Normalerweise ist es grober und destruktiver Unfug, irgendetwas anzusägen. Auf dem Kirchheimer Güterbahnhofsgelände dagegen war das „Ansägen“ der Auftakt zu einer höchst konstruktiven Arbeit: Bis Ende des Jahres sollen an der Humboldtstraße drei Holzgebäude nicht nur erstellt, sondern bereits bezogen
sein. Je nach Art der Belegung bieten die Häuser Platz für 40 bis 80 geflüchtete Menschen. „Als Stadt sind wir dazu verpflichtet, diese Menschen aufzunehmen und Unterkünfte für sie bereitzustellen“, sagte Oberbürgermeister Pascal Bader, bevor er gemeinsam mit Dirk Oettel von der Geschäftsleitung der Merkle-Gruppe zur Säge griff.
Viele Standorte gebe es leider nicht mehr. In Gewerbegebieten gebe es zu viele Restriktionen, um dort Wohngebäude für die Anschlussunterbringung erstellen zu können. Die Fläche am Güterbahnhof sei eigentlich ohnehin fürs Wohnen vorgesehen – und im Augenblick sei der Druck so groß, dass sich die Stadt jetzt zum Bauen entschlossen habe.
Ursprünglich hatte die Stadt an dieser Stelle an Containerbauten gedacht. „Auf unsere Ausschreibung sind aber keine Angebote eingegangen – auch dann nicht, als wir schließlich direkt auf Containeranbieter zugegangen sind.“ Deshalb habe die Stadtverwaltung das Gespräch mit der Merkle-Gruppe gesucht und diese nach intensiven Diskussionen im Gemeinderat mit dem Bau von Holzhäusern beauftragt: „Wir haben dann gesagt, wir stellen da einen Holzbau hin. Das ist höherwertig, als Container aufeinanderzustapeln. Und zeitlich dauert es auch nicht länger, als Container aus China heranschiffen zu lassen.“
Was die Förderung durch das Land betrifft, geht es manchmal auch schnell. 20 Prozent der Gesamtkosten, die bei über vier Millionen Euro liegen, steuert das Land Baden-Württemberg bei. „Dafür gibt es eine Frist, die wir einhalten müssen. Wir hätten jetzt noch zwei Wochen Zeit für den Baubeginn.“ Dieser offizielle Baubeginn wäre normalerweise ein Spatenstich oder ein Baggerbiss. Für den Holzbau sollte es stattdessen aber das „Ansägen“ sein, was der Oberbürgermeister launig kommentierte: „Wir müssen oft dicke Bretter bohren, aber wir sägen sie nur selten durch.“
Fertiggestellt sind die Holzhäuser „definitiv noch dieses Jahr“, sagte Dirk Oettel – auch wenn das eine herausfordernde Aufgabe sei. Bis Juli sollen mindestens zwei der drei Gebäude erstellt sein. Der Innenausbau erfolge im Herbst. „Wir verbauen hier insgesamt 400 Kubikmeter Holz, das ist nicht ganz wenig. Das entspricht zehn Lkw-Ladungen voller Holz.“ Der Holzrahmenbau mit massiven Holzdecken sei „langfristig nutzbar“.
„Nicht billig, aber günstig“
Die Zusammenarbeit mit der Stadt Kirchheim bezeichnete Dirk Oettel in jeder Hinsicht als konstruktiv: „Der gemeinsame Arbeitsprozess macht Spaß.“ Die zweigeschossigen Bauten mit Laubengängen und überdachten Eingängen seien „nicht billig, aber günstig“. Als besonders positiven Aspekt dieser Zusammenarbeit hob er hervor, dass die Wertschöpfung komplett in der Region bleibe: „Wir sind ja aus Bissingen, und das ist ganz nahe an Nabern – also fast schon in Kirchheim.“
Und noch einen Zusammenhang zwischen Holzbau Merkle und dem Neubauprojekt stellte er her: „Auch wir integrieren geflüchtete junge Menschen in unserem Betrieb. Das ist ein großer bürokratische Aufwand.“
Einen vergleichsweise kleinen Aufwand stellte es dar, vom dicken Balken eine dünne Scheibe abzusägen – zumal es tatkräftige Unterstützung gab, seitens der Verwaltung und des Gemeinderats. Wo gesägt wird, fallen aber reichlich Späne. Und so konnte Dirk Oettel nach getaner „Arbeit“ verkünden: „Die Baustelle ist eröffnet!“

