Trauer
Wenn das Grab einer Feuerstelle gleicht

Susanne Faber hat mit Schuldgefühlen, Hilflosigkeit und Wut zu kämpfen, weil es ihr nicht gelingt, ihrer verstorbenen Mutter einen würdevollen Platz auf dem Friedhof in Kirchheim zu schaffen. 

Eine unschöne Stelle in der Wiese hindert Susanne Faber daran, in Ruhe um ihre Mutter zu trauern. Symbolfoto: adobe.stock.com

Es zerreißt mir das Herz, wenn ich das Grab meiner Mutter sehe“, sagt die Kirchheimerin Susanne Faber (Name geändert), als sie auf dem Alten Friedhof steht und ihr das kahle Loch im Rasen entgegenklafft. Seit sieben Jahren lebe sie damit. Vor acht Jahren ist ihre Mutter gestorben und wurde in einem Urnenrasengrab beigesetzt. Die freien Gräber auf dem Wiesenstück wurden nach und nach vergeben, jetzt sind sie voll. Das kahle Loch, das sie an eine Feuerstelle erinnert, wurde rund ein Jahr nach der Beisetzung von Susanne Fabers Mutter vergeben – damit begann ihr Kampf.

„Zuerst wurden Steine und Kastanien im Kreis um die Stelle gelegt und Stöckchen zur Markierung hineingesteckt“, erzählt Susanne Faber. Beim Mähen der Wiese seien die Gegenstände vom Friedhofspersonal entfernt worden. Fabers Theorie: Die Angehörigen wollten wahrscheinlich nicht, dass die Stelle nicht mehr klar zu erkennen ist. Nun rolle der Rasenmäher problemlos über die Mulde, die mit Sand gefüllt ist, sodass sich kein grünes Hälmchen mehr nach oben kämpfen kann.

In der Not an Stadt gewandt

Wo einst Verständnis war, ist Wut geblieben: „Wenn ein Angehöriger stirbt, ist man zuerst einmal in einem Schockzustand, das war bei mir auch so“, sagt Susanne Faber. Als die Gräber auf der Fläche nach und nach belegt wurden, sei es öfter passiert, dass Herzen, Blumen oder Kerzen direkt auf den frischen Gräber abgelegt wurden. Aber auch das habe längst aufgehört. Alle Gräber seien seit einziger Zeit belegt und die Angehörigen würden ihre Kerzen – dort, wo es erlaubt ist – bei den Säulen aufstellen. Nur die eine Stelle sei immer noch kahl. „Ich dachte, dass auch die Person irgendwann Ruhe findet und damit aufhören würde – hat sie aber nicht.“

In ihrer Hilflosigkeit hat sich Susanne Faber an die Stadt Kirchheim gewandt. „Ich habe über die Jahre hinweg unzählige Male dort angerufen und um Hilfe gebeten, aber das hat nichts gebracht.“ Die Stadtverwaltung habe die Mulde zwar wieder mit Erde aufgefüllt und Gras nachgesät, aber das habe nie lange gehalten: Schnell war die Mulde wieder ausgehoben und der Sand gestreut.

Auf dem Alten Friedhof in Kirchheim wird beharrlich an einer Stelle auf einer Urnenrasengrabfläche das Gras entfernt. Foto: pr

  

„Meine Mutter wollte immer auf dem Alten Friedhof beigesetzt werden: Es macht mich unglaublich traurig, dass die Fläche so schlimm aussieht. Neulich hat es mich überkommen und ich habe auf dem Friedhof einfach geweint.“ Traurigkeit ist längst nicht mehr das einzige Gefühl, das Susanne Faber hat, wenn sie an das Grab denkt. Vor allem plage sie ein schlechtes Gewissen ihrer Mutter gegenüber, weil es ihr nicht gelinge, ihr einen würdevollen Platz zu schaffen. Die Vorstellung, sie sehe von oben herunter und blicke auf das unschöne Loch, sei für sie unerträglich. Unter das Ohnmachtsgefühl und die Hilflosigkeit mische sich immer häufiger Wut. Wut und der Wunsch, die Menschen zur Rede zu stellen, die ihr die Möglichkeit, Ruhe zu finden, nehmen. 

Das Geld spielt eine Rolle

Alles hätte so schön sein können: Als sie sich vor acht Jahren für das Urnenrasengrab entschied, hatte sie sich eine satte grüne Fläche oder gar eine Wildwiese vorgestellt. Jetzt muss sie sich nicht nur über das Loch im Rasen ärgern, sondern ist auch von der teils ausgetrockneten Fläche schwer enttäuscht. „Ich musste mich aus finanziellen Gründen für diese Variante entscheiden.“ Da es verboten sei, selbst etwas anzupflanzen, würde sie sich von den Verantwortlichen wünschen, dass die Fläche besser gepflegt wird. 

 

Die Stadt Kirchheim bezieht Stellung

Der Stadt Kirchheim ist der Fall durchaus bekannt: In der Vergangenheit sei bereits vor Ort ein Schild mit dem Hinweis angebracht worden, dass Beschädigungen des Rasens zu unterlassen sind, die Stadtverwaltung werd nochmals ein Hinweisschild aufstellen und auf die Verhaltensregeln hinweisen, teilt diese mit. Wer sich nicht an die Regeln hält, begehe eine Ordnungswidrigkeit.

Um die Schäden zu beheben, sei mehrfach Gras ausgesät worden. „Aktuell ist die Fläche frisch mit Rasensamen eingesät.“ Die Grasnarbe ist nach Einschätzung der Stadtverwaltung kleinflächig entfernt und mit dunklem Substrat überdeckt worden, welches Ascheresten ähnlich sehen könne. 

Eine Kamera auf dem Gelände anzubringen, um die Person zu identifizieren, wie Susanne Faber sich das wünschen würde, müsste zuvor eingehend auf die rechtliche Zulässigkeit hin geprüft werden. „Hierfür gelten hohe Anforderungen.“ Darüber hinaus hält das Sachgebiet Grünflächen das Anbringen einer Kamera nicht für verhältnismäßig, zumal der Verursacher nicht zweifelsfrei bekannt ist. Die Stadt könnte, falls der Verursacher zweifelsfrei bekannt wäre, und eine Ordnungswidrigkeit nach der Friedhofssatzung festgestellt wird, ein Bußgeld verhängen. Die Verwaltung kümmere sich weiterhin in ihrem möglichen Handlungsrahmen darum, dass Veränderungen am Grab beseitigt werden. Auch fand ein Austausch mit Susanne Faber statt, in dem aufgezeigt worden sei, welche Maßnahmen die Stadt ergreife.