Helena (14) würde abends in Kirchheim nicht alleine rausgehen. Außerdem achtet sie stets darauf, was sie anzieht – wobei das nicht immer helfe. Auch wenn sie und ihre Freundinnen sich „ganz normal“ kleiden würden, halte das einige Männer nicht davon ab, sie auf unangenehme Art und Weise anzusprechen. Die Schülerinnen der Freihof-Realschule haben längst gelernt, ihr Umfeld im Blick zu behalten und ihr eigenes Verhalten anzupassen. „Das ist schon eine Einschränkung“, sagt Helena.
Das Handy in der Hand
Elina (15) hat oft das Gefühl, beobachtet zu werden: Sie schaut sich über die Schulter, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wird. Selbst dann, wenn vermeintlich alles sicher ist, scannt sie ihr Umfeld und überlegt, wo sie sich im Notfall in Sicherheit bringen könnte. Ihr Handy hält sie in der Hand. Das Gefühl, es könnte etwas passieren, verschwindet dadurch nicht. Einen Selbstverteidigungskurs hat sie auf eigenen Wunsch hin gemacht. Die Schlüssel nimmt sie jetzt immer zwischen den Fingern, wenn sie eine gefährliche Situation kommen sieht, um sich damit verteidigen zu können.
Mara (14) geht abends nach dem Sportunterricht einen langen Umweg, weil es ihr auf dem direkten Heimweg zu dunkel ist. Helena (14) telefoniert beim Gehen, damit die Person am Ende der Leitung gleich weiß, wenn etwas passiert. Außerdem hat sie einen Hund und trägt daher für unerfreuliche Begegnungen auf der täglichen Gassirunde ein Hundeabwehrspray bei sich. Die Gewissheit, dass es in ihrer Tasche liegt, beruhig sie, da sie es im Fall der Fälle zur Verteidigung gegen Angreifer einsetzen würde.
Hier gibt es Probleme
Die 14-jährige Hala fühlt sich in Kirchheim eigentlich ganz wohl – abends und nachts, vor allem jetzt im Winter, wenn es schnell dunkel wird, sieht das schon anders aus. Bevor sie eine schmale Gasse betritt, schaut sie, wie viele Menschen sich darin befinden, und überlegt sich, ob sie dort hinein möchte. Am Spielplatz an der Bastion geht sie nicht gerne vorbei. Wenn sich dort abends viele Jugendlich aufhalten würden, laut seien und vorbeigehenden Frauen hinterherrufen würden, sorge das bei der Schülerin dafür, dass sie sich unwohl und unsicher fühle.
Elina findet es gruselig, frühmorgens oder abends alleine am Bahnhof entlangzugehen: Ihr sei es schon oft passiert, dass ihr dort Männer Sätze wie „Hey, komm mal her“ hinterhergerufen hätten. Im Dunkeln sei es schlimmer, das heißt aber nicht, dass am Tag nichts passiert: Wenn die Schülerinnen in der Mittagspause von der Freihof-Realschule an der Lauter entlang zum Nanz-Center gehen, könne es passieren, dass ihnen etwas hinterhergerufen werde – ob es bei den Sprüchen bleibt, wissen sie nie. Besonders kritisch sei die kleine Treppe, die auf den Postplatz führt, weil dort oft Männer mit Alkohol sitzen würden.
Die 14-jährige Helena erinnert sich an eine Situation, in der sie Angst hatte und sich unwohl fühlte: Sie war in Kirchheim unterwegs, als ein Auto hinter ihr langsamer wurde, die jungen Männer darin hätten die Fenster heruntergelassen, gepfiffen und gehupt. Die Schülerinnen erzählen nicht nur von Männern, die sie dazu auffordern, zu ihnen zu kommen, sondern auch davon, heimlich fotografiert zu werden, von Männern, die sich ihnen in der Öffentlichkeit nähern, obwohl sie das nicht wollen, und davon, wie sie in Häusern Schutz suchen. Bei der Polizei haben sie nie angerufen. Die jungen Schülerinnen würden sich wünschen, dass dunkle Gassen besser beleuchtet werden, die Polizei am Bahnhof präsenter ist und dass dort Kameras angebracht werden.
Stellungnahme der Stadt
„Es darf nicht passieren, dass junge Menschen Situationen erleben, in denen sie sich bedrängt oder belästigt fühlen“, sagt Oberbürgermeister Pascal Bader. Rund um den Bahnhof und den Postplatz seien der Ordnungsdienst und die Polizei regelmäßig präsent. Diese Maßnahmen alleine würden jedoch nicht ausreichen, um die Sicherheit nachhaltig zu erhöhen, auch weil die Präsenz nicht so umfassend sein könne, wie es nötig wäre. Eine Videoüberwachung an ausgewählten Punkten könne jedoch dazu beitragen, Täter abzuschrecken, Vorfälle schneller aufzuklären und insgesamt für mehr Sicherheit zu sorgen, sagt der Oberbürgermeister. Mit der Einbringung eines neuen Landesdatenschutzgesetzes werden nach seinen Worten derzeit die rechtlichen Voraussetzungen hierfür geschaffen. „Sobald das neue Gesetz in Kraft getreten ist und die formellen Voraussetzungen klar definiert sind, werden wir in Abstimmung mit der Landespolizei in die vertiefte Prüfung einsteigen. Parallel dazu arbeiten wir gemeinsam mit der Polizei an präventiven Ansätzen. Denn unser beziehungsweise mein Ziel ist eindeutig, dass Kirchheim ein Ort sein soll, an dem sich alle, insbesondere junge Menschen, zu jeder Tageszeit sicher bewegen können.“
Die Kriminalitätsstatistik für die Stadt Kirchheim zeigt, so Bader, aktuell im Vergleich zum Vorjahr 2024 eine rückläufige Kriminalität. Trotzdem gebe es Orte, an denen sich Menschen subjektiv unwohl fühlen würden. Das zeige auch eine aktuelle Sicherheitsbefragung im Kreis Göppingen, die überraschende Ergebnisse geliefert habe: Die Kriminalitätsfurcht nehme zu, wenn sich allgemeine Krisen, wie Klimathemen oder Kriege, überlagern.
Gewalt gegen Frauen: Zahlen zu Kirchheim
Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung: 2020: 10, 2021: 11, 2022: 19, 2023: 17, 2024: 19
Sexuelle Übergriffe: 2020: 1, 2021: 1, 2022: 1, 2023: 1, 2024: 2
Sexuelle Belästigung: 2020: 4, 2021: 6, 2022: 10, 2023: 9, 2024: 6
Sexueller Missbrauch von Kindern: 2020: 1, 2021: 0, 2022: 1, 2023: 0, 2024: 5
Körperverletzung: 2020: 82, 2021: 105, 2022: 105, 2023: 121, 2024: 123 Bei den Körperverletzungen ist zu beachten, dass es sich hierbei auch um Taten handelt, die von Frauen verübt wurden.

