Dass Marc Romero ein bisschen anders ist als die anderen Erzieher, haben die kleinen Schützlinge des Käppele-Kindergartens in Jesingen schnell gemerkt. Er redet etwas langsamer, spricht Worte zum Teil ungewohnt aus, und manchmal muss er überlegen, wie man etwas nennt. Davon mal abgesehen ist Marc Romero aber genau wie die anderen Erzieher: Er verbringt Zeit mit den Kindern, er hilft ihnen, er spielt und lacht mit ihnen.
Uns ging es darum, eine verlässliche Betreuung der Kinder sicherzustellen.
Fabian Müller, Personalabteilung der Stadt
Marc Romero ist Teil eines zehnköpfigen Teams, das im Mai 2024 von Spanien nach Kirchheim gekommen ist, um in den unterbesetzten Kitas als Erzieherinnen und Erzieher zu arbeiten. Ein ähnliches Projekt wurde 2023 bereits in Weilheim gestartet. „Uns ging es darum, eine verlässliche Betreuung der Kinder sicherzustellen“, erklärt Fabian Müller aus der Personalabteilung der Stadt. Nachdem sich das in letzter Zeit nicht ganz einfach gestaltet hatte, erschien es der Stadt wie ein vielversprechender Plan B, den Blick ins Ausland zu richten.
Für die Vermittlung der Fachkräfte hatte man die Stuttgarter Agentur Apontis ins Boot geholt. Fabian Müller erzählt, dass der organisatorische Aufwand gerade am Anfang ziemlich happig gewesen sei. Die Aufgabe, unter Zeitdruck Wohnraum für zehn Personen aufzutreiben, habe die Stadt ganz schön ins Schwitzen gebracht.
Unsicherheit in der Heimat als Anreiz
Ein wichtiger Schritt für die Fachkräfte auf dem Weg zum festen Arbeitsvertrag in Deutschland war die Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikationen aus der Heimat. Dafür erforderlich war ein Jahr Arbeit in einem deutschen Kindergarten und die Abgabe einer Facharbeit. Für die meisten stand außerdem ein Praktikum in einer Grundschule auf dem Programm, berichtet Annika Zirn von der Abteilung Bildung der Stadt Kirchheim. In der Zwischenzeit sei die Gruppe zwar von zehn auf sieben Fachkräfte geschrumpft; deren Bildungsabschlüsse seien mittlerweile aber ausnahmslos durch das Regierungspräsidium anerkannt worden.
Von der Möglichkeit, in einer deutschen Kita zu arbeiten, hat Marc Romero durch eine Kollegin seiner Mutter erfahren. Vor seinem Umzug hat er an einer Grundschule in Barcelona unterrichtet. Grund für den gewagten Schritt war berufliche Unsicherheit in seinerm Heimatland. „Ich habe gemerkt: Hier kannst du im Moment nicht stabil sein“, erzählt der 28-Jährige. Mittlerweile lebt er seit fast zwei Jahren in Jesingen. Dort teilt er sich eine Wohnung mit Belen Costa, die ebenfalls im Rahmen des Programms nach Deutschland kam und im Reußenstein-Kindergarten angestellt ist. Die 32-Jährige stammt aus einem Dorf in der Nähe von Alicante und ist gelernte Pädagogin, fand zuhause jedoch keine Arbeit. „Das ist ganz schwierig in Spanien“, bedauert sie. Die Zusage für den Job in Kirchheim kam für Belen Costa mehr als überraschend. Ihr erster Gedanke? „Oh je“, erinnert sie sich lachend.
Du bist selbst wie ein kleines Kind, das alles beobachtet.
Marc Romero über seinen ersten Besuch in Kirchheim
Trotz anfänglicher Zweifel beschlossen Romero und Costa, die Chance zu ergreifen. Zwei Monate vor dem Start dieses neuen Lebensabschnitts sind die beiden in Begleitung der anderen Fachkräfte bereits für einige Tage in Kirchheim gewesen, um in den Einrichtungen zu hospitieren, gemeinsam Ausflüge zu unternehmen und alles kennenzulernen – die Gegend, die Kitas, den Alltag und natürlich einander. „Das war richtig schön“, resümiert Belen Costa. Marc Romero ergänzt: „Du bist selbst wie ein kleines Kind, das alles beobachtet.“
Ankommen braucht Zeit
Für die Idee, in den Kitas Verstärkung aus dem Ausland einzuholen, seien die Eltern größtenteils offen gewesen, erzählen die beiden Fachkräfte. Skepsis habe man eher von den Kindern gespürt. „Sie haben uns angeschaut wie Aliens“, erzählt Marc Romero lachend. Das habe er aber nicht persönlich genommen und den Kindern stattdessen einfach erklärt, warum er (noch) nicht so sprechen könne wie andere Erwachsene. Mittlerweile sei die anfängliche Scheu verflogen. „Sie haben einfach ein bisschen Zeit gebraucht“, bestätigt Belen Costa.
Sie haben uns angeschaut wie Aliens.
Marc Romero über die anfängliche Reaktion der Kinder
Auch die Fachkräfte benötigten Zeit, um sich einzuleben und sich an die Dinge zu gewöhnen, die in Deutschland etwas anders sind. Das fange schon beim Wetter oder der Unterhaltungslautstärke in öffentlichen Verkehrsmitteln an. „Hier ist es sehr ruhig. Das gefällt mir super“, meint Belen Costa. „Außer Stuttgart spielt“, setzt Marc Romero augenzwinkernd hinzu.
Kulturelle Unterschiede bemerke man natürlich auch im Berufsalltag. Beispielsweise sei der Tagesablauf in den spanischen Kitas sehr genau strukturiert und festgelegt. „Hier ist es offener und mehr auf die Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten“, erklärt Annika Zirn. Gut finden Romero und Costa auch, dass es viel Natur im unmittelbaren Umkreis gibt und man als einzelne Erzieherin oder einzelner Erzieher für weniger Kinder auf einmal verantwortlich sei.
Der Knackpunkt Sprache
Eine große Herausforderung war für die Fachkräfte erwartungsgemäß die Sprache, die sie von Grund auf lernen mussten. Dazu belegten sie bereits in Spanien einen sechsmonatigen Intensivkurs mit anschließender Prüfung. In Deutschland stand dann der wöchentliche Besuch eines Sprachkurses im Curriculum. Um eine Sprache – vor allem Deutsch – zu lernen, gebe es „keine einfache Lösung“, meint Belen Costa. Eine große Hilfe seien Filme und Videos gewesen, vor allem aber lerne man natürlich durch den persönlichen Umgang. Nichtsdestotrotz: „Es braucht viel Zeit.“
Die Kommunikation mit Kindern und Eltern funktioniere inzwischen zum Glück gut, wie die beiden berichten. „Am Anfang war ich mir noch unsicher, und es war mir peinlich“, erinnert sich Belen Costa. Diese Angst habe sie zum Glück ablegen können. „Jetzt rede ich einfach.“
Ziel des Angebots ist, dass die Fachkräfte langfristig in Deutschland bleiben. Einer Herausforderung gilt es jedoch noch zu bewältigen: Um einen festen Arbeitsvertrag zu bekommen, müssen die sieben Spanierinnen und Spanier bis Mai 2026 das Sprachniveau B2 nachweisen können.
Am Anfang war ich mir noch unsicher, und es war mir peinlich. Jetzt rede ich einfach.
Belen Costa über das Deutschsprechen
Von Belen Costa und Marc Romero bekommt Kirchheim jedenfalls einen Daumen nach oben. Sie habe sich eingewöhnt und fühle sich inzwischen „nicht mehr alleine“, so Costa. Auch Marc Romero hat Anschluss gefunden und ist in vielen (Sport-)Vereinen aktiv. Dennoch fehle ihm manchmal das „Soziale“, das in Spanien ausgeprägter sei. Anders als in seiner Heimat gehe es hier nach dem Spiel direkt nachhause, und es sei gar nicht so einfach, neue Freunde zu finden. Dennoch möchten die beiden vorerst gerne in Kirchheim bleiben. „Mir geht es hier gut“, fasst Belen Costa zusammen. Zu weit in die Zukunft vorausplanen wolle man allerdings nicht.

