Manche Ihrer Klienten nennen sie Uschi. Ursula Krömer stört so viel Vertrautheit nicht, im Gegenteil. „Für mich ist es am wichtigsten, erstmal Ruhe hineinzubringen“, sagt sie. Wer zu ihr in die Schuldnerberatung kommt, hat meistens Stress. Denn hinter Geldproblemen stecken oft Themen wie Arbeitsverlust oder Trennungen und die damit verbundene Scham. Insofern kann Ursula Krömer finanziellen Schulden auch etwas Positives abgewinnen. „Sie sind oft der Grund, warum jemand überhaupt erst Hilfe aufsucht“, sagt sie.
Warum jemand in die Schulden geraten ist, vielleicht weil er immer wieder zu viel bestellt hat, das zählt für sie nicht. „Meine Arbeit war immer auch sozialpädagogisch. Es ging stets darum, Menschen wieder aufzubauen“, sagt sie. Neben der Scham spielt Angst eine große Rolle bei den Schuldnern. „Die Unsicherheit ist groß: Ist bald das Auto weg?
Niemand muss wegen Schulden ins Gefängnis
Ist die Wohnung weg? Inkasso-Unternehmen drohen in ihren Anschreiben häufig, Lohnpfändungen oder sogar Freiheitsstrafen stehen im Raum“, sagt sie. Aber das kann sie jedem und jeder sagen: „Wegen Schulden kommt niemand ins Gefängnis. Es gibt keinen Schuldturm mehr“, sagt sie in Bezug auf das Schuldengefängnis, das es bis ins 19. Jahrhundert als Sondergefängnis für Menschen existierte, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen sind.
Zum Beispiel habe jede und jeder das Recht, ein Pfändungsschutzkonto zu eröffnen. Es schützt einen monatlichen Grundfreibetrag vor einer Kontopfändung und ermöglicht so die Deckung der Lebenshaltungskosten. Manche Beraterinnen und Berater wissen das nicht, oder tun so als ob. Aber ein Besuch der Schuldenberaterin hat da stets geholfen.
Ich würde mir wünschen, dass es keine Schufa mehr gibt. Sie macht nur das Leben schwerer.
Ursula Krömer
Insgesamt 26 Jahre hat die Nürtingerin für die Diakonie in Kirchheim Menschen beraten, die Schulden haben und aus eigener Kraft ihrer finanziellen Misere nicht mehr entkommen konnten. Sie sei so ein bisschen Frau Zwegat ohne Flipchart, merkt sie lachend an in Anspielung auf den im vergangenen Jahr verstorbenen TV-Schuldnerberater. Der hat auf Flipcharts mit dem Edding Schulden untereinander geschrieben, um dann Tilgungskonzepte zu entwerfen. Doch im Unterschied zum resoluten Peter Zwegat kommt bei Ursula Krömer das Zahlenwerk erst an zweiter Stelle. „Bei mir ging es auch immer darum, Menschen aufzubauen“, erzählt sie vom sozialpädagogischen Anteil ihrer Arbeit, der ihr so viel Spaß gemacht hat.

Das heißt aber nicht, dass sie Zahlen nicht interessierten, im Gegenteil. „Ich bin gelernte Bankkauffrau“, sagt sie. Sechs Jahre hat sie bei der Deutschen Bank gearbeitet. Aber dann hat sie gemerkt, dass Verträge verkaufen nicht ihre Welt waren. Dann hat sie BWL studiert und sich über das Arbeitsamt neu orientiert. Eine zunächst als ABM-Stelle deklarierte Aufgabe bei der Diakonie wurde ihr dann vorgeschlagen. Die Berater hatten den richtigen Riecher: „Es hat sehr schnell gematcht“, sagt sie lachend. Die Kombination aus Menschen helfen und mit Zahlen umgehen, das entsprach ihren Fähigkeiten. Aus der ABM-Stelle wurde dann schnell eine Festanstellung.
Was war das typische Profil eines Schuldners? Spoiler: Es ist nicht unbedingt ein Bürgergeld-Empfänger oder eine Bürgergeld-Empfängerin. „Man muss erstmal ein Einkommen haben“, sagt sie. Einer der häufigsten Starts in eine „Schuldenkarriere“ ist eine Trennung. „Das ist der Klassiker“, sagt Ursula Krömer. Die Mutter muss alleine den Haushalt stemmen, der Vater eine zweite Wohnung finanzieren und Unterhalt zahlen. „Mann und Frau sind bei der Trennung gleichermaßen betroffen.“
Altersmäßig war in 26 Jahren von 20 bis 82 alles dabei. Das Gefühl, dass jemand das System ausnutzt und bewusst über seine Verhältnisse lebt, hatte sie nie. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemand in Saus und Braus gelebt hat“, sagt sie. Ein Selbständiger hatte mal eine Million Schulden angehäuft. Das sei aber ein Ausreißer, normal seien zwischen 10.000 und 30.000 Euro. „Die meisten haben relativ kleine Schulden. Aber mit den persönlichen Schulden haben sei am meisten zu kämpfen.“ Wenn Leute die Kontrolle verlieren, entstehen absurde Kosten. „Da hat jemand seit fünf Jahren kein Auto mehr, zahlt aber trotzdem noch den ADAC.“ Und auch das gibt es: „Wenn jemand zum dritten Mal einen Insolvenzantrag stellt, dann ist das schon eine Enttäuschung.“
Das Schuldenprofil hat sich geändert
Im Laufe ihrer Beratungszeit hat sie festgestellt, dass Schuldenmachen sich geändert hat, nicht in der Schuldensumme, aber in der Art und Weise. „Die Anzahl der Gläubiger hat sich erhöht. Früher waren es vier bis fünf, heute sind es zehn bis 20“. Die Gründe liegen auf der Hand: Es gibt mehr Angebote, das Schuldenmachen sei einfacher geworden, Ratenkäufe auch. Was sie besonders ärgert: „Die Schufa wird inflationär genutzt. Dabei hat sie null Aussagekraft. Sie macht nur Menschen, die ohnehin nicht am Leben teilnehmen können, das Leben noch schwerer“, sagt sie.
Für die gelernte Bankkauffrau war der Mix aus Zahlen und Menschen der perfekte Job. „Psychologische Beratung konnten wir zwar nicht anbieten. Aber ein bisschen Seelsorge war immer dabei, man hatte ja mit Menschen zu tun. Ich hab es sehr gerne gemacht“, sagt sie und strahlt. Mit 63 Jahren geht Ursula Krömer nun in Rente. Kontakt mit Menschen wird sie auch weiterhin haben: Man kann sie künftig beim Kaffee- und Teemobil der Diakonie treffen.

