Als im vergangenen Jahr einen Tag vor Nikolaus das Ergebnis der Pisa-Studie veröffentlicht wurde, hing im Land der Dichter und Denker der Haussegen schief: Grund war das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der Studie. Vor allem in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz schnitten deutsche Schüler im Vergleich deutlich schlechter ab als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus anderen Ländern. „Beunruhigend“ lautete der Kommentar des Pisa-Forschungsteams zu Deutschland.
Thorsten Bröckel, Grund- und Werkrealschule Alleenschule
Untergangsstimmung angesichts dieser Ergebnisse herrscht zumindest an den Schulen in Kirchheim und Weilheim nicht. Einen Faktor für das negative Abschneiden sieht Thorsten Bröckel etwa in der Aufgabenstellung. „Viele Formate sind den Schülern teilweise nicht bekannt“, sagt der geschäftsführende Schulleiter der Kirchheimer Schulen und Rektor der Alleenschule. Somit hätten deutsche Jugendliche Nachteile bei der Bearbeitung solcher Aufgaben. Ihm sei aber ohnehin keine Kircheimer Schule bekannt, die an der PISA-Studie teilgenommen hat.
Bröckel bestreitet aber nicht, dass die Schulen in Deutschland derzeit vor größeren Herausforderungen stehen. So gebe es in der Alleenschule stetig mehr Kinder, die deutsch nicht als Muttersprache haben. Das liege nicht nur an der Zunahme geflüchteter Kinder. „Das Problem ist, dass viele Zuhause kein Deutsch sprechen, auch wenn sie in der zweiten oder dritten Generation hier leben“, sagt er.
Auch die Klassengröße habe Auswirkungen, das merke man insbesondere in Ländern, die gut abgeschnitten haben. In Irland liege der Schnitt bei 17 Kindern, in Baden-Württemberg liegt sie bei fast 20. Ein weiteres Problem sei die Unterversorgung an Lehrkräften. „Das spitzt sich zu“, sagt Thorsten Bröckel. An der Alleenschule liege man derzeit zehn Prozent unter dem erforderlichen Stellenschlüssel.
Ein Kritikpunkt der Studie am deutschen System ist, dass Kinder bildungsferner Familien stärker benachteiligt würden als anderswo. Dazu meint Thorsten Bröckel: Was für die Zukunft wichtig sei, dass es mehr Ganztagesschulen gebe um möglichst vielen Kindern und Jugendlichen auch außerschulisch eine Struktur zu bieten. „Bei uns nehmen gut 55 Prozent der Kinder das Angebot wahr.“
Robin Fehmer, Realschule Weilheim
Der Schulleiter der Realschule Weilheim, Robin Fehmer, wehrt sich ebenfalls gegen pauschale Urteile, was das Leitungsvermögen hiesiger Schülerinnen und Schüler betrifft. Dass sie sich zunehmen schwer tun mit dem Stoff, stellt er allerdings vermehrt fest. „Das liegt zu einem Teil am Schulwahlverhalten der Eltern“, meint er. So seien seit Wegfall der verbindlichen Schulempfehlung an den Grundschulen an der Realschule vermehrt Kinder mit Werkrealschulempfehlung gekommen. Auch von den Gymnasien kämen häufiger Kinder – und das zu einem immer früheren Zeitpunkt in der Schulkarriere. Früher habe der Wechsel meistens in Stufe 8 oder 9 stattgefunden, heute ist es oft in der Stufe 5,6 oder 7. „Also weit vor der Pubertät. Das weist darauf hin, dass das Wahlverhalten ausschlaggebend war“, sagt Robin Fehmer.
Das Thema Integration geflüchteter Kinder spiele zwar an seiner Schule auch eine Rolle, aber dafür gebe es Vorbereitungsklassen, in denen die Kinder maximal zwei Jahre ihre Deutschkenntnisse verbessern können. „Danach müssen sie aber in die Regelklasse“, sagt er. Bei einzelnen Kindern habe das schon geklappt, sagt er. Sofern Schulen diese Möglichkeit nicht haben, bekämen sie allerdings ein Problem.
Die Diskussion um die Digitalisierung verfolgt Robin Fehmer ebenfalls. „Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg“, ist er überzeugt. Wenn aus Schweden ein rückläufiger Trend kommt, also Computer und Handys zu verdammen, hält er davon auch nicht viel. „Handys sind heute Grundlage von allem, sogar Vertretungspläne kommen aufs Telefon“, sagt er. Deshalb gebe es Medienbildung und IT in der Schule, denn: „Die Rechner sind aus der Schule nicht mehr wegzudenken. Hier wird für die Arbeitsrealität gelernt. Wir müssen sie doch tauglich machen dafür“. Ob dann ab der Klasse 8 alle ein Notebook haben müssen, müsse man sich genau anschauen – in der Praxis eben.
Lucia Heffner, Schlossgymnasium Kirchheim
Lucia Heffner, Schulleiterin am Kirchheimer Schlossgymnasium, sieht das Pisa-Ergebnis auch als eine Corona-Folge. „Wir waren zu Beginn der Corona-Zeit technisch und methodisch nicht gut aufgestellt. Da waren andere Länder deutlich weiter“, betont sie. Die Defizite in manchen Bereichen merke man den „Corona-Jahrgängen“ bis heute an. So habe man beispielsweise in Naturwissenschaften während der Homeschooling-Phase keine Experimente machen können.
Ein anderes Problem verortet die Oberstudiendirektorin mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung in der gesellschaftlichen Entwicklung. „Bildung spielt in der Gesellschaft nicht mehr die wichtigste Rolle.“ Das habe auch für die Schulen Folgen: „Schule soll heute vor allem Spaß machen. Der Konsens, dass schule Kindern auch Leistung abverlangen muss, ist nicht mehr so gegeben wie vor 20 Jahren“, meint sie.
„Die Schülerinnen und Schüler heute können nicht weniger als in unserer Zeit“, sagt sie. Aber: Heute werde mehr gefragt, was man davon habe und warum etwas gemacht werden soll. Ein einfaches Rezept hätte Lucia Heffner auch, um langfristig wieder besser dazustehen. „Eine andere Haltung zur Leistung, dann würde sich einiges verbessern.“
Pisa-Studie: So hat Deutschland abgeschnitten
Allgemein
Am 5. Dezember 2023 hat die OECD die Ergebnisse der PISA-Erhebung 2022 vorgestellt.
Rund 690 000 Schülerinnen und Schüler aus 81 Ländern und Volkswirtschaften hatten an der Erhebung teilgenommen - stellvertretend für 29 Millionen Schülerinnen und Schüler in aller Welt. Schwerpunktbereich war die Mathematik.
Insgesamt kam es in der PISA-Erhebung 2022 zu einem beispiellosen Rückgang des OECD-Leistungsdurchschnitts. Verglichen mit 2018 sank er in Lesekompetenz um 10 Punkte und in Mathematik um fast 15 Punkte. Der Leistungsrückgang in Mathematik ist dreimal so hoch wie jede vorherige Veränderung von einer PISA-Erhebung zur nächsten. Auf die Coronapandemie kann der Leistungsrückgang nur teilweise zurückgeführt werden.
2022 fielen die Durchschnittsergebnisse in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften schwächer aus als 2018.
Deutschland:
• Insgesamt handelt es sich bei den Ergebnissen von 2022 in allen drei Kompetenzbereichen um die
niedrigsten Werte, die jemals im Rahmen von PISA gemessen wurden. Die Differenz zwischen den
Durchschnittsergebnissen von 2018 und 2022 in Mathematik und Lesekompetenz entspricht in
etwa dem typischen Lernfortschritt, den Schüler*innen im Alter von ca. 15 Jahren während eines
ganzen Schuljahrs erzielen. Der starke Rückgang der mittleren Punktzahlen zwischen 2018 und
2022 bestätigte und verstärkte indessen einen Trend, der bereits 2012 bzw. 2015 (je nach Kompetenzbereich) einsetzte.
• Im jüngsten Zeitraum (2018–2022) veränderte sich der Leistungsabstand zwischen den leistungsstärksten Schüler*innen (den 10 % mit den höchsten Punktzahlen) und den leistungsschwächsten
Schüler*innen (den 10 % mit den niedrigsten Punktzahlen) in Mathematik, Lesekompetenz und
Naturwissenschaften nicht signifikant. In Mathematik verschlechterten sich die Leistungen der besonders leistungsstarken und der leistungsschwachen Schüler*innen gleichermaßen.
• Gegenüber 2012 erhöhte sich der Anteil der Schüler*innen, deren Leistungen unter dem Grundkompetenzniveau (Stufe 2) lagen, um 12 Prozentpunkte in Mathematik sowie um 11 Prozentpunkte in Lesekompetenz und in Naturwissenschaften. Quelle: OECD
