Kirchheim. Während wenige Meter weiter die ersten Besucher über den Kirchheimer Weihnachtsmarkt bummeln und Frau Holle ihre Geschichte vorliest, geht es bei einer Protest-Aktion der SPD-Jugend auf dem Marktplatz um ein deutlich ungemütlicheres Thema. Nur wenige Stunden zuvor hat der Deutsche Bundestag das Wehrdienstgesetz verabschiedet. Es sieht noch keine Wehrpflicht, aber unter anderem verpflichtende Musterungen aller volljährigen Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 vor. Ziel ist es, die Bundeswehr personell zu verstärken.
Jugend fühlt sich übergangen
Die Mahnwache auf dem Marktplatz haben die Kirchheimer Jusos gemeinsam mit der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK) Neckar-Fils auf die Beine gestellt. Die Vertreter der Jugendorganisation sprechen sich gegen eine Reaktivierung der Wehrpflicht aus und forderten eine Garantie der Freiwilligkeit. „Mich stört der Druck, der jungen Menschen und speziell jungen Männern gerade gesellschaftlich und politisch gemacht wird“, sagt Jonas Rössle, Vorsitzender der Kirchheimer Jusos. Die Jugend sei plötzlich verantwortlich für die gesamte Sicherheit des Landes. „Das lässt sich einfach sagen, wenn man selbst entweder gar nicht mehr, oder nur in Friedenszeiten von der Wehrpflicht betroffen war“, so der 17-Jährige. Er appellierte an die Bundesregierung, nicht nur über, sondern mit den Jugendlichen zu sprechen. „Es könnte gemeinsam nach einer Lösung geschaut werden, die vielleicht auch weniger Angst bei jungen Menschen auslöst“, sagt Rössle.
Auch Frederik Rau, der für die Kinder- und Jugendbeteiligung „BePart“ spricht, findet, dass Entscheidungen, die junge Menschen betreffen, nicht ohne sie getroffen werden dürfen. Dass über Gesetze entschieden wird, ohne diejenigen einzubeziehen, die diese Entscheidungen unmittelbar treffen, dürfe nicht sein. „Klar ist für uns: Ein Losverfahren, das willkürlich darüber entscheidet, wen eine solche Pflicht betrifft, ist keine sinnvolle Lösung“, sagt der 18-Jährige. „Stattdessen brauchen wir einen offenen, fairen und respektvollen Austausch“.
Für Hans Dörr als Vertreter der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsgegnerInnen (DFG/VK) ist das neue Gesetz eine Vorstufe für die Wiedereinführung der Wehrpflicht in einigen Jahren. Es seien die Alten, die die Jungen verpflichten wollten, Dienst an der Waffe zu leisten. „Deutschland muss nicht kriegstüchtig, sondern friedensfähig werden. Dafür müssen wir uns alle mit voller Kraft einsetzen“, sagte er.

