Mobilität
Wenn das Ruftaxi nicht mehr kommt

Wer im Alter fernab der Buslinien wohnt und nicht mehr Auto fahren kann, hat es schwer. Das zeigt der Fall einer Kirchheimerin, die mit der Stadt im Dauerclinch liegt. Wie andere Städte solche Probleme lösen. 

In Leinfelden-Echterdingen ist der "VVS-Rider" heute schon unterwegs. Auch Kirchheim liebäugelt mit diesem Mobilitäts-Modell. Foto: pr

Dagmar Altmann wohnt dort, wo viele Menschen gerne leben würden: Im Münzen in der Nähe der Esslinger Steige, ruhig, naturnah. Die abgeschiedene Wohnlage hat für die 83-Jährige und ihren 95 Jahre alten Mann aber einen erheblichen Nachteil: Sie sitzen dort quasi fest. Beide sind stark sehbehindert, ans Autofahren ist nicht mehr zu denken. Die nächste Bushaltestelle ist weit entfernt. Zum Einkaufen runter in die Stadt kann die rüstige Dame zwar noch gehen. Aber bergauf, mit vollen Einkaufstaschen? Unmöglich. „Hier oben gibt es nichts. Keinen Bäcker. Keinen Arzt. Und erst recht keine kulturellen Angebote“, verdeutlicht Dagmar Altmann, die früher häufig mit ihrem Mann Konzerte in der Martinskirche besucht hat, die Misere. 

Ständig Taxikosten zu bezahlen, das sieht die Kirchheimerin nicht ein. Es gehe ihr um Gleichberechtigung, sagt sie. Für Dagmar Altmann sind Stadt und Landkreis in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie einkaufen gehen oder ihre Arzttermine wahrnehmen kann – so wie das noch vor Kurzem möglich war. „Früher hat es hier ein Ruftaxi gegeben“, sagt Dagmar Altmann. „Aber als das Ganze an Schlienz übergeben wurde, hat man unseren Stadtteil einfach vergessen.“

In Kirchheim können Fahrgäste laut VVS auf acht Ruftaxi-Linien zurückgreifen, die alle in der Nacht unterwegs sind, wenn der Bus nicht mehr fährt. Zwei sind auf die Innenstadt beschränkt, die anderen bringen Passagiere bis in die Nachbargemeinden. Das Ruftaxi RT16 ist als einziges auch tagsüber unterwegs und steuert vom Marktplatz aus das Wohngebiet Milcherberg an, das ebenfalls abseits der normalen Busrouten liegt. Aber eben nicht den Münzen. Laut dem Kirchheimer Bürgermeister Günter Riemer hat der Landkreis es als Aufgabenträger bei der letzten Fortschreibung des Linienbündels tatsächlich versäumt, das Wohngebiet tagsüber mit aufzunehmen.

Übergangsweise hatte die Stadt Kirchheim für das vergessene Wohngebiet eine Lösung gefunden und Anwohnern im Rahmen eines Modellprojekts ermöglicht, per Taxi in die Stadt zu fahren. Die Rechnungen bezahlte die Verwaltung. Laut Günter Riemer habe man den Versuch jedoch wieder eingestellt, weil die Fahrten weit über das hinaus genutzt worden seien, was vereinbart gewesen war. Ein Vorwurf, den Dagmar Altmann entschieden zurückweist. 

Eine Lösung für abgelegenere Stadtgebiete könnten sogenannte „On-Demand-Verkehre“ sein, wie es sie in Wernau und Leinfelden-Echterdingen bereits gibt. Diese Kleinbusse sind sozusagen die Ruftaxis 2.0 und gelten als deutlich fahrgastfreundlicher, weil sie – anders als die herkömmlichen Anrufsammeltaxis – nicht auf festen Routen unterwegs sind und keinem Fahrplan folgen. Angemeldet wird der Fahrtwunsch per Handy-App oder telefonisch. Während das „FlexMobil“, wie das Angebot in Wernau heißt, sich an Nachtschwärmer richtet, ist der „Rider“ in Leinfelden-Echterdingen tagsüber unterwegs.

„On-Demand-Verkehre“ fahren zwar nicht von Haustür zu Haustür, aber die Zu- und Ausstiegspunkte befinden sich häufig an der nächsten Straßenkreuzung. Eine Software gibt dem Fahrer eine Route vor, auf der Fahrgäste, die in die gleiche Richtung unterwegs sind, nacheinander eingesammelt und an ihren Zielen abgeliefert werden. Die Kleinbusse verfügen über eine Rollstuhlrampe und sind damit barrierefrei zugänglich.

Diese Konzepte findet auch die Stadt Kirchheim attraktiv. „Wir werden das Thema On-Demand-Verkehre pushen“, sagt Günter Riemer mit Blick auf die nächste Fortschreibung des Nahverkehrsplans. Die steht laut VVS allerdings erst 2026/2027 an. Ob Menschen wie Dagmar Altmann so lange warten wollen, ist fraglich.

 

Wer gehbehindert ist, fährt gratis

Im Landkreis Esslingen können Menschen mit erheblicher Mobilitätseinschränkung den Fahrdienst des Landratsamts in Anspruch nehmen, sofern sie die Merkzeichen „aG“ (außergewöhnliche Gehbehinderung) oder „G“ (erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit) und „H“ (Hilflosigkeit) im Schwerbehindertenausweis stehen haben und aufgrund ihrer Behinderung keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Dabei handelt es sich um eine Freiwilligkeitsleistung des Landkreises.

Der Fahrdienst unterstützt die Menschen dabei, wichtige Besorgungen, Behördengänge, Arztbesuche oder gesellschaftliche Aktivitäten wahrzunehmen. Auch Begleitpersonen können kostenlos mitfahren. Ziel der Mobilitätshilfe ist es, ihre Mobilität zu fördern, soziale Isolation zu verhindern und eine Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu erleichtern und zu unterstützen.

Die Kostenübernahme beträgt bis zu 840 Euro pro Jahr, anteilig 70 Euro pro Monat bei unterjähriger Antragstellung. Sie ist abhängig vom Einkommen. Fahrgutscheine dienen dabei als Nachweis. Die zur Verfügung gestellten Fahrgutscheine können bei anerkannten Spezialbeförderungsdiensten oder Taxiunternehmen im Landkreis eingelöst werden. adö