Erfahrungsaustausch
Verzweifelter Kampf um jeden Bewerber

Der dreitägige Dreiergipfel der Partnerlandkreise Esslingen, Leipzig und München wird in der bayrischen Landeshauptstadt zum Krisengipfel. Den Ämtern droht der personelle Exodus.

Besuch im Heiligsten der Landeshauptstadt München: Die Kreisdelegation beim Empfang im Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtags. Foto: Bernd Köble

Not schafft Verbündete. In Politik und Verwaltung heißt das vor allem: in Sachen Krisenmanagement von Anderen lernen. Beim 13. so genannten Dreier-Gipfel der Partnerlandkreise Esslingen, Leipzig und München stand deshalb ein Thema im Vordergrund, das alle gleichermaßen beschäftigt. Neben einem dreitägigen Rahmenprogramm in der Isar-Metropole, das neben einem Abstecher zur Landesgartenschau auch einen Besuch des Bayerischen Landtags vorsah, drehte sich alles um die Frage: Wie lässt sich dauerhaft eine funktionierende Verwaltung sicherstellen, wenn in fast allen Bereichen Personal fehlt?

Deutschlandweit sind zurzeit rund 840.000 Verwaltungsstellen unbesetzt. Im Esslinger Landratsamt mit seinen 2.500 Beschäftigten trifft dies auf knapp zehn Prozent der Vollzeitstellen zu. Ein Problem, das sich verschärfen wird, denn knapp die Hälfte aller Mitarbeiter dort sind inzwischen über 50 Jahre alt. Waren es bisher vor allem technische
 

„Wir finden nicht einmal mehr Bewerber, die ungeeignet sind.

Christoph Göbel, Münchner Landrat

 

Berufe, in denen Bewerber fehlten, sind inzwischen sämtliche Verwaltungsbereiche betroffen, wie Kreiskämmerer und Personalchef Johannes Klöhn bestätigt. Dabei wären gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter gerade jetzt nötig, um das drängende Thema Digitalisierung zügig voranzubringen. „Inzwischen bekommen wir auf normale Stellenausschreibungen nicht einmal mehr Bewerber, die ungeeignet sind,“ sagt der Münchner Landrat Christoph Göbel.

Was also tun? Die Mitarbeitergewinnung – neudeutsch Recruiting – ist inzwischen überall ein eigener Fachbereich. In München entwickelt ein Recruiting-Team seit 2022 den Kreis zur zeitgemäßen Arbeitgebermarke. Karriere-Seiten und das intensive Beackern von Social-Media-Kanälen haben die Klickzahlen auf den Online-Bewerberformularen inzwischen verdoppelt. Im Esslinger Landratsamt wickelt das mit fast fünf Vollzeitstellen ausgestattete Bewerbermanagement 400 Fälle im Jahr ab. Die Erfolge sind jeweils überschaubar. 

Kostenlose Deutschland-Tickets, ein steuerfreier Radler-Bonus, bessere Chancen auf rasche Beförderung bis hin zu kostenlosen Wellness-Angeboten oder Einkaufsrabatten bei Partnerunternehmen – der Einfallsreichtum, um geeignete Kandidaten anzulocken, kennt keine Grenzen. In München ist eines der drängendsten Probleme der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Der Landkreis hat dieses Thema längst selbst in  die Hand genommen und bietet 70 eigene Dienstwohnungen bis zu 40 Prozent unter Marktpreis an. Neue Wohnanlagen sind bereits in Planung.

Jede Vergünstigung zählt, denn in Konkurrenz zur freien Wirtschaft hat die Verwaltung vor allem ein Problem: Geld. Die Möglichkeiten tariflicher Zulagen sind begrenzt. Hinzu kommt, dass sich Verwaltungen angesichts wachsender Aufgaben gegenseitig Mitarbeiter wegschnappen. In München ist die Stadt mit ihren 1.700 Beschäftigten in der Kernverwaltung der größte Konkurrent zum Kreis. Die Attraktivität moderner Arbeitswelten, wie sie der Neubau des Esslinger Landratsamtes spätestens ab 2026 bieten soll, ist das, worauf hier im Kreis die Hoffnung ruht. 

Null Windkraft im Kreis

Gravierende Unterschiede tun sich beim zweiten großen Thema auf, das in München auf der Tagesordnung stand: Beim Ausbau erneuerbarer Energien spielt der Kreis Esslingen eine Sonderrolle. Während in den weniger stark besiedelten Landkreisen München und Leipzig Windkraft und Freiflächen-Photovoltaik auf dem Vormarsch sind, spielt sich im Kreis Esslingen die Energiewende vor allem auf Dächern ab. Hier im Kreis dreht sich kein einziges Windrad, weil es an geeigneten Flächen mangelt und rund die Hälfte des Kreisgebiets als Schutzzone ausgewiesen ist. Zwar sind fünf neue Vorranggebiete im Entwurf des neuen Regionalplans enthalten, ob sich dort ausreichend Befürworter, vor allem aber Investoren finden lassen, ist fraglich.

„Der Landkreis ist in Sachen Windkraft gemeinsam mit der Stadt Stuttgart ein weißer Fleck auf der Karte,“ muss die Erste Landesbeamtin im Landratsamt, Marion Leuze-Mohr, einräumen. In einer Kooperation mit dem Stuttgarter Flughafen und beim Thema Agri-PV sieht Leuze-Mohr Entwicklungschancen. Allerdings sei bei der doppelten Flächennutzung in der Landwirtschaft die Skepsis bei Landwirten nach wie vor groß. In München und Leipzig sind die Voraussetzungen andere. Während seinem Leipziger Kollegen Henry Graichen wenig umkämpfte Flächen im Braunkohle-Tagebau für Erneuerbare zur Verfügung stehen, nimmt Münchens Landrat Christoph Göbel im Voralpenraum nach zehn Jahren Widerstand einen Stimmungswandel in der Bevölkerung wahr. Der Krieg in der Ukraine und die damit gewachsenen Zweifel an der Versorgungssicherheit, sagt Göbel, hätten zu einem Umdenken geführt.

 

Kreispartnerschaft seit 47 Jahren

Die Anfänge der Landkreispartnerschaft reichen zurück bis ins Jahr 1977. Die damaligen Landräte Hans Peter Braun aus Esslingen und Joachim Gillessen aus München gründeten den Austausch auf Basis der Arbeit in den jeweiligen Fluglärmkommissionen beim Ausbau der Flughäfen in Echterdingen und München-Riem.

Nach der Wende wurde daraus ein Dreier-Bündnis. Der damalige Landkreis Borna kam im Rahmen der Verwaltungshilfe für die neuen Bundesländer im Osten hinzu. Seit 2008 vereint der Landkreis Leipzig die bis 1994 eigenständigen Landkreise Borna, wo heute der Verwaltungssitz ist, und Muldentalkreis mit der Großen Kreisstadt Grimma.

Landrat in Leipzig ist der 47-jährige Henry Graichen (CDU), der 2022 per Volkswahl für sieben weitere Jahre ins Amt gewählt wurde. Im Landkreis München steht seit 2014 der 49-jährige Christoph Göbel (CSU) an der Spitze der Verwaltung. Der Esslinger Landrat Heinz Eininger (CDU) ist mit 67 Jahren der Dien​​​​​​​stä​​​​​​​lteste​​​​​​​ ​​​​​​​im B​​​​​​​unde​​​​​​​. ​​​​​​​Er v​​​​​​​erab​​​​​​​schied​​​​​​​et si​​​​​​​ch Ende ​​​​​​​Septem​​​​​​​ber na​​​​​​​ch ​​​​​​​24 ​​​​​​​​​​​​​​Diens​​​​​​​tjahre​​​​​​​n i​​​​​​​n den ​​​​​​​Ruhes​​​​​​​tand​​​​​​​.​​​​​​​ D​​​​​​​ie Wa​​​​​​​hl se​​​​​​​ines N​​​​​​​achfo​​​​​​​lgers f​​​​​​​indet ​​​​​​​am ​​​​​​​26​​. Jul​​​​​​​i im ​​​​​​​Kreis​​​​​​​tag ​​​​​​​sta​​​​​​​tt. ​​​​​​​bk