Kirchheim
Wie die Badwiesen in Kirchheim einmal aussehen sollen

Bauen Die Kreisbaugenossenschaft krempelt das Wohngebiet Badwiesen im Kirchheimer Westen komplett um. Im Sommer ist Baubeginn. Doch die Sanierung hat ihren Preis – nicht nur für die Kreisbau. Von Antje Dörr

Die Garagen zwischen den Gebäuden 1-3 und 5-7 müssen weichen. Dort entsteht ein Neubau mit acht Wohnungen. Links im Bild ist der Neubau der Kreisbaugenossenschaft in der Schöllkopfstraße zu sehen. Foto: Carsten Riedl

In den Badwiesen im Kirchheimer Westen hat der Abriss schon begonnen. Der Bagger hat ganze Arbeit geleistet, von den Garagen, die einst vor den Häusern 1-3 und 5-7 standen, ist nur noch die Hälfte zu sehen. Der Abbruch der Garagen ist zugleich der Startschuss für ein riesiges Projekt, das die Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen insgesamt rund 100 Millionen Euro kostet und in deren Zuge die Wohnanlage aus den 60er-Jahren komplett umgekrempelt wird.

Ziel ist es, die in die Jahre gekommenen Gebäude zu sanieren und um 117 Wohnungen zu ergänzen. Aktuell stehen den Mietern der Kreisbaugenossenschaft dort 192 Wohnungen zur Verfügung. Wenn – frühestens im Jahr 2034 – alles fertig ist, sollen es insgesamt 309 sein. Möglich wird das, weil die bisher nicht genutzten Dachräume in den Bestandsgebäuden umgebaut und zu Wohnraum gemacht werden. Außerdem entstehen dort, wo jetzt die überirdischen Garagen stehen beziehungsweise standen, fünf Neubauten in Holzbauweise mit je acht Wohnungen und Tiefgaragen. In diesen neuen Gebäuden sollen auch Gemeinschaftsflächen untergebracht werden.

 

Der Baubeginn im Sommer steht nicht infrage.
Susanne Schmidt, Kreisbau-Sprecherin, über den Auszug ukrainischer Flüchtlinge.

 

Auch die Außenanlagen werden sich verändern, wobei die Grünflächen mit altem Baumbestand hinter den Gebäuden unangetastet bleiben. Dort steht seit Februar ein Pavillon, der während der Bauzeit als Veranstaltungsort und Begegnungsstätte dienen soll. Auf Stelen können sich Interessierte über das Projekt informieren. Beispielsweise darüber, dass die Aufenthaltsbereiche in der Wohnanlage weitestgehend autofrei gestaltet werden sollen. Dafür werde das Grundstück komplett durchgrünt und die vorhandenen Garagen abgebrochen, schreibt die Kreisbaugenossenschaft in einer Pressemitteilung zum Projekt „Badwiesen 2030“. Neue Parkplätze sollen in Tiefgaragen unter den Gebäuden entstehen. Zusätzlich werde über ein Mobilitätskonzept ein Carsharing-Angebot zur Verfügung gestellt. 

So soll es in den Badwiesen zukünftig aussehen: Die Bestandsgebäude (links) werden saniert und aufgestockt. In Neubauten (rechts) entstehen neue Wohnungen. Visualisierung: Bankwitz Planungsgesellschaft

Ein solches Mega-Projekt lässt sich natürlich nur Stück für Stück umsetzen. Im ersten Bauabschnitt, der in diesem Sommer beginnen soll, sind die Gebäude 1-3 und 5-7 dran. In diesen beiden Wohngebäuden werden insgesamt 48 Wohnungen energetisch saniert, Grundrisse angepasst, Fassaden gedämmt und Fenster ausgetauscht. Außerdem wird das Gebäude aufgestockt, um Platz für weitere zwölf Wohnungen zu schaffen. Auch der viergeschossige Neubau in Holzbauweise, der an der Stelle errichtet wird, wo aktuell die Garagen abgerissen werden, gehört zum ersten Bauabschnitt. Darin entstehen neben acht Wohnungen ein Waschcafé sowie ein Co-Working-Space. Die Bauzeit soll gut zweieinhalb Jahre betragen. Investitionsvolumen: 25 Millionen Euro. 

Eine solche Komplettsanierung lässt sich natürlich nur in unbewohntem Zustand durchführen. Im Mai 2021 hatte die Kreisbaugenossenschaft die Mieterinnen und Mieter erstmals schriftlich über die Sanierung informiert und Ersatzwohnungen angeboten. Bis spätestens Ende 2022 sollten alle ausgezogen sein. Die meisten der 48 Bewohner seien wieder bei der Kreisbaugenossenschaft untergekommen, sprich, in andere freie Wohnungen umgezogen, sagt Susanne Schmidt, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, auf Anfrage. Einige wenige hätten selbst auf dem freien Wohnungsmarkt nach einer passenden Wohnung gesucht beziehungsweise seien altersbedingt in Seniorenheime gezogen.

Unbewohnt wirken die Gebäude, die im ersten Bauabschnitt saniert werden, immer noch nicht – zumindest nicht komplett. Auf einigen der Balkone trocknet Wäsche. In manchen Fenstern hängen Spitzenvorhänge, während andere den Blick auf leere Wohnungen freigeben. Hintergrund ist, dass die Kreisbaugenossenschaft zu Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 befristet Wohnungen an die Stadt Kirchheim vermietet hat, um dort Flüchtlingen unterzubringen. „Der Baubeginn im Sommer steht aber nicht infrage. Die Stadt weiß wegen der Befristung Bescheid und kümmert sich um neue Wohnungen für die ukrainischen Flüchtlinge“, sagt Susanne Schmidt. 

Aktuell seien 60 Menschen aus der Ukraine in den Gebäuden untergebracht, teilt die Stadt Kirchheim auf Nachfrage mit. Der Mietvertrag laufe Ende März 2024 aus. Darüber seien die betroffenen Personen bereits im vergangenen Jahr vom Eigenbetrieb „Städtischer Wohnbau Kirchheim“ informiert worden. „Diejenigen, die keinen privaten Wohnraum finden konnten, bekommen von der Stadt eine andere Unterkunft zur Verfügung gestellt“, sagt Sprecherin Vanessa Palesch.

Die Komplettsanierung der Badwiesen hat nicht nur für die Kreisbaugenossenschaft ihren Preis, sondern auch für deren Mieterinnen und Mieter. Günstiger wohnt man aktuell fast nirgendwo: Die durchschnittliche Kaltmiete lag 2022 bei 6,28 Euro pro Quadratmeter. 2022 hatte die Kreisbau-genossenschaft die Mieten in den „neuen Badwiesen“ mit 11 bis 12 Euro pro Quadratmeter angegeben, doch das ist auch schon wieder überholt. „Aufgrund der gestiegenen Baukosten und der höheren Zinsen werden die Mieten im freifinanzierten Wohnungsbau nach heutigem Stand zwischen 14 und 15 Euro nettokalt liegen“, sagt Susanne Schmidt. Damit werden die ungeförderten Wohnungen in den „neuen Badwiesen“ ungefähr doppelt so teuer sein wie das, was die Kreisbaugenossenschaft als Durchschnittsmiete in ihrem Bestand angibt: 7,39 Euro pro Quadratmeter. 

20 Prozent der Wohnungen sollen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein zur Verfügung stehen, im ersten Bauabschnitt sind das 14 von 69. Im geförderten Wohnungsbau sind die Mieten günstiger, sie liegen rund 33 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete.

Nach dem ersten Bauabschnitt sind die Gebäude 9-11 und 13-15 an der Reihe. „Mit den nächsten Mietern werden wir frühestens 2026 über einen Umzug sprechen“, sagt Susanne Schmidt. Geplant ist, dass diese Menschen dann in die frischsanierten Gebäude aus dem ersten Bauabschnitt umziehen können. Das heißt: Sofern sie sich die Mieten dort überhaupt leisten können.

Nachhaltigkeit wird beim Projekt großgeschrieben

Ökobilanz Die Modernisierung schneidet in der CO2-Bilanz um rund 50 Prozent besser ab als ein Abbruch der Gebäude. Die Neubauten entstehen in serieller Holzbauweise.

Energie Die Bestands- und Neubauten entsprechen dem Effizienzhausstandard KfW 55. Die für den Unterhalt benötigte Energie wird über regenerative Quellen erzeugt. Auf den Dachflächen sind PV-Anlagen vorgesehen. Zum Heizen werden Wasser-Wärmepumpen eingesetzt. Hierbei wird die Abwasserwärme aus dem Sammler in der Schöllkopfstraße in Heizenergie umgewandelt.

Wasserkreislauf Das auf dem Areal anfallende Regenwasser wird zur Bewässerung der Bäume genutzt. Die angrenzenden Gewässer der Lauter werden wieder offengelegt.

Mobilität Das Konzept sieht ein Carsharing-Angebot mit verschiedenen Fahrzeuggrößen für alle Zwecke vor. Auch E-Bikes und Lastenräder für kurze Erledigungsfahren sind geplant. ez