Peter ist frustriert. Das Online-Escape-Game, das seine Gruppe zu lösen versucht, ist textlastig und kompliziert. Die Schülerinnen und Schüler stecken fest, kommen einfach nicht weiter. Zuerst lässt Peter seinen Ärger an der FSJlerin aus, die neben ihm sitzt und geduldig mit ihm spricht. Wenig später steht er auf, pfeffert ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Mülleimer und verlässt den Raum. Maike Schamber, die die AG leitet, registriert es aus den Augenwinkeln, kommentiert es aber nicht. Die Sozialpädagogin weiß, dass Peter eine Auszeit braucht und sie sich genommen hat. Eine Viertelstunde später wird der Jugendliche, der eigentlich anders heißt, ins Klassenzimmer zurückkehren.
Solche Situationen gehören in den drei Nautilus-Klassen, die als Außenklassen der Janusz-Korczak-Schule an der Teck-Grundschule in Kirchheim untergebracht sind, zum Alltag. Alle Schülerinnen und Schüler, die hier ganztags oder halbtags die Schulbank drücken, haben eine Autismus-Spektrum-Störung. Sie alle eint, dass ihnen für ihre Gefühle die Worte fehlen, und für vieles andere auch. „Sie müssen erst lernen, zu sagen, was sie brauchen“, sagt der Leiter der Janusz-Korczak-Schule, Dr. Werner Baur. Sich in andere hineinzuversetzen, fällt ihnen ebenfalls schwer. „Unsere Schüler müssen Gefühle erlernen wie eine Fremdsprache“, sagt Baur. Deshalb steht ab der fünften Klasse soziales Kompetenztraining auf dem Lehrplan.
Von „Autismus“ spricht man heute nicht mehr, sondern von Autismus-Spektrum-Störungen, weil die Bandbreite so groß ist. Das sei mit der Grund, warum die Zahlen (siehe Info) so massiv gestiegen seien, sagt Werner Baur. „Wir diagnostizieren heute feiner und mehr als früher.“ An den Rändern gebe es ganz bestimmt Kinder, die die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ vor zehn Jahren noch nicht bekommen hätten, sondern weiterhin die Regelschule besucht hätten und dort eben auffällig gewesen seien. Eltern seien meist froh über eine Diagnose. „Weil sie wissen, dass es dann Ressourcen für ihr Kind gibt.“
Ressourcen, das ist überhaupt ein gutes Stichwort, wenn es um die Nautilus-Klassen geht. Statt nur einer Lehrkraft, wie es an Regelschulen üblich ist, gibt es in der Regel drei Erwachsene pro Klassenzimmer: Lehrkraft plus Sozialpädagogin plus FSJ-Kraft. Der Unterricht orientiert sich am Bildungsplan der Werkrealschule, aber die Jugendlichen benötigen mehr als reine Wissensvermittlung. „Sie brauchen Zeit, Sicherheit, ein stabiles System und ganz viel Geduld von uns Erwachsenen“, sagt Sozialpädagogin Maike Schamber von der Stiftung Tragwerk und nennt ein Beispiel. Kürzlich habe ein Kind bei einem Mathe-Test völlig verweigert. Am Stoff konnte es nicht liegen. Irgendwann bekam Schamber heraus: Der Stift war das Problem. Der Schüler, der erst kürzlich von der Regelschule in die Nautilus-Klasse gewechselt war, war es gewohnt, nur mit Bleistift zu schreiben, sollte im Test jedoch den Füller benutzen. Als er mit Bleistift schreiben durfte, war wieder alles in Ordnung.
Einige der Kinder waren früher an Regelschulen, bis sie die Diagnose erhielten. Was sagen Eltern, deren Kinder nun die Nautilus-Klasse besuchen? „Es ist toll, dass mein Kind wieder gern in die Schule geht“, zitiert Werner Baur eine Aussage, die er eigentlich immer höre, und: „Mein Kind weint nicht mehr, wenn es in die Schule muss.“ „Die Kinder sind froh, dass sie einen Schulalltag haben, der sie nicht mehr stresst“, ergänzt Sozialpädagogin Maike Schamber. Tatsächlich ist die Atmosphäre im Klassenzimmer gelöst. Die Kinder lachen miteinander. Und wer – wie Peter – eine Auszeit braucht, hat keine Strafen oder Ähnliches zu befürchten. Im Gegenteil: „Rausgehen ist uns lieber als stören“, sagt Werner Baur. Man ermutige die Kinder, ihre Gefühle ernst zu nehmen. „Autisten kriegen ja oft die Rückmeldung: ‚Du bist komisch. Etwas stimmt nicht mit dir.‘ Wir ermutigen die Kinder, dass sie sich selbst richtig wahrnehmen können“, sagt Werner Baur.
Wo Kinder mit autistischen Verhaltensweisen lernen
Zahlen Die Zahl der Menschen mit „Autismus-Spektrum-Störung“ hat sich laut dem Geschäftsführer der Janusz-Korczak-Schule, Werner Baur, in den letzten 50 Jahren verhundertfacht. Während im Jahr 1975 einer von 5000 Menschen betroffen war, ist es mittlerweile einer von 44. Mit dafür verantwortlich sei natürlich die Diagnostik.
Schularten Für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung gibt es im Altkreis Nürtingen je nach Ausprägung verschiedene Schularten. Kinder mit frühkindlichem Autismus, die nicht sprechen können und massive geistige Beeinträchtigungen sowie Zusatzdiagnosen haben, besuchen die Bodelschwinghschule. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es laut Werner Baur Kinder, die so fit sind, dass sie mit einer Einzelschulbegleitung an der Realschule oder am Gymnasium zurechtkommen. Die Nautilus-Klassen an der Teck-Realschule, die Außenklassen der Janus-Korczak-Schule sind, bezeichnet Baur als den „Mittelbereich“. Der Unterricht für die meisten Kinder dort orientiert sich am Bildungsplan der Werkrealschule, dieser Abschluss wird angestrebt. Möglich ist aber auch die Mittlere Reife. Immer wieder schafften Kinder den Sprung zurück in die Regelschule. Für Grundschulkinder gibt es in Nürtingen Klassen an der Ersbergschule.
Partner gesucht Als die Teck-Realschule auf den Campus Rauner umzog, wären die Nautilus-Klassen gerne mitgegangen, doch dann gab es – anders als ursprünglich kommuniziert – nicht genügend Platz. Werner Baur ist deshalb immer auf der Suche nach einer neuen Partnerschule, damit die Schüler der Nautilus-Klassen mehr Kontakt mit Gleichaltrigen haben und bei Bedarf immer wieder den Regelunterricht besuchen können. „Die Kinder brauchen den Schutzraum, aber sie brauchen eigentlich auch die Normalität“, sagt er.
Warteliste Die Nautilus-Klassen sind voll und können keine weiteren Kinder aufnehmen. Für das Schuljahr 2026/27 gibt es eine Warteliste. „Wir würden gerne eine weitere Klasse eröffnen, aber es fehlt an Personal und an Räumen“, sagt Werner Baur. adö

