Da passte einfach alles zusammen: das großartige, farbenreiche Instrument, die professionellen Akteure mit ihren zusätzlichen Instrumenten, das wunderbare Ambiente auf dem Kirchplatz, auf dem bei sommerlichen Temperaturen in den Pausen zu köstlichen Häppchen und Getränken eingeladen wurde. Thomas Specker, Akteur und musikalischer Leiter der Kirchheimer Orgelnacht, erläuterte in seiner Begrüßung das Prinzip des Erfolgskonzepts und hob in seinem Dank die mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler sowie die Mitglieder des Kirchenchors hervor, die erst durch ihre mit Kreativität und Sachverstand zubereiteten „Kompositionen“ die Orgelnacht zu einem musikalisch-kulinarischen Event machten.
Die Orgel und das Horn
Mit Martin Reiter, Horn, betrat ein Musiker das Podium, der in Kirchheim kein Unbekannter ist. Seine musikalischen Wurzeln reichen bis zur langjährigen Kinderchormitgliedschaft und Klavierunterricht bei Thomas Specker zurück. Seit Jahren widmet er sich mit großem Erfolg dem Horn. Ausgebildet bei Eduard Funk, Kirchheim, und mit zahlreichen Preisen bei „Jugend musiziert“ ausgezeichnet, ist er derzeit Master-Student an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Zusammen mit Thomas Specker, Orgel, spielte er ein interessantes Programm mit zwei musikalischen Säulen: Musik aus dem Barock und der Moderne.
Die Anforderungen für das Horn sind immens: weitgespannte, expressive Intervallsprünge, große dynamische Unterschiede, schnelle Läufe und ruhige, atemfordernde Kantilenen. Martin Reiter meisterte die Herausforderungen aller Musikepochen mit Bravour und völlig unangestrengt. Er bestach durch perfekte Ansatz- und Atemtechnik, die besonders die „drei Bilder aus Prag“ für Horn solo des tschechischen Komponisten Krystof Marek zu eindringlichen Hörbildern werden ließ. Thomas Specker zeigte seine stupende Manual-und Pedaltechnik in der virtuosen Toccata von Joseph Jongen.
Andere Farben waren bei der Oberstimme zu Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ gefragt, bei der Martin Reiter den Choral ruhig fließend mit warm getöntem Klang intonierte. „Pomp and Circumstance“ von Edward Elgar zauberte „royale Klänge“ ins Kirchenschiff und löste stürmischen Beifall aus.
Orgel, Gesang und Schlagzeug
Aus einer anderen musikalischen Sphäre kommend, erklangen die Kompositionen im zweiten Konzert. Die Werke von Michael Schütz, Johannes Michel und Matthias Nagel stehen für eine Aussöhnung von Klassik und Popularmusik. Sie haben den Jazz an die Orgel geholt, was sich an Überschriften wie „Intrade in Jazz“, „Menuett Jazzique“ oder „Swing in? Swing out?“ ablesen lässt. Kirchenmusikerin Barbara Grupp, versiert an Orgel und Klavier, ausgezeichnet mit einem Sieg auf Bundesebene in der Kategorie Orgel, nahm sich der Stücke mit Schwung und einem sicheren Stilempfinden für den „Groove“ an. Dabei wurde sie dezent, stilsicher und souverän vom Schlagzeuger Jan Philipp Klonner unterstützt. Schade, dass er kein ausgedehntes Solo zu spielen hatte.
Ihre Fähigkeiten als einfühlsame Begleiterin bewies sie im Musizieren mit Christoph Weiss. Mit klar intonierender Stimme und sehr guter Wortverständlichkeit sang er „All-Time-Klassiker“ wie „Summertime“ oder „Summer in the City“. Das ließ eine Stimmung von „Summertime“ in der Kirche aufkommen – wunderbar entspannt. Das unterstrichen auch die percussionbegleiteten Orgelwerke von Hans-André Stamm, einem deutschen Komponisten und Konzertorganisten, und besonders Barbara Dennerlein.
Zum Abschluss Orgel solo
Nach diesem ebenfalls begeistert beklatschten Konzert war es – nach der Pause – an Andreas Schweizer, Dekanatskirchenmusiker in Geislingen, die Orgel im Abschlusskonzert solistisch erglänzen zu lassen. Nach der krankheitsbedingten Absage der Saxofonistin war eine Programmanpassung notwendig geworden. Zu Beginn spielte er drei Sätze aus der Sonate g-Moll op. 40 des elsässisch-amerikanischen Organisten, Pianisten und Komponisten René Louis Becker. Sein in Europa erst spät wiederentdecktes Werk erinnerte besonders im ersten Satz an die Klangeruptionen und den rhapsodischen Duktus von J.S. Bachs g-Moll-Fantasie. Bach und Dietrich Buxtehude, beides „Orgelgroßmeister“ des Barock, waren ebenfalls mit einem Werk vertreten und ließen besonders die Farbigkeit der Orgeldisposition der Göckel-Orgel aufscheinen.
Das zentrale Werk des Programms, die bekannte Suite gothique op. 25 von Léon Boëllmann, bot Organist und Orgel viele Möglichkeiten, sich noch einmal von der besten Seite zu zeigen: Wuchtige, massive Klänge, zungenstimmengesättigt, ließen die Orgel wie eine „Kathedralorgel“ erklingen. Zarte Flötenstimmen, farbige Registrierungen, eine große dynamische Bandbreite, die bei der Abschlusstoccata in einen majestätischen Schluss mündete, unterstrichen die Vielseitigkeit des Instruments. Mit virtuosem Zugriff, aber auch der Fähigkeit, ruhige, meditative Momente zu erzeugen, wusste Andreas Schweizer die zahlreichen Anwesenden in den Bann zu ziehen. Mit einer Zugabe setzte er den Schlusspunkt unter eine wieder einmal außergewöhnliche Orgelnacht, die noch lange weiterklingen wird.

