wir haben einen Pool von zehn ehrenamtlichen Fahrern“, sagt Günter Gölz vom Bürgernetz, der sich mit seinen 69 Jahren als einen der Jüngsten im Verein bezeichnet. Fahrten zu Physiotherapeuten habe man aus Kapazitätsgründen längst aufgeben müssen.

Während andere Netzwerke Feste organisieren und damit Einnahmen generieren könnten, gehe das beim Bürgernetz Nabern nicht mehr, weil die meisten Mitglieder zu alt seien. „Wir waren auf die 2500 Euro angewiesen“, sagt Gölz. Aus diesen Mitteln habe man seither Dinge bezahlt, die nicht über die Mitgliedsbeiträge finanziert werden sollen: Vereinskleider, Gesangbücher oder das Helferfest, das jetzt auf der Kippe steht. Jetzt müsse man die Mitgliedsbeiträge erhöhen, sagt Gölz. Von anderen Netzwerken weiß er wiederum, dass die Mittel regelmäßig gar nicht voll ausgeschöpft werden. „Eigentlich wäre eine Umverteilung gut gewesen“, sagt er. 

Die Kürzung des Budgets ist für die Verantwortlichen des Nachbarschaftsnetzwerks „Miteinander für Jesingen“ angesichts der Haushaltslage keine große Überraschung gewesen. „Wir sind froh, dass es weiterhin einen Betrag von 1500 Euro pro Nachbarschaftsnetzwerk gibt. Allerdings sollte unseres Erachtens bei seltenen großen Anlässen eine gewisse Flexibilität der Stadt Kirchheim vorhanden sein und zusätzlich Geld zur Verfügung stehen“, sagt Nicole Orgon von „Miteinander für Jesingen“. 2025 werde das Netzwerk die 2500 Euro voll ausschöpfen. „Das Budget ist wichtig, um Aktivitäten, die mit hohen Kos­ten verbunden sind, anbieten zu können, wie zum Beispiel das Kindertheater am Ende der Sommer­ferien“, sagt Orgon. Allerdings sei das Budget in den vergangenen Jahren nur zum Teil in Anspruch genommen worden.

Anders als das Bürgernetz Nabern ist „Miteinander für Jesingen“ kein eingetragener Verein. „Einnahmen werden ausschließlich bei unseren Veranstaltungen durch das Aufstellen eines Spenden-Kässles generiert“, so Orgon. Der Prozess der Vereins­gründung läuft, zieht sich allerdings noch. „Miteinander für Jesingen“ verfolgt das Ziel, die Integration aller Menschen zu unterstützen und ein gutes Miteinander zu schaffen. Dazu gehören Veranstaltungen und Aktivitäten für Jung und Alt, darunter Lesungen für Erwachsene, Bilderbuchkinos und Theater­aufführungen für Kinder, die Jesinger Bücherzelle und Veranstaltungen wie das „Weißwurstfrühstück“, die „Eisdiele“ und das „Picknick am Lindachstrand“. 

Drei Netzwerke sagen: „Wir können die Kürzung aktuell verkraften“

Paradiesle Die Initiative Paradiesle, das Nachbarschaftsnetzwerk Steingau-Quartier und das Netzwerk Mittendrin als neuester Zuwachs können die Kürzung nach eigener Aussage aktuell verkraften. „Wir verstehen, dass in Zeiten knapper Kassen gespart werden muss. Noch knapper sollte es allerdings nicht ausfallen“, sagt Simon Burk­hardt von der Initiative Paradiesle, die aktuell etwa 25 Menschen umfasst. Bis zum November 2025 habe man im laufenden Jahr lediglich 940 Euro abgerufen. „In den letzten Jahren entstanden aufgrund der besonderen Situation unseres Straßen­festes auf dem Quartiersplatz und der damit verbundenen Absperrung deutlich höhere Kosten, die aus einem Sondertopf von der Stadt übernommen wurden“, sagt Burkhardt.

Steingau-Quartier Chris­toph Tangl vom Team K (für Koordination) im Steingau-Quartier ergänzt: „Bisher haben wir das Budget nicht aufgebraucht. Allerdings sollten seltene und aufwändigere Aktionen möglich sein. Da wäre es hilfreich, wenn die Stadt ein zusätzliches Geld für solche Besonderheiten für alle Quartiere, zum Beispiel ein Fest zur Fertigstellung des Steingau-Quartiers im Jahr 2026, hätte.

Innenstadt „Das Budget fanden wir großzügig und es war willkommen zu unserer Gründung“, sagt Ina Christou vom Netzwerk Mittendrin. Das Netzwerk Mittendrin, Innenstadt 2.0 hat sich zum 1. Januar 2025 gegründet. „Unser ‚erstes‘ Budget haben wir nicht ausgeschöpft, denn wir sind immer noch am Entstehen und Wachsen. Bisher mussten wir auf nichts verzichten“, sagt Ina Christou. Jeden Monat gebe es im Quartier einen offenen Kaffeetreff beim Veit Café, und eine erfolgreiche Lesestunde im ASB habe sich etabliert. „Während des Kirchheimer Sommers gab es unter anderem ein Konzert des Shantychors, verschiedene künstlerische Angebote, eine Lesung und das Pop-Rock-Konzert am Brunnen.“ adö

 

Kommentar: Besser erklären

Weniger Geld mit der Gießkanne, dafür gezieltere Förderung durch zusätzliche Töpfe für besondere Ausgaben: Was sich die Stadt Kirchheim aus finanzieller Not heraus für die Nachbarschaftsnetzwerke ausgedacht hat, klingt prinzipiell nicht schlecht. Wenn man sich bei den Netzwerken umhört, wird schnell klar: Viele haben die Mittel, die im Haushalt bereitgestellt werden, gar nicht abgerufen. Das weiß auch die Stadt Kirchheim. Aber: Warum führt sie diesen wichtigen Punkt in der Begründung, die schriftlich an die Netzwerke herausging, nicht an? Als Argument für die Kürzung des Budgets wird lediglich auf die prekäre Haushalts­lage verwiesen. Das wirkt allmählich wie ein Totschlagargument, das viele Bürgerinnen und Bürger nicht mehr hören können. Zumal die allermeisten nicht verstehen, warum sich die Stadt ein Verwaltungsgebäude leisten kann, aber dann Kleckerlesbeträge einsparen muss. „Bitte verstehen Sie die Reduzierung nicht als Geringschätzung Ihrer Arbeit“, heißt es in dem Brief an die Netzwerke. Doch, so ist es bei manchen leider angekommen. Fazit: Was gut gemeint und gemacht ist, sollte auch gut erklärt werden. Antje Dörr