Uhrzeit
Unglückliches Zusammenspiel: Fahne verheddert sich im Uhrzeiger der Rathausuhr

Die Uhr am Kirchheimer Rathaus, die in Richtung der Marktstraße zeigt, lief etwa zwei Wochen völlig falsch, weil sich eine Fahne im Zeiger verheddert hatte. Frank Müller hat das Problem nun behoben. 

Jetzt zeigt die Kirchheimer Rathausuhr wieder die Echtzeit an. Foto: Carsten Riedl

Wer hat an der Uhr gedreht? Das hat sich in den vergangenen Tagen mancher Innenstadtbesuchende in Kirchheim mit Blick auf den Rathausturm gefragt, denn die Uhr in Richtung Marktstraße ist aus dem Takt geraten. In Zeiten von Hightech und Smart-Steuerung ist die Antwort herzerfrischend banal und mechanisch begründet: Vorletzte Woche hat sich eine Fahne am Uhrzeiger verheddert.

„Unsere Mitarbeitenden vom Bauhof konnten die Fahne mithilfe eines Hubsteigers während der Anbringung der Blumenkästen an den Fenstern wieder entfernen. Seitdem läuft die Uhr jedoch nicht mehr korrekt“, teilt Doreen Edel, Pressesprecherin der Stadt Kirchheim, mit. Der Vorfall sei umgehend an die Fachfirma gemeldet worden, die auch die jährliche Wartung der Rathausuhr übernimmt. „Diese ist nicht in der Region ansässig. Wir haben die Firma gebeten, die ohnehin demnächst anstehende Wartung um einen Monat vorzuziehen und gleichzeitig den Fehler zu beheben“, so Doreen Edel. 

 

Wenn ein Wind geht, ist das ein Spiel da draußen, auf den Millimeter genau geht das nicht.

Frank Müller über die genaue Justierung des Uhrzeigers

 

Frank Müller von der Firma „HEW – die Herforder Elektromotoren-Werke“, die auf Kirchturmtechnik spezialisiert ist, hat nun im übertragenen Sinn tatsächlich an der Uhr gedreht. Ein zielsicherer Griff auf ein Käbelchen lässt das elektronisch gesteuerte mechanische Uhrwerk schneller laufen. Der Mann aus Würzburg kommt schon seit Jahren nach Kirchheim, um die Uhr zu warten. Deshalb weiß er auch, dass der Zeiger falsch eingestellt beziehungsweise montiert ist. Bei „halb“ – Funkuhr hin oder her – schlägt sie die ganze Stunde. 

„Das geht relativ einfach hier, der Schalter läuft jetzt von allein“, sagt Frank Müller vollkommen tiefenentspannt, nachdem er die Treppen erklommen, seinen Rucksack abgelegt und die richtige Taste gedrückt hat. Bis der Zeiger schneller als seine zwei Uhren-Kollegen, die in die jeweilige Richtung der Max-Eyth-Straße zeigen, seine Umdrehungen absolviert hat, fachsimpelt er in aller Ruhe mit Hausmeister Christian Hartmann, der von der Uhrentechnik begeistert ist. Nebenher beantwortet er geduldig alle Fragen. „Hier sind gute Motoren eingebaut und das Räderwerk ist sauber gemacht. Der Motor ist relativ wartungsarm. Wenn was nicht in Ordnung wäre, wird er lauter und brummt so vor sich hin. Das hört man“, lobt er die Technik – und die Arbeit jener Bauhofmitarbeiter auf dem Hubsteiger, die sehr vorsichtig und mit Gefühl die Fahne vom Zeiger gelöst haben, und kommt ins Erzählen. „Es gibt noch ältere Uhrwerke als hier. Die sind 150 Jahre alt und funktionieren heute noch auf die Minute.“

Während der Zeiger seine schnellen Runden dreht, geht es plötzlich auch um die Monduhr. Deren Motor ist auf einem ausgedienten, schätzungsweise aus den 60er-Jahren stammenden Schreibtisch montiert. Jede Minute ist ein „Klack“ zu hören. „Die Monduhr ist Echtzeit. Ohne Christian Hartmann hätte ich die Wartung der Anlage nicht hinbekommen“, sagt Frank Müller. Denn hier wird die einen Stock tiefer befindliche Mechanik der Monduhr gesteuert, die die aktuelle Mondphase anzeigt. „Alle paar Monate schaue ich, ob alles noch richtig sitzt“, sagt der Hausmeister.

Auch als der Zeitpunkt immer näher rückt, den Zeiger anzuhalten, damit er wieder im Gleichschritt mit den zwei anderen läuft, behält der Uhrentechniker vollkommen die Ruhe. Er schaut, zählt die Zahnradumdrehungen, stoppt ein wenig früher, um ein Gefühl für die Entschleunigungsphase des Uhrwerks zu bekommen. Startet wieder und meint zufrieden: „Jetzt passt’s, der Zeiger steht ganz genau. Wenn ein Wind geht, ist das ein Spiel da draußen, auf den Millimeter genau geht das nicht.“ Sagt’s und wie zur Bestätigung steht der Zeiger mit dem beginnenden Elf-Uhr-Schlag voll auf der Zwölf.

 

Ungewöhnlicher Arbeitsplatz

Frank Müller arbeitet fast auf den Tag genau seit 24 Jahren bei der Firma HEW. Er kommt rum in seinem Beruf, den er mit Leib und Seele ausübt. Nicht lange überlegen muss er, als er nach seinem tollsten Arbeitsort gefragt wird: Annaberg-Buchholz im sächsischen Erzgebirgskreis. „Dort lebt eine Türmerfamilie in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung im Turm. Der Turm hat echt große Ausmaße. Der Türmer war dort schon als Junge Ministrant und wollte unbedingt dort mal wohnen“, erzählt er und zeigt großen Respekt auch vor dem Sohn der Familie, der täglich einen besonderen Weg zur Schule zurücklegen muss.

„Hoch über Sankt Annen, der größten gotischen Hallenkirche Sachsens, wohnt in 42 Meter Höhe die einzige Türmerfamilie in Europa, die ständig auf ihrem Turm lebt“, ist auf Katholisch.de zu lesen. 211 Stufen sind mehrmals am Tag zu bewältigen. Alkohol gibt es keinen, denn schon die Türmerordnung von 1843 verhängte ein totales Promilleverbot, Telefon gibt es seit 1879. „Tatsächlich bekommt hier oben der Begriff der Windhose eine ganz neue Dimension; die Kleidung trocknet in Rekordzeit“, schreibt das Internetportal. ih